Nicht selten sorgt ein Kahlschlag für einen Neubeginn. Wie im Jahr 1995. Die heute viel zitierte Zeitenwende ist zwar noch nicht im Gespräch. Doch sie beginnt sich zu entwickeln. Weniger in den etablierten, konservativ geprägten Kreisen der Forchheimer Stadtverwaltung und Politikführung. Auf der Straße allerdings schon. Beinahe wie aus dem Nichts erhebt sich im Sommer 1995 eine politische Kraft in Forchheim, die sich selbst eine ökologisch nachhaltige und soziale Entwicklung der einstigen Königsstadt auf die Fahnen schreibt: die Forchheimer Grüne Liste (FGL). Nun feiert die Gruppierung ihren 30. Geburtstag.
„Pappel-Affäre“ liefert Urknall für Forchheimer Grüne Liste (FGL)
Ein Kahlschlag wirkt als politischer Katalysator: Es ist der 6. März 1995, ein Montag, als in Forchheim ein Fass überläuft. Für den Bau des heutigen Stadtwerke-Gebäudes in der Haidfeldstraße werden auf dem ehemaligen Seltsam-II-Gelände 50 Pappeln gerodet. Eine ganze Allee fällt während jener morgendlichen Nacht-und-Nebel-Aktion den Motorsägen zum Opfer.
Trotz einer Petition, die eine Gruppe Naturschützer in den Landtag eingebracht hatte, und über die eigentlich noch zu entscheiden gewesen wäre. Trotz lauten Trommelns einer Bürgerinitiative. Mit diesen Pappeln fällt der Glaube jener Bürgerinnen und Bürger daran, dass „die in der Stadtpolitik“ schon das Beste für Stadt und Umwelt wollen würden.
Die „Pappel-Affäre“ markiert den Urknall grüner Lokalpolitik in Forchheim. Zwar gibt es im Landkreis bereits seit 1979 einen Kreisverband der Grünen, die Gründung der FGL aus Mitgliedern der Bürgerinitiative um die junge Studentin Annette Prechtel im Juli 1995 markiert jedoch den Startschuss einer ganz lokalen grünen Stadtpolitik in der Kreisstadt. Ihr Ziel: Bei den Kommunalwahlen im März 1996 die „verkrusteten, veralteten Strukturen“ im Rathaus aufzubrechen (wie es Annette Prechtel damals formulierte) und „mit jungen Leuten eine zukunftsorientierte, moderne Politik in der Stadt auf den Weg zu bringen“.
FGL wagt sich bereits 1996 an erste Kommunalwahl
Die Liste ist damals (wie heute auch) bewusst offengehalten, einige Mitstreiterinnen und Mitstreiter gehören der Partei Bündnis 90/Die Grünen an, viele andere agieren ohne Parteibuch. Bei der FGL ganz vorne dabei sind zu Beginn die 21-jährige Geoökologie-Studentin Annette Prechtel, der Kreisvorsitzende des Bundes Naturschutz Professor Ulrich Zenneck, Betriebswirtin Edith Fießer und der Schreiner Gerhard Meixner, der zwischen 1984 und 1990 als Vertreter der „Grünalternativen Liste“ als einziger sogar bereits Stadtratserfahrungen gesammelt hatte.
24 Namen stehen 1996 auf der ersten Wahlliste der FGL, darunter neun Frauen, was für damalige Verhältnisse und im Vergleich zu anderen Parteien überdurchschnittlich viele waren. „Wir haben uns schnell und sehr akribisch in die Themen eingearbeitet“, erzählt Zenneck. Und ein umfassendes Wahlprogramm verfasst. Ihr Anliegen sei es laut eigener Aussage gewesen, das „soziale Vakuum“ in der Stadt zu beenden, die „Kulturwüste“ zu beleben, Stadtökologie, Naturschutz und Verkehrspolitik neu zu denken und die Stadt zu ihrer Vorbildrolle in der Energiepolitik zu drängen.
Gleich drei FGL-Köpfe im Stadtrat: Annette Prechtel, Ulrich Zenneck, Gerhard Meixner
Die grünen Ideen der anfangs überschaubaren Gruppe, die sie unter anderem über ihre eigene Info-Zeitung Grashüpfer unter das Forchheimer Volk bringt, verfangen schnell. Aus dem Stand holt die FGL bei der Wahl am 10. März 1996 mehr als 36.500 Stimmen. Mit 7,5 Prozent Stimmen reicht das für Platz vier hinter der CSU des amtierenden Oberbürgermeisters Franz Stumpf, der SPD und den Freien Wählern. Mit Annette Prechtel, Ulrich Zenneck und Gerhard Meixner ziehen gleich drei FGL-Mitglieder in den neuen, von 30 auf 40 Personen angewachsenen Forchheimer Stadtrat ein. Prechtel, mit ihren 21 Jahren jüngste Stadträtin überhaupt, wird Fraktionsvorsitzende.
FGL erlebt schwierige Anfangsphase in „konservativer Blase"
Auch wenn es damals noch kein Büro gibt, Aktenberge von Wohnzimmer zu Wohnzimmer getragen werden, mühen sich die FGL-Mitglieder während der ersten Jahre durch die rasch anwachsende Fraktionsarbeit und das anfangs raue Klima sowie einer mitunter gar aggressiven Stimmung, die ihnen laut Zenneck vor allem aus Richtung der Christsozialen entgegenschlägt. „Zum Teil unterhielten sich die anderen Fraktionen extra laut oder drehten sich weg, wenn wir etwas sagten. Um uns nicht zuhören zu müssen“, erzählt Prechtel aus ihrer Erinnerung heraus.
Doch das ändert sich schnell. Weil die anderen Fraktion sie als fleißige Abgeordnete erleben, die (wohl im Gegensatz zu einigen anderen) alle Unterlagen vor den Sitzungen akribisch studieren. Weil sie sich den Ratschlägen folgend „ein dickes Fell zulegen“. Und weil die FGL sich eben nicht als die Vereinigung von Querulanten entpuppt, die anfangs manche in ihr sehen wollen.
Grünen-Politik feiert schnell Erfolge in Forchheim
„Wir haben viele politische Entscheidungen mitgetragen“, so Prechtel. „Nur eben nicht alles. Und wir haben Themen angesprochen, die vorher nicht angesprochen worden sind. Und zwar nicht nur Naturschutz“, sagt sie. Ihr erster großer Erfolg: „Wir haben beantragt, dass die Stadt Forchheim öffentlich über ihren Haushalt beraten soll. Bis dahin war das nicht öffentlich, ein Unding“, so Prechtel.
Weitere Erfolge folgen. Und so entwickelt sich der Ortsverband stetig weiter, die Politik der FGL ist fortan nicht mehr aus dem Forchheimer Stadtrat wegzudenken. Ganz im Gegenteil. Bei den Kommunalwahlen sechs Jahre später verteidigt die FGL ihre drei Mandate. Neben Prechtel zieht Edith Fießer 2002 neu in den Stadtrat ein. Ebenfalls wieder dabei ist Ulrich Zenneck, der sich aus beruflichen Gründen allerdings 2003 zurückzieht. Für ihn rückt Gerhard Meixner nach.
2008 wagt sich die FGL mit dem Ex-CSU-Mitglied Wolfgang Schreyer gar an ihre erste OB-Kandidatur. Auch wenn das Bürgermeisterbüro noch eine Nummer zu hoch bleibt, wächst die Fraktion auf fünf Mitglieder. Auch bei den Kommunalwahlen 2014 schaffen es wieder fünf von der FGL in den Stadtrat. Seit 2017 gibt es mit Lisa Badum sogar eine Grünen-Abgeordnete im Bundestag.
2020: FGL wird zweitstärkste Fraktion, Prechtel Bürgermeisterin
Dann kommt das Jahr 2020. Die Forchheimer Grüne Liste holt ihr bis dato bestes Ergebnis. 28 Prozent der Forchheimerinnen und Forchheimer votieren für sie, ihre nun neun Personen zählende Stadtratsfraktion steigt zur zweitstärksten politischen Kraft auf. Und: Annette Prechtel wird zwar nicht neue Oberbürgermeisterin, dafür aber dritte Bürgermeisterin der Stadt Forchheim.
Diese Entwicklung der vergangenen 30 Jahre sei Ausdruck der „Erfolgsstory“ der FGL, sagt Prechtel heute stolz. Und blickt auf Entwicklungen wie die Einführung eines Kulturamts, dem Mitwirken einer städtischen Klimaschutzmanagerin und dem Starten eines neuen Buskonzepts, die es ohne die FGL „zumindest so“ nicht gegeben hätte.
FGL will 2026 den Oberbürgermeister stellen
Mittlerweile zähle der Forchheimer Ortsverband knapp 100 Mitglieder, davon seien knapp zwei Drittel Bündnisgrüne, sagt Markus Dietz. Er steht dem Grünen-Ortsverband gemeinsam mit FGL-Stadträtin Andrea Hecking vor, zudem möchte er im März 2026 Oberbürgermeister der Stadt Forchheim werden. Mit Edith Fießer und Gerhard Meixner sind außerdem aktuell noch zwei FGLer der ersten Stunde aktiv am Ratsgeschehen beteiligt. „Aber ohne bereits zu viel verraten zu wollen, es wird im kommenden Jahr einen kleinen Generationenwechsel geben“, sagt Dietz.
Geben müssen. Denn, und darin sind sich die führenden FGL-Köpfe einige, selbst wenn sie in den vergangenen Jahren einige „positive Entwicklungen haben anstoßen können“. Viele Themen stünden nach wie vor auf der Agenda – nachhaltiges Bauen, Energiewende, umweltschutzverträgliche Verkehrskonzepte, die Stärkung der Kulturschaffenden. Und und und.
Grüne erleben wieder mehr Gegenwind – in Politik und Gesellschaft
Nur weht der zwischenzeitlich abgeebbte Gegenwind den grünen Politikerinnen und Politikern wieder stärker ins Gesicht. Angefacht vom gesamtgesellschaftlichen Kurswechsel nach Corona sowie einem regelrechten Hass einer lauten Minderheit auf die grüne Regierungspolitik (Stichwort Heizungsgesetz) während der Ampel-Koalition dringt dieser Gegenwind auch wieder verstärkt ins Lokale. Im Stadtrat, auf der Straße, im Internet.
Ob und wie sehr dieser „neue und breite Gegenwind“ die Forchheimer Grüne Liste bei ihren künftigen Vorhaben ausbremsen wird, zeigt sich erst nach den Kommunalwahlen. Markus Dietz, Andrea Hecking und all die anderen alten und jungen Forchheimer Grünen präsentieren sich unbeeindruckt von derlei Unkenrufen. Ganz im Gegenteil. „Wir haben schon so viel geschafft“, sagt Dietz. „Da geht noch mehr.“
Mit vorherigem Kahlschlag oder ohne. Am liebsten aber ohne.




















