Über die vergangenen Jahre war es beinahe langweilig geworden – zumindest für neutrale Liebhaber des Kunstradsports. Einen Wettbewerb nach dem anderen hatte Lukas Kohl vom RSV Kirchehrenbach gewonnen und seine Mitstreiter zudem meistens weit distanziert. Kürzlich riss zwar nicht seine Siegesserie, doch zum ersten Mal seit längerer Zeit brachte er mit seiner fünfminütigen Kür weniger als 200 Punkte ins Ziel.
So holte er sich „nur“ deshalb den nächsten deutschen Meistertitel im Einer der Männer, weil auch die Konkurrenz patzte. Für die Weltmeisterschaft in Glasgow, wo fast alle Disziplinen des Radsports gebündelt ausgetragen werden, reichte Landsmann Philipp-Thies Rapp eine nur unwesentlich kleinere Punktezahl ein als Kohl. Es schien, als hätte der „Lukinator“ endlich wieder einen echten Herausforderer.
Um es vorwegzunehmen: Der König des Einer-Kunstradfahrens bei den Männern wurde nicht entthront. Der 27-Jährige erfüllte wieder mal seine eigenen Erwartungen und schnappte sich die siebte Krone. Schon in der Vorrunde am frühen Samstagnachmittag setzte er mit ausgefahrenen 211,07 Zählern ein Zeichen.
WM-Neuling Rapp aus Tailfingen (Baden-Württemberg) kam nicht ohne Absteiger durch. Beim Sattellenkerstand rückwärts, die als Acht zu fahren ist, ging er vom Rad. Mit 186,36 erreichte er zumindest das Finale der besten Vier, wo die Karten am Abend neu gemischt wurden, das mäßige Ergebnis also keine Rolle mehr spielen würde.
Ungar überraschend im Finale
Der Spanier Emilio Arellano, der in Herrenberg (Baden-Württemberg) lebt, war ebenfalls nicht fehlerfrei und blieb mit 175,85 klar unter seinen Möglichkeiten. Überraschend fürs Finale qualifizierte sich Csaba Varga. Der Ungar zeigte mit 162,92 Punkten seine bisher beste Kür bei einer WM.
Im Finale fiel Varga auf 147,23 ab und verabschiedete sich aus dem Rennen. Arellano steigerte sich auf 199,11 – nicht schlecht. Die 206,85 von Rapp waren dazu geeignet, Kohl gehörig unter Druck zu setzen. Doch der „Lukinator“ bewies Nerven aus Stahl, legte 210,50 Punkte aufs Parkett und schnappte sich den Titel.
„Jedes Ergebnis über 210 ist mega. Ich stand mächtig unter Druck und bin total happy, dass ich es wieder geschafft habe. In der Vorrunde hatte ich kleine Fehler, das hat mich wachgerüttelt“, sagte Kohl hinterher. Glücklich war auch der Zweitplatzierte: „Dass ich bei meiner ersten WM-Teilnahme gleich Silber gewinne, damit hatte ich nicht gerechnet“, sagte Rapp.
Als fairer „zweiter Verlierer“ zeigte sich auch der drittplatzierte Arellano: „Das war schon ein starkes Finale. Die beiden deutschen Starter waren heute deutlich stärker als ich.“ Und Bundestrainer Dieter Maute stellte erfreut fest: „Das hat es in der WM-Geschichte noch nie gegeben, dass drei Sportler über 199 Punkte rausfahren.“ Zwischen dem Oberfranken und dem Tailfinger hätten nur die Drehsprünge gelegen, die Kohl mehr gezeigt habe. „Das war ein Erste-Sahne-Wettkampf.“











