Sie hätte sich keinen passenderen Tag zum Einziehen wünschen können, die neue Hexe am Walberla. Im strahlenden Herbstmorgen, während die Kälte der Nacht noch herumtrödelt, steht sie mit bunten Gurten fest vertäut auf einem Anhänger und spielt mit der Sonne. Leicht nachdenklich hält sie den Besen in der Hand, etwas von sich gestreckt. Wie eine Option, sich doch noch aus dem Staub zu machen.
Hexe löst den Keltenschädel ab
Die Hexe löst auf dem Skulpturenweg am Walberla den „Keltenschädel“ des Künstlers Gerhard Hex ab. Und während der Schädel verladen und seinerseits vertäut wird, erzählt der Künstler Dieter Erhard ein bisschen von seiner Arbeit im Allgemeinen und der Hexe im Speziellen.
Eine „positive Hexe“ sei sie; Erhard war es bei der Arbeit daran wichtig, dass sie nicht böse wirkt. Sogar etwas wünschen könne man sich von ihr. An einer langen Kette hängt eine kleine Kugel um ihren Hals: drehen und wünschen sozusagen. Und aus dem Hut zaubert sie kleine Vögel und wer weiß, was noch. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
800 Kilogramm schwer
Zwei Jahre alt ist diese Arbeit Erhards. Die 800 Kilogramm schwere, aus Edelstahl geschweißte Figur entstand um den 60. Geburtstag des Künstlers. Der eine oder andere kennt sie vielleicht vom Gründlacher Schwemmweiher, wo sie eine Zeit stand.
Dieter Erhard hat Ende der achtziger Jahre in Mexiko Kunst studiert. Seitdem hat ihn das Land nicht mehr ganz losgelassen: „Mexiko hat mich sehr geprägt, es ist in meiner Kunst drin“, erzählt er. Seit 1993 ist Erhard freischaffender Künstler, wohnt in Erlangen-Tennenlohe und prägt jetzt seinerseits die Gegend mit seiner Kunst.
Den Skulpturenpark Tennenlohe würde es zum Beispiel ohne ihn nicht geben. Seine Arbeiten sind auch weit über die Grenzen Frankens anzutreffen, im In- und Ausland; nicht zuletzt in Lateinamerika. Dorthin zieht es ihn regelmäßig – auch, weil seine Frau Guatemaltekin ist. Sein drittes Standbein hat Dieter Erhard in den USA mit einem großen Studio in Texas.
Der Platz muss dazu passen
Seine Arbeiten sind also auf der Welt verteilt – kann er sie gut loslassen und weggeben? „Das Loslassen muss man lernen“, findet Erhard. Entscheidend sei für ihn, dass jede Arbeit einen Platz bekomme, der zu ihr passe. So wie die Hexe hier beim Walberla. Dennoch: Alles, was er weggibt oder verkauft, gehört weiterhin untrennbar zu ihm, bleibt ein Teil seiner selbst. Der Künstler Erhard ist nicht von seinem Werk zu trennen.
Auch aus diesem Grund ist es für Dieter Erhard von großer Bedeutung, als Urheber seiner Kunst wahrgenommen zu werden. Deswegen hat er sich gerade für größere Namensschilder der Künstler auf dem Skulpturenweg eingesetzt. Er findet, die Künstler würden zu häufig neben ihrer Kunst nicht wahrgenommen.
Gemeinsames Bild mit Schulklasse
Es ist fast unheimlich, wie schnell der Beweis dafür erbracht wird. Während des Gesprächs naht eine Schulklasse. Die Kinder bestaunen die Hexe auf dem Anhänger, ein Klassenfoto soll davor gemacht werden. Der Lehrer geht mit dem dafür vorbereiteten Handy in der Hand auf Erhard zu: „Sind Sie der Künstler?“ „Ja“, antwortet Erhard in der Annahme, dass er nach seinem Namen gefragt und dazu gebeten wird. „Würden Sie ein Foto von uns machen?“
In der Zwischenzeit ist der Platz für die Hexe frei, der Landrover mit dem Anhänger kann anrollen. Dieter Erhard kauft sich noch schnell eine Schale Pflaumen an einem Verkaufsstand und setzt sich ins Auto. Zeit für einen neuen Abschied.
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