An Joe Bausch geht man nicht einfach so vorbei. Weniger, weil man ihn als Schauspieler kennt oder weil er wegen seiner schlanken Größe auffällt. Vielmehr bleibt man hängen an seinen Ecken und Kanten, die in den Raum ragen.
Und an seinem vom Leben bearbeiteten Gesicht, welches, Falte für Falte, Bauschs Lebensmotto hineingeritzt hat: Man muss das Leben aushalten können. Gleichzeitig ist nicht zu übersehen, dass dieser Mann den düsteren Wegen, die ihm das Leben aufgezeigt hat, nicht gefolgt ist. Gesehen hat er sie aber. Das Kopfkino ist also angeschaltet, man kann nicht anders. Schon denkt man über Joe Bausch nach.
Blätterwald 2024: Forchheimer Literaturtage gestartet
Jetzt hat der Arzt und Schauspieler ein Buch über sein Leben geschrieben: „Verrücktes Blut. Oder: Wie ich wurde, der ich bin“. Im Rahmen der Forchheimer Literaturtage hat er es vorgestellt und aus seinem Leben erzählt.
Joe Bausch liest aus Buch: „Verrücktes Blut. Oder: Wie ich wurde, der ich bin“
Wer dieses Buch liest, erfährt die Geschichte von einem, der nicht so sein konnte, wie alle anderen, auch wenn er das wollte. Der kleine Josef Hermann Bausch kommt 1953 als lang ersehntes erstes Kind einer Bauernfamilie im Westerwald auf die Welt. Die Erwartungen an ihn sind klar: Er muss sich schicken, in die elterliche Welt hineinzupassen und später den Hof zu übernehmen. Josef Hermann tut das genaue Gegenteil, und das bedeutet zu der Zeit: So, wie der Junge in den Westerwald hineinruft, wird, ohne Rücksicht auf das Kind, zurück geschallt.
Das Aufwachsen im Dorf wird zur Prüfung. Die Erziehungsmaßnahmen sind häufig drastisch. Einerseits traditionell bedingt, das ist die Pädagogik der Zeit. Zudem aber tragen die nicht mehr jungen Eltern die Bürde zweier Weltkriege, sind „kaputte Seelen“. Keine guten Voraussetzungen für Kinder.
Geschichten überschlagen sich im Buch von Joe Bausch
In Bauschs Buch überschlagen sich die Geschichten von dem intelligenten, quecksilbrigen Jungen der das, was ihm das Leben bietet, mit Verwegenheit und Chuzpe annimmt; von dem älteren Kind, das sexuell missbraucht wird, dem Jugendlichen, der lange glaubt, sterben zu müssen, um anschließend über Jahre in tiefe Depressionen zu stürzen; von dem jungen Mann, der Drogen konsumiert und verkauft – und als letzten Gruß an die ungeliebte Schule Huren für den Abiball engagiert; Geschichten von dem erwachsenen Mann, der das, was ihm bei der Bundeswehr widerfährt, bis zur Selbstaufgabe bekämpft, Einlenkung unmöglich, dann lieber tot.
Das Leben und Joe Bausch finden über lange Zeit keinen ausgleichenden gemeinsamen Nenner. Die vielleicht größte Hilfe von zu Hause: Der Vater erlaubt dem Jungen, das Gymnasium zu besuchen: „Es war der Wahnsinn“, weiß Bausch heute, „dass mein Vater es geschafft hat, auf seinen Lebenstraum zu verzichten [der Junge als Hoferbe] und mir meinen möglich zu machen“.
Joe Bausch studierte Medizin
Und noch eines zeigt dieses Buch: Dass Joe Bausch in so viele Abgründe geblickt hat, dass ihn nur wenig schreckt. Als irgendwann der gemeinsame Nenner mit dem Leben gefunden ist, studiert er Medizin. Sein Faible für gescheiterte Menschen aber bleibt. Bausch arbeitet über dreißig Jahre lang als Gefängnisarzt und blickt Verbrechern und Mördern in die Seele.
Viele Jahre hat sich Joe Bausch immer wieder die Frage gestellt: „Wieso ging es nicht schlimmer für mich aus?“ Heute weiß er es: „Es hat viel mit der Verantwortung zu tun“, die er früh übernehmen musste; mit Wissen – „dann fällst du nicht auf jede Scheiße rein“ – und mit einem intakten Gewissen. Das ist eine bemerkenswerte Erkenntnis.
Einem, der abgründige Wege kennt und etwas daraus lernt, sieht man es an, auch im Vorbeigehen.
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