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Erinnerungen eines Wirtes
Fritz Sponsel: Kunst muss herausfordern
Blickt auf bewegtes Leben zurück: Fritz Sponsel.Forchheim & Fränkische Schweiz
Blickt auf bewegtes Leben zurück: Fritz Sponsel. // L. Wopkes
Signet des Fränkischen Tags von Liliana Wopkes
Kirchehrenbach – Lebenserinnerungen Fritz Sponsel, der alte Wirt vom Gasthaus Sponsel in Kirchehrenbach, hat ein Buch über sein Leben geschrieben – und erzählt vor der Buchpräsentation von seinem Blick zurück.

Umtriebig ist er und doch auch in sich ruhend, der alte Wirt vom Schwarzen Adler. Traditionen sind ihm wichtig, dennoch ist er offen für Neues. Die Vergangenheit bedeutet ihm viel, er lebt aber bewusst im Hier und Jetzt – „mit allem, was das Leben zu bieten hat“. Man sollte sich hüten, Fritz Sponsel in eine Schublade stecken zu wollen, er würde von überall ein bisschen ausbrechen.

Dieser Wirt „mit Leib und Seele“ – „ich würd's nicht anders machen, als ich's gemacht hab“ – sagt Sätze wie: „Kunst muss herausfordernd sein. Und provokant. Dann ist sie sinnvoll.“ Wie ist Fritz Sponsel zu dem geworden, der er ist? Welche Abzweigungen musste er im Leben nehmen, die nicht nur Unruhe oder Not, sondern auch Erkenntnis gebracht haben? Darüber hat der Wirt jetzt ein Buch geschrieben.

Seit 50 Jahren schreibt der Wirt nebenbei Tagebuch

Doch wie kam es dazu? Vor etwa 50 Jahren etabliert Sponsel eine Gewohnheit, die er lebenslänglich beibehalten wird. Er schreibt täglich auf, was ihn bewegt – Zettelchen mit allem, „was für mich wichtig war“. Und als viele Jahre später Corona sein Wirtshaus lahmlegt und der Umtriebige plötzlich Zeit hat, geht er alles durch. „Dabei ist mir aufgefallen“, erzählt er, „wie sich alles verändert hat“. Also schreibt er ein Buch darüber.

Fritz Sponsel ist 24 Jahre alt, als er das elterliche Wirtshaus übernehmen muss. „Ich wurde reingeschmissen“, erinnert er sich. Und war es für ihn Verpflichtung oder Herzensangelegenheit? „Für mich war es keine Frage – ich wollte das alles erhalten und weiter ausbauen.“

Zweimal lockt danach die Welt, wie eine Prüfung. Fritz Sponsel lernt einen Deutsch-Brasilianer kennen, der hier nach Inspiration für die Eröffnung einer bayerischen Wirtschaft in Brasilien sucht. Die beiden verstehen sich und Fritz Sponsel wird ein Angebot unterbreitet: Sein Wirtshaus für sechs Wochen zu schließen und in Brasilien beim Aufbau der Wirtschaft zu helfen. Für alle Unkosten wird aufgekommen, die Mutter sagt zu, sich hier um die Tiere zu kümmern.

Fast zeitgleich erreicht den jungen Wirt auch ein Angebot aus Japan: einen Spezialitätenladen für fränkische Wurstwaren dort zu übernehmen. Die Verlockung ist groß. „Für ein, zwei Jahre hätte ich's gemacht“, erzählt Sponsel. „Die wollten aber einen Zehnjahresvertrag, und das war mir dann doch zu lang.“

Brasilien wird zu einer Erfahrung fürs Leben

Also, auf nach Brasilien. Es werden sechs prägende Wochen für Fritz Sponsel – „eine ganz große Lebenserfahrung“. Dabei wechseln sich Freud und Leid ab. Zu schaffen macht dem jungen Deutschen das Gefälle zwischen Arm und Reich, vor allem die menschenunwürdige Behandlung der Armen.

„Das hat mich unheimlich schockiert und frustriert“, erinnert sich Sponsel. Und zwar so sehr, dass er dieses Gefühl nie vergessen kann, und es vor allem auch nicht will: „Das war eine Erfahrung, die ich nie missen möchte, weil sie für mein Leben unheimlich wichtig war“, sagt er. Zurück in Deutschland heiratet Fritz Sponsel und engagiert sich über viele Jahre zusammen mit seiner Frau für die Völkerverständigung.

Das Geschäft läuft allmählich immer besser, die turbulenten Wogen der Anfangszeit glätten sich. Und irgendwann lernt Fritz Sponsel Herbert Gebert kennen. Es ist Wahlkampf und kein Wirtshaus in Kirchehrenbach möchte der SPD Räume für Wahlveranstaltungen zur Verfügung stellen. „So war das damals“, nickt Sponsel. „Ich hab g'sagt: Machen wir! Denn ich war angetan von den Jungsozialisten. Und da hab ich den Herbert das erste Mal getroffen.“

Zusammen mit einem Freund holt er die Kunst in die Kneipe

Es wird eine lebenslange Freundschaft: „Er war mein bester Freund und mein geistiger Ziehvater – ein Germanist, ein wandelndes Lexikon.“ Ab dem Zeitpunkt stecken der Studiendirektor und der Wirt häufig die Köpfe zusammen und dabei kommen auch tolle Sachen für Kirchehrenbach heraus.

Bald finden im Gasthaus Sponsel kulturelle Veranstaltungen statt – Lesungen, Kabarett, Musik. Kunst hängt an den Wänden. Wie kam's? „Ich hab überlegt“, so Sponsel, „gehst du selber in eine Galerie? Nein. Aber ins Wirtshaus geh ich. Und so hab ich Künstler angesprochen, ob sie hier ausstellen wollen.“ Sponsel weiß, dass er im Ort gegen den Strich bürstet: „Am Anfang bin ich deswegen a weng belächelt worden: Was will der Bauer mit Kultur? Aber das ist mir schon immer wurscht g'wesen“.

Das inzwischen etablierte kulturelle Konzept im Gasthaus Sponsel heißt „Kunst und Genuss“. Und so manches davon darf die Wohlfühlzone auch etwas überschreiten. Denn für Fritz Sponsel muss Kunst „herausfordernd“ sein und „provokant“, weil sie nur dann ihren Sinn erfüllt, „wenn man darüber spricht“. Fritz Sponsel sitzt in seiner Margaretenstube und hat zu Ende erzählt – wie nebenbei auch, dass er an Krebs erkrankt ist. Wie sieht er deswegen sein jetziges Leben? „Ich möchte keine Minute jünger sein. Ich lebe jetzt, und es ist schön so. Mit allem, was das Leben zu bieten hat. Denn entweder du bist weg oder Kopf hoch, jetzt erst recht!“

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