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Interview Landrat
Krisenmodus überwunden? Wohin der Landkreis steuert
Corona, Ukraine-Krieg,: Wie der Landkreis Forchheim den  Strapazen trotzt und was 2023 alles ansteht, erklärt Landrat Hermann Ulm im  FT-Interview.Forchheim & Fränkische Schweiz
Corona, Ukraine-Krieg,: Wie der Landkreis Forchheim den Strapazen trotzt und was 2023 alles ansteht, erklärt Landrat Hermann Ulm im FT-Interview. // Barbara Herbst
Forchheim – Landrat Hermann Ulm spricht mit dem FT über die Pandemie, frischen Wind für die Energiewende, ob der Landkreis für noch mehr Flüchtlinge bereit ist und wo er sich selbst bei den nächsten Wahl sieht.

Jahresendspurt. Wie die alle Landkreisbürger fiebert auch Landrat Hermann Ulm entspannten Festtagen entgegen. Doch bevor es soweit ist, stellt sich der 46-Jährige noch den Fragen für das exklusive FT-Interview.

Neben intimen Einblicken in seine Arbeit und die seiner Verwaltung verrät er unter anderem, wie er die Pandemie erlebt und ob er sich eine weitere Verlängerung seiner Amtszeit vorstellen kann.

Herr Ulm, am 1. Januar 2023 werden Sie seit 3168 Tagen Landrat sein. Täglich grüßt das Murmeltier oder nach wie vor pure Freude jeden Morgen?

Hermann Ulm: Es gibt immer wieder Neues und Spannendes zu machen. In all den Jahren gab es so viele Themen, die Aufmerksamkeit gebraucht haben.

Darunter waren auch viele schöne Themen. Das Murmeltier lassen wir also mal lieber in den Alpen. Es gab zwar auch Dinge, die in gute Bahnen gelenkt werden mussten. Aber es macht Spaß.

Hermann Ulm: „Zu meinem Amt gehören die Verwaltung und das Rausgehen zu den Menschen. Dieser zweite, sehr schöne Teil des Jobs, hat gefehlt. Das geht jetzt wieder.“Forchheim & Fränkische Schweiz
Hermann Ulm: „Zu meinem Amt gehören die Verwaltung und das Rausgehen zu den Menschen. Dieser zweite, sehr schöne Teil des Jobs, hat gefehlt. Das geht jetzt wieder.“ // Barbara Herbst

Unser letzter Interview-Termin fand in der Corona-Hochphase statt. Nun schaut es so aus, als wäre die Pandemie überwunden. Auch Ihr Eindruck, wenn Sie in den Landkreis blicken?

Überwunden hieße, dass sie nicht mehr da ist. Aber es ist normal geworden, damit umzugehen. Das tut gut. Denn das Zwischenmenschliche hat in den vergangenen beiden Jahren gefehlt.

Jetzt gibt es mit der Ukraine und der Energiekrise andere Probleme, aber die lassen sich wieder auf einem normalen Weg gut bearbeiten. Und zwar ohne die Bleigewichte der Pandemie, die uns alle so gelähmt haben.

Zu meinem Amt gehören die Verwaltung und das Rausgehen zu den Menschen. Dieser zweite, sehr schöne Teil des Jobs, hat gefehlt. Das geht jetzt wieder.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Landrat durch die Pandemie entwickelt?

Während der vergangenen Jahre hatte sich die Arbeitsweise geändert und mein Terminkalender. Es gab weniger Termine an den Abenden und Wochenenden, dafür war der Arbeitsalltag wesentlich belastender.

Ständig gab es Katastrophenfälle und Ausnahmezustände waren normal. Wir mussten versuchen, unsere Mitarbeiter mitzunehmen, die etwa im Gesundheitsbereich oder in der öffentlichen Sicherheit und Ordnung teilweise stark überlastet waren.

Ist das gelungen?

Für die Umstände ist es schon gelungen, mit all den Schwierigkeiten. Die „Bleigewichte“ wogen schwer, aber alle haben zusammengelangt.

Merken Sie, dass sich auch bei den Bürgern etwas geändert hat?

Ja. Die Bürger suchen mittlerweile häufiger den Online-Weg und kommen nicht mehr so zahlreich persönlich vorbei. Das ist ja auch gut so, wenn die Möglichkeit dafür besteht.

Trotzdem muss im Ernstfall ein Mensch im Landratsamt Ansprechpartner sein, mit dem man sprechen kann.

Der Landkreis Forchheim schneidet als digitalisierte Behörde noch nicht sehr gut ab. Tut sich da in naher Zukunft etwas?

Das hatte in der Tat nicht oberste Priorität, wir setzten krisenbedingt andere Prioritäten, zum Beispiel die Digitalisierung unserer Schulen. Gerade in den letzten Wochen hat sich aber einiges getan. Bayernweit soll durchgestartet werden.

Auch unsere Verwaltung ist „Shoppen“ gegangen, hat zusätzliche Online-Anwendungen zugekauft und die Strukturen erheblich ausgebaut. Stand jetzt sind ungefähr 40 Bürgerdienste online möglich. Das sollte sich im Laufe der nächsten Monate noch vervielfachen.

Der Krieg in der Ukraine wird so schnell nicht enden, noch mehr Geflohene werden auch in unseren Landkreis kommen. Wie sind darauf vorbereitet?

Mit den bestehenden Strukturen, die wir seit 2015 aufgebaut hatten, eigentlich ganz gut. Unser System der dezentralen Unterbringung macht viel Arbeit, auch was die Bürokratie betrifft. Im Sozial- und Ausländerwesen mussten wir personell aufrüsten.

Bisher ziehen auch die Gemeinden gut mit. Auch deshalb haben wir bisher noch keine Turnhallen oder Notunterkünfte gebraucht. Das macht es auch den Flüchtlingen leichter, besser anzukommen.

Wir mussten einige unserer vorhandenen Unterkünfte sanieren, aber das haben wir getan und neben den beiden großen Unterkünften in Obertrubach und in Behringersmühle noch mehr Unterkünfte bereitgestellt. Auf absehbare Zeit sollte das also gut gehen.

Landrat Hermann Ulm mit Blick auf die Flüchtlingsfrage: „Auf absehbare Zeit sollte das also gut gehen.“Forchheim & Fränkische Schweiz
Landrat Hermann Ulm mit Blick auf die Flüchtlingsfrage: „Auf absehbare Zeit sollte das also gut gehen.“ // Barbara Herbst

Blicken wir auf die Energie: Nun kommt Bewegung in den Ausbau erneuerbarer Energiequellen, auch bei der Windkraft. Wieso hat das so lange gedauert?

Weil es politisch 2014 so im regionalen Planungsverband beschlossen wurde. Damals existierten noch einige wenige Vorranggebiete im Landkreis, wogegen es aber Bürgerwiderstände gab.

Mit der Folge, dass auch die letzten verbliebenen Vorranggebiete noch entfernt wurden. Jetzt durch die neue Gesetzesgrundlage können wir dieses Kapitel novellieren.

Ein Gewinn für den Landkreis?

Definitiv. Es geht in eine gute Richtung. Wir beraten die Gemeinden, haben ihnen einen Windkümmerer an die Hand gegeben und Experten aus der Praxis eingeladen. Da tut sich einiges.

Es deutet sich jetzt eine Art halber Ring im südwestlichen Landkreis an. Der Raum Neunkirchen und Igensdorf, Weißenohe, die Staatsforsten im Westen und die angrenzenden Gemeinden, die Stadt Forchheim, Eggolsheim – es ist ein guter Weg, auf dem wir uns befinden.

15,7 Millionen Euro bekommt der Kreis 2023 vom Freistaat zugewiesen. Was machen Sie mit dem vielen Geld?

Es sind drei Millionen Euro weniger als im letztes Jahr. Eine unserer Kernaufgaben neben der Verwaltung sind die baulichen Strukturen unserer Schulen.

Nehmen Sie etwa das 15-Millionen-Euro-Projekt „Offene Ganztagsschule Gräfenberg“. Daneben wollen wir den ÖPNV verbessern, das kostet. Schon jetzt müssen wir wegen gestiegener Energiekosten eine Million Euro im Jahr mehr aufwenden.

Dann kommen Kosten von ein bis zwei Millionen Euro für die Einführung des Integralen Taktfahrplans hinzu, außerdem haben wir den Beitritt in den Zweckverband Stadtumlandbahn (Stub) beschlossen. Das alleine kostet im nächsten Jahr 400.000 Euro – die Investitionen in den Folgejahren werden dann erst richtig teuer.

Auch die Energiekosten treffen uns hart: Alleine für die Teuerungen in dem Bereich müssen wir zwei bis drei Millionen Euro mehr bezahlen.

Gibt es bei der Energie Einsparpotenziale?

Energetisch saniert haben wir schon fast überall. Es fehlen noch Herder-Gymnasium, Berufsschule und Pestalozzi-Schule. Und wir wollen weitere Teile unserer Gebäude mit Photovoltaik belegen. Hierbei planen wir für die kommenden fünf Jahre sieben Millionen Euro ein – aber diese Investitionen lohnen sich ja langfristig. Durch die zunehmende Digitalisierung brauchen wir mehr Strom in den Schulen und Verwaltungsgebäuden.

Aufgaben gibt es viele, der Großteil davon liegt aber in Gemeindehand. Wünschen Sie sich manchmal mehr Befugnisse, um Neuerungen anzustoßen und umzusetzen?

Ich bin ein großer Verfechter der kommunalen Planungshoheit. Eine Gemeinde hat die Themen vor Ort im Blick, kennt die Leute und weiß, wo es hakt und wie es um die Infrastruktur bestellt ist.

Da ist der Landkreis eine Ebene zu weit weg. Es ist aber wichtig, dass wir als Kreisbehörde die Gemeinden unterstützen. Sei es im Klimabereich, im ärztlichen Bereich, im Seniorenbereich. Ich bin aber kein Fan, die Gemeinden in ihrer Selbstständigkeit zu beschneiden.

FT Redakteur Stephan Großmann im Gespräch mit Landrat Hermann Ulm.Forchheim & Fränkische Schweiz
FT Redakteur Stephan Großmann im Gespräch mit Landrat Hermann Ulm. // Barbara Herbst

Sie müssen die Bedürfnisse von 29 sehr unterschiedlichen Kommunen unter einen Hut bringen. Wäre es nicht einfacher, Forchheim doch in die Kreisfreiheit zu entlassen?

Nein. (lacht) Wir denken in Regionen und nicht mehr in kleinen Verwaltungseinheiten. Es macht eher Sinn, die regionale Vernetzung zu pflegen. Eine Stadt kann ohne das Umland nicht leben und das Umland braucht die Stadt zur Versorgung.

Diese Abhängigkeiten werden im Rahmen der Energiewende noch deutlicher. Jetzt rufen selbst kreisfreie Städte nach Stadt-Umland-Partnerschaften, um städtisch benötigte Energie auf dem Land zu erzeugen. Oder nehmen Sie das Sozialwesen, die Wasserversorgung, den Tourismus – da geht vieles Hand in Hand. Stadt und Land sind wirtschaftlich, ökologisch und sozial eng miteinander verflochten.

Die nächste Landratswahl 2026 fällt ins Jahr Ihres 50. Geburtstages. Was steht auf Ihrem Wunschzettel: Zurück in den Lehrerberuf oder noch einmal den Hut in den Landratsamts-Ring werfen?

(lacht) Bis dahin ist noch sehr lange Zeit. Aber ich gehe davon aus, dass ich den Hut noch einmal in den Ring werfe. Es macht ja auch Freude hier bei uns.

Ich kenne Kollegen, die ständig mit politischen Anfeindungen kämpfen müssen und nur Streitereien im Kreistag haben. Das gibt es bei uns zum Glück nicht. Klar hat ein jeder ab und an seine Rolle zu spielen. Aber wir haben immer ein respektvolles Miteinander. Das ist nicht selbstverständlich.

Herr Ulm, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hermann Ulm im Video: Fünf persönliche Fragen

Fünf Fragen an Hermann Ulm

Fünf Fragen an Hermann Ulm

Zur Person: Hermann Ulm

Hermann Ulm ist seit 1. Mai 2014 für die CSU Landrat des Landkreises Forchheim. Er wurde 1976 in Forchheim geboren und macht 1996 am Ehrenbürg-Gymnasium Abitur. Nach seinem Lehramtsstudium in Bamberg promovierte er 2007 zum Doktor der Philosophie.

Berufliche Stationen waren die Grund- und Mittelschule Kirchehrenbach sowie die Universität Erlangen-Nürnberg. 2008 bis 2014 war er Bürgermeister der Gemeinde Kunreuth, seit 2014 ist er Landrat. Ulm ist verheiratet und hat drei Kinder.

 

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