Immer wieder liest man den Begriff „Cold Case“, vor allem dann, wenn ein solcher tatsächlich geklärt werden kann. Auch in Forchheim ist so ein Cold Case aktuell wieder in aller Munde, denn im Fall um die seit 1. August vermisste Katina K. spielt nun auch der 30 Jahre alte Fall der Sabine Föll eine Rolle. 1994 war die junge Frau nach einer Feier in Forchheim verschwunden, bis heute fehlt jede Spur von ihr. Und doch gibt es jetzt nach drei Jahrzehnten plötzlich eine Spur, die die Ermittler der Lösung vielleicht einen Schritt näherbringt.
Doch wie kann es überhaupt sein, dass nach so langer Zeit Fälle plötzlich aufgeklärt werden? Wie werden die Altfälle bei der Polizei behandelt? Und was genau bedeutet eigentlich „Cold Case“? Die Polizei Oberfranken klärt auf.
„Bei Cold Cases handelt es sich ausschließlich um Tötungsdelikte oder ungeklärte Vermisstenfälle mit dringendem Verdacht auf ein Tötungsdelikt, bei denen die Strafverfolgungsbehörden die Akten ,geschlossen' haben“, erklärt eine Sprecherin der Polizei auf Anfrage. Weniger gewichtige Verbrechen wie Diebstähle oder Körperverletzungen zählen also nicht dazu, wohl auch, weil sie anders als Mord laut deutschem Strafrecht irgendwann verjähren.
Technische Methoden liefern neue Ermittlungsansätze
Eine spezielle Cold Case Unit wie in anderen Bundesländern gibt es in Bayern nicht. Dennoch werden Altfälle in allen bayerischen Präsidien immer wieder bearbeitet und nicht einfach in der Schublade vergessen. Fristen gebe es dafür jedoch nicht. „Qualifizierte und umfassend geschulte Kriminalbeamte aus den Kommissariaten, welche Straftaten gegen höchstpersönliche Rechtsgüter bearbeiten, und Spezialisten aus der Spurensicherung, die ebenfalls regelmäßig fortgebildet werden, arbeiten hier Hand in Hand“, erklärt die Polizei.
Sollten sich bei einer dieser Überprüfungen erfolgversprechende Ermittlungsansätze auftun, „so werden im erforderlichen Umfang entsprechende Ermittlungs- oder Sonderkommissionen eingerichtet, in denen die weiteren Ermittlungen vorgenommen werden.“ Ermittlungsansätze könnten zum Beispiel aus neuen Zeugenaussagen hervorgehen.
Was allerdings gerade bei Cold Cases besonders relevant ist, ist die Technik, die sich stetig weiterentwickelt. Kann man heute anhand kleinster Partikel DNA bestimmen, die zum Täter führen kann, steckte die Methode Mitte des 20. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen.
Cold Case von 1976 vor Gericht in Schweinfurt
Wie die neuen technischen Möglichkeiten bei der Aufklärung von Altfällen helfen können, zeigt ein Fall, der seit Juli in Schweinfurt verhandelt wird. Im Jahr 1978 war die damals 18-jährige Cornelia Hümpfer tot zwischen Unterspießheim und Kolitzheim im Landkreis Schweinfurt aufgefunden worden, getötet wurde sie mit 14 Messerstichen. Heute, 46 Jahre später, steht ein US-Amerikaner vor Gericht. Modernste DNA-Ergebnisse sollen auf seine Täterschaft hinweisen. Der 70-Jährige war im Juni nach Deutschland ausgeliefert worden.
Im Fall der seit 1994 in Forchheim vermissten Sabine Föll hingegen haben wohl Parallelen zum aktuellen Vermisstenfall Katina K. die Ermittler aufhorchen lassen. Vor allem ein gemeinsamer Bekannter steht dabei im Fokus: Joseph Georg H., der seit einigen Wochen in Untersuchungshaft sitzt. Sowohl Sabine Föll als auch Katina K. verschwanden spurlos. Beide Frauen werden als schlank beschrieben, haben braune Haare und mehrere Tattoos. Beide Frauen hatten kurz vor ihrem Verschwinden Kontakt zum Tatverdächtigen. Von beiden Frauen gibt es bis heute keine Spur.
Vier Cold Cases in Oberfranken
Laut Angaben der Polizei Oberfranken finden Vergleiche von aktuellen und Altfällen routinemäßig statt: „Die Ermittler unserer Kriminalpolizeiinspektionen vergleichen eingehende Hinweise und Erkenntnisse sowie Spuren und Beweismittel generell mit bereits vergangenen Fällen, darunter auch Cold Cases. Sollten sich dabei im Einzelfall neue Ermittlungsansätze ergeben, so wird diesen nachgegangen. Den genannten Einzelfallprüfungen unterliegen dabei alle Fälle gleichermaßen.“
Sabine Föll ist im Landkreis Forchheim der einzige Cold Case. Oberfrankenweit liegen derzeit fünf Tötungsdelikte bei den Akten, so die Polizei. Der aktuellste davon sei der Raubmord in Mitwitz, der die Region 2006 erschütterte. Damals war der 61-jährige Norbert Ottinger in seinem Geschäft in Mitwitz getötet worden. Auch hier gelang es Ermittlern Jahre später, ein DNA-Profil zu erstellen. Der oder die Täter sind jedoch bis heute nicht überführt. Auch der Fall der 9-jährigen Peggy Knobloch, die 2001 aus Lichtenberg verschwunden war, ist nach wie vor ungelöst.
Der Fall des 2020 in Bayreuth erstochenen Studenten Daniel W., in dem damals die „Soko Radweg“ öffentlichkeitswirksam mit Plakaten in der Stadt nach dem Täter suchte, gelte hingegen noch nicht als Cold Case, erklärt ein Sprecher der Polizei. „In dem Fall sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen, da ist sozusagen noch kein Deckel drauf.“
Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass solch ein Fall nach Jahren oder Jahrzehnten gelöst wird, kann die Polizei nicht beantworten. Eine entsprechende Statistik werde nicht geführt. Vergessen werden ungelöste Fälle aber nie.
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