Das Schreiben von Gedichten gehört zu Michael Pietruchas Leben wie das Atmen – genauso selbstverständlich, ausgleichend und lebenserhaltend. Der Akt des Schreibens entsteht bei ihm seit den Anfängen aus der Notwendigkeit heraus, mit sich selbst und der Welt fertigzuwerden.
„Dort, wo ich das Gefühl hatte zu versagen“, erzählt Pietrucha, „wo ich mich überfordert fühlte, brauchte ich die Lyrik – als Ventil, um zu überleben.“ Eine Überlebensstrategie also, mit einer solchen intuitiven Selbstverständlichkeit, dass es Michael Pietrucha lange Zeit nicht in den Sinn kommt, sich deswegen als Lyriker zu sehen.
Eigentlich als literarischer Übersetzer identifiziert
Als im letzten Jahr das Kuratorium des Bamberger Künstlerhauses Villa Concordia anfragt, ob er als Stipendiat für ein Jahr in die Villa einziehen möchte, muss Pietrucha zuerst verstehen, dass er durchaus einer ist.
Noch vor kurzem identifiziert sich der Forchheimer beruflich ausschließlich als literarischer Übersetzer, und das mit Leib und Seele: „Das tat ich so sehr, dass es für mich wie Scheuklappen war.“ Er sieht in der Zeit weder die Tatsache, dass ein literarischer Übersetzer – gerade auch von Lyrik – durchaus ein Künstler ist noch sieht er den Vollblut-Lyriker in sich: „Lyrik war für mich lange etwas Privates, etwas, was ich für mich brauchte.“ In der Konsequenz fragt er sich zunächst, ob er wohl als Übersetzer für die anderen in die Künstlervilla einziehen soll.
Frei leben und arbeiten
Natürlich sagt er Ja, denn die Konditionen sind einmalig: Ein Jahr in der Villa Concordia leben, um sich ausschließlich auf das Schreiben zu konzentrieren, ohne Sorgen um das monatliche Einkommen.
Erst dort versteht Pietrucha, dass er als Künstler eingeladen wurde: „dass ich in der Villa als Lyriker und Übersetzer ankomme und frei leben und arbeiten kann.“
Michael Pietrucha erzählt amüsant und entwaffnend. Seine Geschichte nimmt sofort für den Mann ein, der offenbar ausreichend in sich ruht, um von dieser Diskrepanz zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung eines Künstlers gelassen zu erzählen.
Ein langer und häufig steiniger Weg
Mehr als das zeigt seine Erzählung aber noch etwas: dass es Michael Pietrucha nicht einfallen würde, sich als Künstler zu inszenieren. Er ist es einfach, und das haben andere zum Teil vor ihm erkannt.
Der Weg zur Selbsterkenntnis ist für den heute vierzigjährigen Künstler lang und häufig steinig. Den Beginn könnte man in der Zeit seines Studiums der Osteuropäischen Geschichte, Slavistik und Nordischen Philologie in Erlangen verorten. In der Zeit wird das Lernen von Fremdsprachen zu einem Tummelplatz für das Sprachtalent.
Es ist wie ein Rausch: Ukrainisch, Schwedisch, Isländisch, Russisch, Belarussisch, Neugriechisch, Französisch – „ich habe gelernt wie verrückt“, erzählt der gebürtige Pole. Das Übersetzen liegt demnach nahe und wird rasch zu einer Lieblingsbeschäftigung.
Viele Schlappen erlitten
Und die Lyrik? „Als Medium habe ich sie erst in meinen späten Zwanzigern entdeckt. Ich war unglücklich verliebt, das war ein starker Motor. Also habe ich angefangen zu schreiben.“ Einige Zeit schreibt Michael Pietrucha nur für sich selbst. Zögerlich wagt er sich dann in die Öffentlichkeit und scheitert zunächst.
„Bei den ersten Versuchen, das Geschriebene zu publizieren“, erinnert er sich, „habe ich eine Schlappe nach der anderen erlitten.“ Auch die ersten Auftritte, bei denen er seine Gedichte vorliest, sind ernüchternd.
Pietrucha hat das Gefühl, kaum jemanden mit seiner ernsten Lyrik zu erreichen. Später findet er heraus, woran es liegt: „Ich hielt junge Leute für mein Zielpublikum. Erst im Laufe der Jahre habe ich gemerkt, dass ich für Leute schreibe, die etwa so alt sind wie ich und älter.“
Schritt für Schritt eine Bestätigung
Dafür klappt es allmählich mit Publikationen. Als Pietrucha vor einigen Jahren ein Gedicht für den neugeborenen Sohn eines Freundes schreibt, schickt er eine Version an den „Wortlaut“. Die Zeitschrift für Literatur aus Franken veröffentlicht es – und seitdem ist er „konsequent drin“.
Es folgen weitere Publikationen von eigenen Gedichten und von Lyrik-Übersetzungen aus dem Ukrainischen, Polnischen, Schwedischen, Belarussischen. „Es war“, so Pietrucha, „Schritt für Schritt eine Bestätigung dessen, was ich mache.“
„Ich hatte wieder Lust aufzutreten“
Auftritte vor Publikum meidet er weiterhin, bis vor etwa einem Jahr: „Da hatte ich wieder Lust aufzutreten.“ Also nimmt er an verschiedenen Poetry-Slams teil, auch mit eigenen Erzählungen, und erfährt Zuspruch und Beifall.
„Die Rückmeldungen von Kolleginnen und Kollegen waren so gut, dass ich wieder Blut geleckt habe“, erzählt er. Es folgen weitere Auftritte, Einladungen zu Auftritten mit anderen Lyrikern, sein Rat ist gefragt.
Michael Pietrucha hat sich inzwischen selbst und seinen Platz in der Welt gefunden: „Heute fühle ich mich als ein Mensch, der weiß, wer er ist. Dazu gehört die Liebe zu meinem Übersetzerberuf und die Liebe zur Sprachkunst.“
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