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Parasport
Klettern gegen die Krankheit: Jule Breunings Kampf
Jule Breuning klettert mit körperlicher Beeinträchtugung.Forchheim & Fränkische Schweiz
Jule Breuning klettert mit körperlicher Beeinträchtugung. // Nicolas Perreth
In der Parasportgruppe des DAV Erlangen fühlt sich Jule Breuning (blaues Shirt, Mitte) pudelwohl.Forchheim & Fränkische Schweiz
In der Parasportgruppe des DAV Erlangen fühlt sich Jule Breuning (blaues Shirt, Mitte) pudelwohl. // Jörg Breuning
Signet des Fränkischen Tags von Karina Brock
Ebermannstadt – Jule Breunings Muskeln bauen ab. Unaufhaltsam. Doch die 15-Jährige hat einen sportlichen Weg gefunden, damit umzugehen – und den Fortschritt der erblichen Krankheit mit Spaß zu verzögern.

„Schon als Kind bin ich überall hochgeklettert“, erzählt Jule Breuning. Aus Ebermannstadt stammend ist der Weg in die Fränkische Schweiz nicht weit. Inzwischen ist sie ist 15 Jahre alt – bald 16 –, schließt mit dem Quali gerade die erste Etappe ihrer Schullaufbahn ab und klettert immer noch leidenschaftlich gerne. Am liebsten mit den Vereinskollegfen der Parasportgruppe der Erlanger Sektion des Deutschen Alpenvereins.

Denn Jule Breuning leidet an Muskelschwund. Als sie klein war, hatte sie noch keine körperlichen Beeinträchtigungen. Damals existierte noch die Forchheimer Kletterhalle „Magnesia“. „Da waren wir regelmäßig mit ihr – und natürlich draußen“, erinnert sich Mutter Janet. Durch Jule haben auch ihre Eltern das Klettern wieder angefangen – ein Hobby, das vorher über Jahre vernachlässigt worden war. „Das war dann so unser Familiending“, erklärt Janet Breuning.

Aber irgendwann bemerkten die Eltern, dass sich ihr Mädchen nicht ganz so entwickelte, wie das andere Kinder tun. Genau genommen fielen plötzlich Rückschritte auf: Jule schaffte es auf einmal nicht mehr, Pullover selbstständig auszuziehen, weil sie die Arme nicht mehr über den Kopf heben konnte. Das war am Ende des ersten Schuljahres. Einige Zeit später hielt sie beim Rennen und Fangen-Spielen mit ihren Klassenkameraden nicht mehr mit, wurde immer langsamer.

Diagnose Muskelschwund

Ihre Mutter, selbst Physiotherapeutin, begann, alles aufzuschreiben und die Symptome zu googeln. „Und dann sind wir quasi mit einer fertigen Diagnose in die Kinderklinik.“ Dort bestätigte sich der Verdacht: Muskelschwund, Fachbegriff Fazioskapulohumerale Muskeldystrophie, Typ 1. Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich die Degeneration von Muskelmasse. In einem gesunden Körper sterben permanent Zellen ab – auch Muskelzellen – und werden neu gebildet. In Jules Körper ist das nicht der Fall. Es sterben Zellen ab, aber die neuen reifen nicht aus.

„Wenn eine kaputt ist, ist sie kaputt“, erklärt die Teenagerin lapidar. Da Muskeln das Korsett des kompletten Körpers bilden, führt dieser Gendefekt im Verlauf der Krankheit zu Muskelschwächen in fast allen Körperregionen, wirkt sich auf Mimik, Rumpfstabilität, Gleichgewicht aus, eben alles, wofür Muskeln gebraucht werden.

Die Diagnose kam kurz vor Jules achten Geburtstag – „und war ein Schock für uns“, sagt Mutter Janet. Seitdem sind acht Jahre vergangen, die Muskeldystrophie nimmt ihren Lauf. Medikamente und Übungen behandeln die Symptome, sollen das Fortschreiten verzögern. Heilbar ist Muskelschwund aber nicht.

Aber mit dem Klettern aufzuhören, kam für Jule nie in Frage. „Sport kann helfen, den Verlauf zu verzögern“, ist sich die 15-Jährige sicher. Außerdem liebt sie es, sich zu fordern, ihren Körper zu spüren und zu erfahren, was alles trotz Einschränkungen möglich ist. „Ich will weiterkommen, mich verbessern – auch wenn es mal schlechte Tage gibt, an denen alles schwerfällt und ich mir alles sehr zu Herzen nehme.“

Wichtig ist beim Training, dass sie sich nie überfordert. Denn es gilt, einen Muskelkater zu vermeiden. „Dabei werden Muskelzellen zerstört, die sich anschließend an selber Stelle neu und stärker bilden – in einem gesunden Körper“, erklärt Janet Breuning. Bei Menschen mit Muskeldystrophie findet diese Neubildung aber eben nicht statt. Das heißt: Moderates Training, zusätzlich Physiotherapie.

Seit es die Parasportgruppe im DAV Erlangen gibt, hat Jule hier ihre sportliche Heimat gefunden. „Am Anfang wollte ich gar nicht hin. Da waren zu viele Leute, das stresst mich“, erzählt der Teenager. Als sie sich aber entschloss, ihre Abschlussarbeit über Paraclimbing zu schreiben, drängte sie ihr Mentor Kevin Bartke, DAV-Paraclimber aus Fürth und Mitglied der Paraclimbing-Nationalmannschaft, sich die Gruppe doch mal anzusehen. Also ging Jule zu einem der regelmäßigen Kletter-Treffs in der DAV-Bergwelt. „Naja und dann hat es doch Spaß gemacht“, lautet ihr Fazit. Das Großartige an der Gruppe sei, dass man einfach angenommen wird. „Keiner schaut doof, keiner fragt, man wird einfach verstanden, darf sein, wie man ist.“

Jule Breuning im Wettkampffieber

Inzwischen hat Jule das Wettkampf-Fieber gepackt. Im Mai trat sie mit vielen weiteren deutschen Para-Athleten beim Paraclimbing-Masters in Imst an, einem internationalen offenen Wettkampf. „Eigentlich klettere ich für mich, um mir etwas Gutes zu tun. Aber manchmal bin ich auch richtig ehrgeizig.“ Diese paar Tage in Tirol waren ein unglaubliches Erlebnis für Jule. Sie sei vom Nationalteam richtiggehend adoptiert worden. „Die haben mich bemuttert wie ein kleines Küken“, erzählt sie lachend. Es sei ein schönes Miteinander gewesen.

„Und die Erfahrung, wenn man als Gruppe durch die Stadt geht: Eine läuft krumm, einer ist blind, einer hat nur ein Bein, eine nur einen Arm – man wird nicht allein blöd angeschaut. Das macht stark und gibt Geborgenheit“, schildert sie ihre Erfahrungen. Nicht verwunderlich, dass ihre Idole ebenfalls Paraclimber sind. „Angelino Zeller ist eine Maschine und Phil Hrozek hat eine mentale Stärke, das ist unglaublich.“ Sie bewundert die beiden, weil sie unmöglich Geglaubtes möglich machen. „Sie zeigen dir: Wenn du Ziele hast und kämpfst, dann kannst du sie erreichen.“

Außerdem nennt sie Felix aus der Erlanger Parasport-Gruppe. „Das ist kein krasser Typ.“ Er ist blind und querschnittgelähmt – und klettert inzwischen trotzdem komplette Routen in der Bergwelt. „Er hat das gewollt und sich Stück für Stück erarbeitet. Das verdient Respekt. Außerdem fotografiert er und ist immer gut gelaunt. Das soll dem mal einer nachmachen“, schwärmt Jule.

Wenn diese Idole und Teamkollegen sie beim Klettern anfeuern, kann Jule das Letzte aus sich herausholen. „Das treibt einen richtig die Wand hoch.“ Zumal die 15-Jährige keinerlei Angst vor Stürzen hat. „Das wäre schlecht. Wenn ich keinen Henkel finde oder einen Griff nicht richtig gut erwische, falle ich raus. Das kann ich dann nicht halten“, erklärt sie ihre Beeinträchtigung beim Klettern.

Da sie ihre Arme nicht über Schulterhöhe heben kann, „krabbelt“ sie mit den Fingern die Wand hoch bis zum nächsten Griff. „Der muss dann sitzen.“ Sobald sie mit einer Hand Halt hat, unterstützt die andere die Beine, zieht sie hoch, bis die Füße sauber auf den nächsten Tritten stehen. Denn auch die Beine kann sie nicht frei heben, dafür reicht die Muskulatur nicht. „Ich habe jetzt einen Trick: Ich schnalle mir Hundehalsbänder um die Oberschenkel. In die kann ich reingreifen und meine Füße nach oben setzen“, erläutert Breuning.

Das passiert alles, während sie mit einer Hand am Griff hängt. „Sie hat eine gute Fingerkraft“, erklärt ihre Mutter. Jules Finger sind seltsamerweise nicht von der Krankheit betroffen. Ihre Lieblings-„Moves“ seien daher Züge an großen Henkeln. „Da kann ich meine Stärke ausspielen – auch wenn ich total unergonomisch klettere. Aber nur so geht’s.“

Auch auf mentaler Ebene profitiert die Teenagerin von ihrem Sport. „Sie ist selbstbewusster geworden“, weiß ihre Mutter. Außerdem stärkt Klettern die Konzentration, weil man sich fokussieren muss auf das, was man tut – mit Einschränkungen umso mehr. „Wenn ich nicht konzentriert bin, falle ich raus. Klettern ist Kopffreizeit, da kann man nur bei sich sein.“ Nur dann könne man an seine Grenzen gehen.

Hier unterscheiden sich Parasportler nicht von „Normalos“, findet Jule: „Alle haben ihre Grenzen, sie sind nur unterschiedlich geartet.“ Der große Vorteil von „Paras“: Sie sind oft besser darin, über ihre Grenzen hinauszuwachsen. Um Unmögliches möglich zu machen.

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