Elli Kühnl liest den Frauen und Männern, die am großen Tisch sitzen, aus der Zeitung vor. Da war wohl Schlimmeres passiert, denn der Mann kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Die Männer und Frauen hören ihrer Betreuerin aufmerksam zu, unterhalten sich über das Tagesgeschehen.
Das Zeitunglesen gehört zum Alltag in der Tagespflege. Auch die pflegebedürftigen oder dementen Senioren wollen informiert bleiben. Die Zeitung gehört zum Alltag in jeder Tagespflege. Diese Einrichtungen wiederum sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken und es scheint als hätte es nie etwas anderes gegeben. Tatsächlich aber gibt es diese Art der Betreuung und Beschäftigung noch gar nicht so lange.
Aus ehemaligem Altenheim wurde Tagespflege
Die allererste Tagespflege im Landkreis wurde 2001 in Neunkirchen am Brand eröffnet und trägt heute den wohlklingenden Namen „Im Rosengarten“, angelehnt an den wunderschönen Garten, in dem viele Rosen blühten. Und doch war das bereits das zweite Gebäude, in dem die erste Tagespflege im Landkreis untergebracht war. „Wir waren im früheren Altenheim, das von den Schwestern geführt wurde, bei der St. Michael Kirche“, sagt Schwester Jutta Distler. Sie ist seit Beginn der Tagespflege dabei. Nachdem die stationären Patienten in neue Räume in einem neuen Gebäude gezogen waren, stand das Altenheim bei der Kirche leer, weshalb Görner, die frühere Leiterin der Sozialstation, die Idee mit der Tagespflege hatte.
Erfahrungen in dem Bereich gab es natürlich noch keine. Erinnern kann sich Schwester Jutta noch an die vielen Hürden, die Görner deshalb nehmen musste, um ihre Idee umzusetzen und aus dem ehemaligen Altenheim eine Tagespflege zu machen. Teils war es eine Kostenfrage. „Aber sie hat sich durchgebissen“, sagt Schwester Jutta.
Drei Räume für die Mittagsruhe
Noch immer sind diese ersten Räume in guter Erinnerung. „Es war unter dem Dach“, sagt Schwester Jutta. Angefangen haben sie mit sechs Tagesgästen und einem Tag Betreuung. „Nachdem sie abends wieder nach Hause durften, wurde das zum Boom“, weiß Schwester Jutta. Bald konnte ein zweiter Tag angeboten werden, immer mehr Tage kamen hinzu, bis 2003 mit durchschnittlich acht bis zehn Gästen pro Tag die Tagespflege ausgebucht war. „Wegen der Räumlichkeiten durften wir nur maximal zehn Gäste aufnehmen“, sagt Distler.
Unter dem Dach gab es einen großen Raum für Frühstück und Beschäftigung. Eine Mauer war gezogen worden, um die Räume des ehemaligen Altenheims zu teilen, so dass ein Speisezimmer entstand. Drei kleinere Räume mit einem Sessel, einem Sofa und den Betten für die Mittagsruhe waren vorhanden, zwei Toiletten und eine Küche. Wie die Menschen unters Dach kamen? „Mit dem Aufzug“, sagt Distler. Doch dieser funktionierte manchmal nicht, so dass die Schwestern und Betreuerinnen die Gäste samt Rollstuhl drei Stockwerke tragen mussten. Trotzdem: „Es war gemütlich“, schwärmt Distler.
In einer Nacht- und Nebelaktion
Das ist nun zwanzig Jahre her, die Räumlichkeiten haben sich bald nach Beginn der Tagespflege geändert. „Wir mussten ausziehen. Der Brandschutz war nicht mehr gewährleistet“, sagt Distler. In einer Nacht- und Nebelaktion wurden mithilfe der Männer die Möbel vom Dach ins untere Geschoss getragen. Dort war die Tagespflege „interimsweise“ untergebracht, in sehr kleinen Räumen, in der vorher der Missionskreis tagte. Es gab nur noch ein Schlafzimmer für alle Senioren für die Mittagsruhe.
Wenn es nicht nur eine Übergangslösung gewesen wäre, die Tagespflege hätte nicht mehr stattfinden können. Die ortsansässige Allgemeinmedizinerin Gisela Rehm setzte sich dann für das Grundstück samt Neubau ein. „In der größten Hitze hat sie selbst den Rollrasen verlegt“, sagt Distler. Und Rosen angepflanzt und gehegt.
Eingehen auf Bedürfnisse der Senioren
Hier, nur wenige Jahre nach dem Start der Tagespflege unter dem Dach, werden täglich zwölf bis 14 Personen betreut. Was ist in der Betreuung anders geworden? „Man kann das Rad nicht neu erfinden“, sagt Schwester Jutta. Viel habe sich nicht geändert. Es gibt das gemeinsame Frühstück, die Beschäftigungen nach Interesse und Befinden. Jutta Distler arbeitet nicht nach einem festen Beschäftigungsplan. Sie fängt die Stimmung und Befindlichkeiten der ihr anvertrauten Menschen auf. Wenn sie lieber basteln wollen, dann wird gebastelt. Die Senioren singen sehr gerne und lieben Spiele. Das ist bei fast allen alten Menschen so. Nur: „Früher waren die Leute fitter“, sagt Distler. Oft seien sie mit ihnen im Dorf spazieren gewesen. Damals hatten sie auch zwei Zivis, die geholfen haben.
Viele über 90 Jahre
Die Leute waren zu Beginn der Tagespflege auch jünger. Mehrere über 90-Jährige, daran können sich die Betreuerinnen nicht erinnern. Das Alter war früher die Ausnahme. Am meisten Veränderung gab es bei der Anzahl der Betreuerinnen. Die Helferinnen und Betreuer sind nun vorgeschrieben. „Früher hatten wir nur eine Fachkraft, Ehrenamtliche und Zivis“, sagt Distler. Heute sind sie ein großes Team. Wenn das Wetter schön ist, gehen sie nach draußen, in den Garten. Nur die Rosen sind inzwischen rar geworden.













