Am Gründonnerstag, 14. April, beginnt in Gößweinstein die Badesaison. Nein, nicht im Höhenschwimmbad, sondern im Wald am Breitenberg. Baden im Wald, geht das? Ja, sagt die geprüfte Waldbademeisterin Christina Haas. Allerdings braucht man dafür weder eine Badehose noch einen Bikini.
„Ich möchte, dass Sie gut geerdet sind, zu Ihren Wurzeln finden und eine waldhaftig gute Erfahrung machen“, sagt die 38-jährige ausgebildete Kräuterführerin und Kursleiterin für Waldbaden, die im Hauptberuf für den Bayerischen Rundfunk als Autorin und Videojournalistin arbeitet.
Studierte Medienmanagerin
Die studierte Medienmanagerin ist in Gößweinstein aufgewachsen, lebt mit ihrer Familie derzeit in Margetshöchheim bei Würzburg und fühlt sich mit ihrer Heimat nach wie vor sehr verbunden.
Deshalb engagiert sich Christina Haas gerne in Gößweinstein. Zusammen mit ihrer Mutter Hermine hat sie im vergangenen Jahr das Projekt der „Waldbademeisterinnen“ ins Leben gerufen. Waldbaden ist nicht einfach Spazierengehen durch den Wald.
Die Japaner haben dies lange schon entdeckt – dort heißt es „Shinrin-Yoku“ und bedeutet so viel wie das achtsame, absichtslose Eintauchen mit allen Sinnen in die Atmosphäre des Waldes.
In Japan vom Arzt verschrieben
Waldbaden wird in Japan vom Arzt verschrieben und ist eine anerkannte Entspannungs- und Stressmanagement-Methode. Christina Haas hat von einem Förster einst vom Waldbaden erfahren und war begeistert.
„Höher, schneller, weiter hat beim Waldbaden nichts verloren. Atemtechniken und Achtsamkeitsübungen helfen, Kraft aus der Natur zu tanken, das Gedankenkarussell abzuschalten, wieder zu sich und anderen zu finden, Stress abzubauen und mit den Strategien aus dem Wald entspannter den Alltag zu schaukeln“, beschreibt Christina Haas das Waldbaden, bei dem sie ihr Kräuterwissen einbaut. Den Schrittzähler kann man getrost daheim lassen.
Die Liebe zum Wald hat Christina Haas von ihrer Mutter. Schon in ihrer Kindheit in Gößweinstein genoss sie die schönen Momente mit ihrer Mama Hermine in den Wäldern der Fränkischen Schweiz. Sie vergaßen die Zeit beim Pilzesammeln oder ließen sich einfach auf einem Moosbett nieder, umringt von Vogelgezwitscher, spürten den Wind, den Schatten und die Sonne auf ihrer Haut.
Nerv der Ruhe
Der Wald aktiviert den „Nerv der Ruhe“ und hebt die Stimmung. Das Stresshormon Cortisol wird reduziert, Blutdruck und Herzrate sinken. „In der Folge schlafen wir zum Beispiel besser, stärken unsere Widerstandskräfte, fühlen uns ausgeglichener und insgesamt wohler in unserer Haut“, sagt Christina Haas.
Man erlebt dabei den Wald mit allen Sinnen, riecht, wie ein vermooster Ast duftet, spürt, wie sich eine Baumrinde anfühlt, oder man erlebt ein Wechselspiel zwischen Schatten und Sonne im Gesicht.
Ins Laub legen
Oder man legt sich ins Laub. „Bäume, Moose und Farne kommunizieren zielgerichtet über chemische Substanzen. Atmen wir diese sogenannten Terpene ein, stärken wir damit unser Immunsystem und unsere Abwehrzellen“, sagt die Waldexpertin.
Christina Haas beschreibt es in wenigen Sätzen so: „Die Augen öffnen sich fürs Wesentliche. Die Ohren spüren, wie gut sich Ruhe anhört. Die Nase fühlt sich dufte überrascht. Der Gaumen startet eine Entdeckungsreise. Die Hände erleben zauberhafte Naturwunder.“
Wissenschaftliche Studien haben inzwischen sogar ergeben, dass bereits nach einem Tag im Wald die Anzahl der sogenannten natürlichen Killerzellen, die sich unter anderem um die Abwehr von Viren kümmern, um mehr als 40 Prozent steigt.
Arzt rät: Viel im Wald spazieren gehen
Der Gößweinsteiner Arzt Franz Macht hatte am Anfang der Corona-Pandemie einmal geraten, viel im Wald spazieren zu gehen. Christina Haas gibt keine Heilversprechen, aber die Garantie, sich nach ein paar angeleiteten Stunden im Wald oder auf der Wiese besser zu fühlen.
Apropos Wiese: Bei dem bekannten Naturdenkmal „Fellner-Doline“ hat sich Christina Haas einen Streifen Wiese gekauft, den sie „Vielfaltswiese Johanna“ nennt und auf dem sie ein paar Bäume pflanzte: drei Apfelbäume, eine Reneklode und einen Walnussbaum.
Alles alte Sorten – Kontrastprogramm zu den angrenzenden Feldern mit Monokulturen. Hinzu kommen sollen eine Hecke, Waldsofas, ein Insektenhotel, eine Natursteinmauer und mehr.
Johanna Schreiber, die 96 Jahre alt wurde und kürzlich verstarb, hatte nur einen Wunsch: Dass auf der Wiese, wo sie einst als Kind Ziegen hütete, es weiterhin lebendig zugeht. In der kleinen Wiese liegt eine große Chance, die Heimat neu wertzuschätzen und sich mit der Region zu identifizieren.
Lesen Sie dazu auch:












