Klinikum Forchheim
Entbindungen an Wochenenden vorerst nicht möglich
Kein Zutritt: Forchheims Kreißsaal bleibt an den kommenden Wochenenden geschlossen. Auch für Notfälle.
Kein Zutritt: Forchheims Kreißsaal bleibt an den kommenden Wochenenden geschlossen. Auch für Notfälle.
Foto: Symbolfoto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
Forchheim – Ernstfall im Forchheimer Kreißsaal: An den Wochenenden können nicht einmal mehr Notfälle behandelt werden. Was das für werdende Eltern jetzt heißt.

Nadine Scherbaum denkt erst, es ist ein Scherz. Dann liest sie die Mail ein zweites Mal. „Leider befinden wir uns über die Sommermonate in einer personellen Notsituation. Aus diesem Grund können wir leider ab 23. Juli bis Mitte September die Wochenenddienste nicht mehr besetzen.“ Weiter heißt es: „Es ist in dieser Zeit keine Hebamme anwesend.“

Schreckensszenario für werdende Eltern

Ein Schreckensszenario für werdende Eltern wie die 30-Jährige aus Kersbach. Laut Termin soll ihr drittes Kind, eine Tochter, am 17. August auf die Welt kommen. Ein Mittwoch. Doch an Termine halten sich Neugeborene selten, weiß die bereits zweifache Mutter aus Erfahrung. „Es ist erschreckend, wir wissen noch nicht, was wir machen sollen“, sagt sie.

Auch keine Notfallgeburten möglich

Die Wehen setzen ein, aufgeregt fahren werdende Eltern zum Krankenhaus – und müssen umkehren, weil der Kreißsaal geschlossen ist. Sich eine andere Klinik suchen, unter Umständen viele Kilometer entfernt.

Was unvorstellbar klingt, könnte in Forchheim ab dem kommenden Wochenende bittere Realität werden. Weiter heißt es in der Forchheimer Kreißsaal-Mail: „Auch wenn Sie notfallmäßig ankommen, können Sie Ihr Baby in dieser Zeit nicht bei uns gebären.“

E-Mail vom Kreißsaal Forchheim

Jene E-Mail, die unserer Redaktion vorliegt, dürfte am Montagnachmittag dutzende werdende Eltern verängstigt haben. Was sollen die nun tun? Verfasserin Martina Steck, ihres Zeichens leitende Hebamme am Klinikum Forchheim, appelliert darin an die Frauen, sich in nächstgelegenen Kliniken zu melden.

Auch wenn bereits an Freitagen unbekannte Schwangerschaftsbeschwerden aufträten. Ab Freitag, 19 Uhr, bis Montag, 7 Uhr, sei geschlossen. Unter der Woche sei man hingegen „weiterhin rund um die Uhr da“.

Klinik-Sprecherin Struve: Noch nie so dramatisch

Solch  eine dramatische Situation sei in Forchheim bisher noch nie vorgekommen, sagt Klinikums-Sprecherin Franka Struve.  Zwei Hebammen hätten innerhalb kurzer Zeit das Klinikum verlassen, auch wegen der Impfpflicht im Gesundheitswesen.

„Diesen Schwund können wir aufgrund von Krankheit und Urlaub nicht so schnell kompensieren. Neueinstellungen sind bereits erfolgt, aber diese können nicht sofort eingesetzt werden.“

Klinikum Erlangen und Klinikum Bamberg alarmiert

Die umliegenden Kliniken und Einrichtungen sind alarmiert. Sowohl bei den Kreißsälen in Bamberg als auch in Erlangen laufen die Drähte seither heiß. Auch die Geburtshäuser in der Region stellen sich bereits auf eine erhöhte Nachfrage ein.

Das Bamberger Klinikum sei informiert und spreche sich mit den Forchheimer Kolleginnen ab, sagt Sprecherin Brigitte Dippold auf FT-Anfrage. „Noch nie haben wir eine Frau mit Wehen abweisen müssen.“

Auch Erlangen merkt den Forchheimer Engpass schon. Wie Klinik-Sprecher Johannes Eissing mitteilt, seien bereits am vergangenen Wochenende zahlreiche Frauen zum Uni-Klinikum Erlangen gekommen, obwohl sie in Forchheim zur Geburt angemeldet waren. Die baldige Schließung „bedeutet nun leider eine unplanmäßige Mehrbelastung für uns. Aber wir werden uns darauf vorbereiten und diese Mehrbelastung schultern“.

Nur im Notfall: Rettungsdienst unter 112

Sollten wider Erwarten auch Erlangen oder Bamberg keine Option mehr sein, liegen die nächsten Häuser mit Kinderklinik in Bayreuth, Schweinfurt und Coburg. Sollten alle Stricke reißen, bleibt den Betroffenen im absoluten Notfall die Notrufnummer 112.

Einen Kreißsaal zu schließen, wenn auch nur vorübergehend, ist für die Kliniken immer erst das letzte Mittel der Wahl. Und dass es sich zuspitzt, hat sich in Forchheim schon länger angekündigt.

Generell sind die Sommermonate für die Geburtshilfe eine besondere Herausforderung.

In der Regel werden zwischen Juni und August mehr Kinder geboren als etwa im Winter. Nun fehlt es in der Geburtshilfe seit Jahren an Personal. Diesen Mangel verschärfen derzeit lange Ausfallzeiten wegen Corona und andere Krankheitsfälle.

Hebammenmangel seit Jahren akut

Hinzu kommt, dass auch Hebammen ihren wohlverdienten Sommerurlaub antreten wollen. Und sollen. Vor einem Monat schon erklärte Bärbel Matiaske, Geschäftsstellenleiterin der GesundheitsregionPlus am Landratsamt Forchheim, den Mangel im FT-Gespräch als akut und mahnte an, der könnte noch schlimmer werden.

„Wegen Urlaubs- und Ferienzeit standen vor allem in den Sommern deshalb regelmäßig 40 bis 50 Frauen auf den Listen, die keine Hebamme finden“, sagte sie.

Ernstfall im Klinikum Forchheim eingetreten

Nun ist es so weit, es ist schlimmer geworden. Austragende im wahrsten Sinnen sind die werdenden Mamas wie Nadine Scherbaum aus Kersbach. Sie wird in den kommenden Tagen sehr viel telefonieren müssen.

Ob sie durchkommt? Ungewiss. Bisher blieben ihre Anfragen erfolglos. Aber sie gibt nicht auf, was will sie auch machen. „Die ersten beiden waren Sonntagskinder“, sagt sie. „Da hoffen wir dieses Mal nicht drauf.“

 

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