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Die andere WM
„Eine Weltmeisterschaft in Katar ist absurd“
Mit den Norisbengeln setzt sich Steffen Müller (weißes T-Shirt) gegen Homophobie im Fußball ein.
Mit den Norisbengeln unterstützt Steffen Müller (weißes T-Shirt) den 1. FC Nürnberg. // Norisbengel
Nürnberg – Der schwul-lesbische Fanklub des 1. FC Nürnberg setzt sich gegen Homophobie im Fußball ein. Die WM nach Katar zu vergeben, sieht der Verein nicht nur aufgrund der Lage im Land kritisch.

Die andere WM: Menschenrechtsverletzungen, eine kritische Situation der Frauen im Land, eine altertümliche Sexual-Moral – all das wird WM-Gastgeberland Katar vorgeworfen. Der Weltverband Fifa will das ausblenden, doch wir schauen hin und geben Organisationen, die sich täglich gegen Diskriminierung, für Freiheit und Gleichheit einsetzen, in unserer Berichterstattung zur Weltmeisterschaft eine Stimme.

Teil 1: Die Norisbengel

„Ich bereue diese Liebe nicht“ steht in leicht verschnörkeltem Schriftzug auf den Flaggen und Schals des schwul-lesbischen Fanclubs Norisbengel. Seit gut zehn Jahren unterstützen die Mitglieder den 1. FC Nürnberg. Gleichzeitig setzen sie sich gegen jegliche Art der Diskriminierung sowie gegen Homophobie im Fußball ein – sowohl unter Fans als auch Spielern.

Ein Thema, das vor allem in den sozialen Medien eine große Rolle spielt. „Im Stadion sehe ich das Problem mittlerweile weniger, es sind die Hasskommentare im Internet“, weiß Norisbengel-Vorstandsmitglied Steffen Müller. Das war jedoch nicht immer der Fall. „Als wir am Anfang im Stadion präsent waren, gab es ein paar negative Erlebnisse.“ Beleidigungen wie „schwule Sau“ mussten sich die Club-Fans anhören.

Die Fanbetreuung des 1. FC Nürnberg stand den Norisbengeln in dieser Zeit zur Seite. Seitdem kam es zu keinerlei Vorfällen mehr, weder bei Heim- noch bei Auswärtsspielen. „Von den Ultras werden wir als ganz normaler Fanklub wahrgenommen werden. Da gibt es keine Animositäten.“

Schon bei der Jugend aufklären

Erste Erfolge, die der Fanklub für sich verzeichnen kann. Und das nicht nur in der Fanszene. Auch das Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Nürnberg ist an der Aufklärungsarbeit der Norisbengel interessiert. „Wir wurden für eine Diskussionsrunde eingeladen und sollten uns vorstellen sowie das Thema Homophobie im Fußball thematisieren.“ Gebremst wurde das Event durch die Corona-Pandemie, Müller hofft jedoch auf eine zeitnahe Premiere. „Wir wollen dadurch auch dem einen oder anderen Spieler Mut zusprechen, damit offensiver umzugehen.“

Nicht nur Männer zählen zu den Mitgliedern, auch vier Frauen sind dabei.
Nicht nur Männer zählen zu den Mitgliedern, auch vier Frauen sind dabei. // Norisbengel

Diesen Rückhalt hatten die Norisbengel nicht immer, in ihrer Anfangszeit sei die Zusammenarbeit mit dem Club noch „etwas distanziert“ gewesen. „Das war für sie ja auch etwas ganz Neues, aber mit den Jahren haben wir viel Unterstützung erhalten, zum Beispiel beim Christopher-Street-Day in Nürnberg, an dem wir mehrfach teilgenommen haben“, erzählt Müller. Präsent sein, das ist es, was die schwul-lesbische Vereinigung will.  So ist sie auch bei der Saisoneröffnung auf dem Vereinsgelände oft mit einem Stand vertreten.

Entstehung des Fan-Klubs

Entstanden ist die Idee zur Gründung in dem schwulen Netzwerk Gaycon. 40 bis 50 Nürnberg-Fans tauschten sich dort in einer Gruppe über ihren Lieblingsverein aus. „Drei sind schnell auf die Idee gekommen, einen schwul-lesbischen Fanklub in Nürnberg zu gründen. Ich fand das toll und wollte mitmachen“, erinnert sich das heutige Vorstandsmitglied. Bei der Gründungsveranstaltung im November 2011 waren nur vier Leute anwesend.

„Wir sind schnell mehr geworden. Nach einigen Wochen hatten wir die Mindestanzahl von zehn Mitgliedern erreicht, um vom 1. FC Nürnberg als offizieller Fanklub anerkannt zu werden.“ Mittlerweile zählt die Vereinigung um die 40 Personen, die über ganz Bayern verstreut sind.

Beim Christopher-Street-Day in Nürnberg waren die Norisbengel schon mehrfach dabei.
Beim Christopher-Street-Day in Nürnberg waren die Norisbengel schon mehrfach dabei. // Norisbengel

Und wie steht der Fanklub zur Fußball-WM in Katar? „Grundsätzlich hätte aus unserer Sicht eine Fußball-WM niemals in ein Land wie Katar vergeben werden dürfen“, sagt Müller im Namen der Norisbengel. „Es gibt dort keine Fußballtradition, Stadien oder eine Fanszene. Es ist absurd, dorthin eine Fußball-Weltmeisterschaft zu geben.“ Hinzu komme, dass Katar ein höchst problematisches Land sei.

Katar durch WM im Gespräch

Doch Müller selbst versucht auch etwas Positives an der ganzen Sache zu sehen: „Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, denn über Katar würde kein Mensch sprechen, wenn die Weltmeisterschaft nicht dort stattfinden würde. Jetzt wird darüber gesprochen und es hat sich ja auch im Lauf der letzten Jahre gezeigt, dass sich bestimmte Dinge zwar nicht zum Guten, aber immerhin zum Besseren gewendet haben.“

Die Spiele im Fernsehen verfolgen will der Nürnberg-Fan zunächst nicht: „Ich werde in der Vorrunde keine Spiele anschauen, aber ich will nicht ausschließen, dass ich zuschaue, wenn es um das Viertel- oder sogar das Halbfinale geht.“ Er vermutet, dass es vielen Fußball-Begeisterten so ergehen wird, „denn es ist unsere Mannschaft und unser Land“.

Für die Zukunft wünscht sich der Norisbengel, dass sich die Gesellschaft weiter wandelt und es irgendwann keine Rolle mehr spielt, welche sexuelle Orientierung eine Person hat. Ob im Fußball, im Job oder in der Freizeit.

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