Menschen brauchen Rituale. Sie schmieden Gemeinschaft und stiften Identität, bilden den Kitt, der den gesellschaftlichen Laden zusammenhält. Besonders wichtig sind sie zu Beginn eines Jahres - denn dann blicken Menschen noch auf das abgeschlossene Annum und lassen sich zugleich, noch mit guten Vorsätzen im Gepäck, federleicht auf neue Ziele und Pläne einschwören.
Beim Neujahrsempfang der Stadt Bamberg, neben dem des Erzbischofs der größte der Region, oblag diese Aufgabe neben Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) und Zweitem Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Grüne) auch Universitätspräsident Kai Fischbach und Bamberg-Brose-Geschäftsführer Philipp Höhne. Über 2000 Gäste füllten dabei am Samstag den Joseph-Keilberth-Saal in der Kongresshalle, weitere verfolgten die Veranstaltung per Videoübertragung im benachbarten Hegelsaal.
2024 soll ein hartes Jahr werden. Das sagten Meinungsforschungsinstitute, die regelmäßig Leute anrufen und diese fragen, was sie bei der nächsten Wahl zu wählen gedenken und welche Ereignisse für besonders wichtig gehalten werden. Favorit sei für ihn, so Oberbürgermeister Andreas Starke, das bevorstehende 75. Jubiläum des Grundgesetzes. Bei seiner Verabschiedung 1949 war es als Provisorium bis zur Wiedervereinigung gedacht und enthalte die klare Botschaft „Nie wieder”. „Deswegen stehen die Menschenwürde und die freie Entfaltung der Persönlichkeit an der Spitze dieser Verfassung”, sagte er. „Wenn eine Partei und ihre Politiker diese Werte massiv bekämpfen, dann müssen sich die demokratischen Kräfte erheben und mobilmachen”, mahnte Starke in Anspielung auf die in diesem Jahr Umfragen zufolge in drei ostdeutschen Bundesländern vor großen Wahlerfolgen stehende rechtsradikale AfD. Mit den Worten, „Demokratie ist viel mehr als ein Abstimmungssystem, sie ist ein Wertesystem” appellierte er an das Publikum, an der am selben Tag stattfindenden Demonstration „Demokratie verteidigen!” teilzunehmen.
Als weitere wichtige Jubiläen 2024 nannte Starke den Fall der Mauer vor 35 Jahren, den 1000. Todestag von Bambergs Bistumsgründer Kaiser Heinrich II. und das 155-jährige Bestehen seiner Partei, der SPD. Außerdem wurde die städtische Musikschule vor 75 Jahren gegründet, wurde von 40 Jahren das Klinikum am Bruderwald eröffnet „und wir bekommen mit Weihbischof Herwig Gössl einen neuen Erzbischof”, stimmte Starke die Bamberger und Bambergerinnen auf das neue Jahr ein. Auch erinnerte er daran, dass Florian Luderschmid am 1. September 2023 als Nachfolger von Heidrun Piwernetz Regierungspräsident von Oberfranken wurde und die gebürtige Würzburgerin Karin Angerer als Präsidentin des Oberlandesgerichts Bamberg den Aufstieg von einer Unterfränkin zu einer Oberfränkin geschafft habe. „Das nenne ich eine echte Beförderung”, scherzte Starke.
Landrat Kalb und das besondere Geburtstagsgeschenk
Landrat Johann Kalb (CSU) schenkte Starke zu dessen 64. Geburtstag ein Stoff-Kalb und versicherte ihm: „Glaube nicht, dass es etwas mit Deinem Namen zu tun hat.” Vielmehr sei es eine Anspielung auf den Bamberger Schlachthof, der eine „gemeinsame Kraftanstrengung von Stadt und Land vertragen könnte”.
Atrium, Muna, Lagarde, Kitas und Schulen
Zu den wichtigsten Projekten der Stadtverwaltung, die in diesem Jahr anstehen, zählte Starke die Neugestaltung des Atrium-Geländes am Bahnhof, wo es gelungen sei, „nach über zwei Jahren Stillstands eine erfolgversprechende Zukunft mit einer soliden Investorenfamilie einzuläuten”. In Bamberg-Ost sei die Stadt bei der Wertermittlung des Muna-Geländes auf der Zielgeraden, um das Areal von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zu kaufen und anschließend zu einem Gewerbegebiet zu entwickeln. Auf dem Lagarde-Campus entstünden im Gesundheitszentrum Sancura-Park unter der Federführung der Sozialstiftung 120 Demenzpflegeplätze und weitere medizinische Einrichtungen. Außerdem gingen die Kita- und die Schulsanierungsoffensive weiter. Am Dientzenhofer-Gymnasium beginne der Wettbewerb für den Ersatzneubau und am E.T.A-Hoffmann-Gymnasium habe man mit 16 zusätzlichen Klassenzimmern auf die große Nachfrage reagiert.
Bamberg Zentrum der Künstlichen Intelligenz
Universitätspräsident Kai Fischbach , der die Festansprache hielt, nannte die 1647 als Academia Bambergensis gegründete Otto-Friedrich-Universität „eine echte Bambergerin”. „Es ist ein Privileg, in einer der schönsten Städte Europas zu residieren”, sagte der gebürtige Siegener. Die Hochschuleinrichtungen sind ihm zufolge mittlerweile auf 60 Gebäude im Stadtgebiet verteilt. Nach einem Peak im Wintersemester 2020/21 mit fast 13.000 Studierenden sind im aktuellen Semester 10.768 junge Menschen in knapp 100 Studiengängen eingeschrieben. Fischbach verwies auf den Boom in seiner, der Wirtschaftsinformatik-Fakultät. Denn nachdem die Universität Bamberg im KI-Wettbewerb des Freistaats 2020 gleich sieben neue Professuren bewilligt bekam, wuchs die Zahl der Lehrstühle und Professuren seither auf rund 30 an - damit habe sich Bamberg zu einem neuen Zentrum für Künstliche Intelligenz entwickelt.
Fischbach: Habe Verständnis für Gefühle der Hilflosigkeit
Doch der Mathematiker und Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik, insbesondere Soziale Netzwerke, schlug auch weniger optimistische Töne an. Angesichts der sich derzeit überlagernden Krisen und Kriege sorge er sich um den Zusammenhalt in der Gesellschaft. „Ich vermute, nein ich bin sicher, dass auch in diesem Jahr der Nahostkonflikt nicht zu einer guten, für all die Menschen dort friedlichen und sicheren Lösung geführt werden wird. Ich weiß, die Klimakrise wird auch in diesem Jahr nicht enden, sondern sich vielmehr weiter verschärfen. Und ich ahne, dass der erstarkende Populismus auf der ganzen Welt weiterwachsen wird und auch in unserem Land bereits wieder Ausmaße angenommen hat, die ich nicht für denkbar gehalten hätte. Und dann eben beschleicht mich diese Hilflosigkeit", betonte der Universitätspräsident.
Fischbach zitierte aus Ingeborgs Bachmann Gedicht „Früher Mittag”. Dieses beschreibe sehr gut die gegenwärtige Stimmung vieler. In der Prosa heißt es unter anderem: „Schon ist Mittag, in der Asche krümmt sich das Eisen, auf den Dorn ist die Fahne gehisst, und auf den Felsen uralten Traums bleibt fortan der Adler geschmiedet. Nur die Hoffnung kauert erblindet im Licht. (…) Das Unsägliche geht, leise gesagt, übers Land: schon ist Mittag.“
Es ist fünf vor zwölf, heiße ein geflügeltes Wort, um auszudrücken, dass so schnell wie möglich auf eine Bedrohung reagiert werden müsse, damit es nicht bald zu spät sein werde. Bei einigen fundamentalen Entwicklungen wie der Erderwärmung sei Mittag möglicherweise schon vorüber, mahnte Fischbach. Dennoch dürfe man nicht aufgeben, sei es wichtig, neue Hoffnung zu schöpfen.
„Bamberg ist im Basketball in Europa eine Nummer”
Zweiter Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Grüne) nannte Fischbachs Worte hernach „inspirierend“. In Zeiten, in denen Falschinformationen gezielt als politische Propaganda nicht nur durch das Internet wabern, bekomme wissenschaftliche Arbeit eine immer stärkere Bedeutung.
Und der Geschäftsführer der Bamberg Baskets, Philipp Höhne, erinnerte die Zuhörenden daran, dass vier der 2023 Weltmeister gewordenen deutschen Basketballer in Bamberg ausgebildet worden seien und die Baskets ein Dino der Basketball-Bundesliga sind. Auch wenn es zurzeit sportlich Luft nach oben gebe, so sei Bamberg im Basketball in Europa eine Nummer. „Aber leider machen wir uns immer ein bisschen kleiner als wir sind.”
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