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Forchheim
Freistaat lässt Bauern nach Missernte im Stich
Michael Leistner und Kreisbauer Hermann Greif begutachten zusammen den ausgewachsenen Roggen.Forchheim & Fränkische Schweiz
Michael Leistner und Kreisbauer Hermann Greif begutachten zusammen den ausgewachsenen Roggen. // Andreas Wolfger
Hiltpoltstein – Der Regen der letzten Wochen hat das Getreide von Forchheims Bauern nahezu unbrauchbar gemacht. Weder Bier noch Brot kann man daraus noch gewinnen.

Rund 170 Hektar Fläche bewirtschaften Gerhard und Michael Leistner als Vater-Sohn-Gespann gemeinsam. Etwa 40 Hektar davon sind Wiesen. Von der verbleibenden Fläche werden wohl rund 80 Hektar heuer jedoch als Totalausfall enden. Das Getreide, das sie gesät haben, ist auf dem Acker verkommen. Den Verlust durch die Missernte schätzen sie auf rund 100.000 Euro. So wie ihnen geht es in diesem unbeständigen Sommer einigen Landwirten in der Region. Auf dem Schaden werden sie wohl sitzen bleiben.

„Dieses Jahr haben wir im Prinzip alles erlebt, was möglich ist“, scherzt Michael Leistner. Zuerst sei das Frühjahr zu nass gewesen, dann sei der Sommeranfang zu trocken geblieben und dann sei der Dauerregen gekommen – ausgerechnet in dem Moment, in dem sie die Ernte hätten einfahren können. Zwischendurch habe auch noch Hagel dem Mais zugesetzt, der dieses Bombardement jedoch glücklicherweise relativ gut überstanden habe. Ein großer Trost ist das aber nicht.

Zukunftspläne liegen auf Eis

Auch wenn Michael Leistner bei dem, was er berichtet, freundlich lächelt, sieht man ihm an, wie ernst die Lage ist. Eigentlich soll der 27-Jährige den Familienbetrieb bald übernehmen. Hierfür hat er Landwirtschaft an der Hochschule studiert. Eigentlich wollte er im kommenden Jahr in den Hof investieren und einen neuen Stall bauen. Dieser Plan liegt nun wohl auf Eis, denn die meisten Feldfrüchte, die er und sein Vater ausgesät hatten, sind dahin, bevor sie geerntet werden konnten.

Braugerste, Roggen und sogar der eigentlich als vergleichsweise robust geltende Weizen sind kaum zu gebrauchen. Manches ist aufgrund der Trockenheit geradezu verbrannt. Andernorts gibt es Zwiewuchs. Dabei bilden sich wegen der hoher Feuchtigkeit unterhalb der bereits stehenden Ähre des Getreides weitere Fruchtkörper. Die Folge ist, dass bei der Ernte auch viele unreife Körner gesammelt werden. Aussortieren kann man diese nicht. Zum Backen oder Brauen sind diese Körner nicht zu gebrauchen.

Grüne Inseln im Roggen

Mitunter am schlimmsten ist jedoch der Auswuchs. Besonders gut zu erkennen ist dieser beim Roggen der Leistners. „Das wäre ein absoluter Spitzenroggen geworden“, erklärt Kreisbauer Hermann Greif vor Ort. Die Ähren seien so schwer gewesen, dass die Halme sie kaum mehr hätten tragen können. Dann habe es jedoch geregnet und die Folgen sind gut sichtbar.

Überall im Roggenfeld befinden sich grüne Inseln.Forchheim & Fränkische Schweiz
Überall im Roggenfeld befinden sich grüne Inseln. // Andreas Wolfge

Statt zu stehen, liegt das Getreide flach auf dem Boden. Zwischen den braunen Halmen befinden sich mitunter mehrere Meter große grüne Inseln. Aus der Entfernung erinnert der Anblick etwas an Bilder aus einem Moor. Nasse Füße holt man sich hier aber nicht. „So schlimmen offenen Auswuchs habe ich bisher in meinem Leben noch nicht gesehen“, betont Greif.

Tatsächlich haben die Körner der Pflanze am Halm angefangen, Wurzeln wachsen zu lassen und bildet nun regelrechte Teppiche. „Wenn man da mit einem Mähdrescher einfach drüberfährt, gibt es einen kräftigen Rums und mit Pech geht die Maschine kaputt“, berichtet der Kreisbauer.

Offener Auswuchs auch am Weizen

Doch der Auswuchs ist auch aus anderen Gründen ein Problem. „Wenn es diese Wurzeln schlägt, verbraucht das Korn die in ihm gespeicherte Energie“, erklärt Greif. Folglich sei es kaum mehr nutzbar. Nicht nur der Roggen zeigt diesen Auswuchs. Auch beim Weizen der Leistners ist er gut erkennbar.

Auch der Weizen wurzelt bereits.Forchheim & Fränkische Schweiz
Auch der Weizen wurzelt bereits. // Andreas Wolfge

„Etwa 20 Hektar haben wir am Wochenende bereits eingeholt“, berichtet Michael Leistner. Brauchbar sei dieser Weizen bestenfalls noch als Viehfutter oder für die Biogasanlage. Da so viele Kollegen betroffen seien, erwarte er jedoch nur einen sehr geringen Preis für sein Getreide.

„Der Markt wird jetzt geflutet“, betont er. Hätte er den Doppelzentner (100 Kilogramm) Backweizen für gut 21 Euro verkaufen können, könne er jetzt bestenfalls noch 13 Euro erwarten. Vermutlich jedoch deutlich weniger – wenn er ihn überhaupt verkauft bekommt.

Verdeckter Auswuchs

Neben dem offenen Auswuchs gibt es jedoch auch verdeckten Auswuchs. „Damit bezeichnet man die Phase, wenn sich das Korn bereit macht, Wurzeln zu bilden“, berichtet Hermann Greif. Dies sei besonders bei der Braugerste ein Problem. „Wird der Prozess einmal unterbrochen, kann man es nicht mehr zum Keimen bringen“, erklärt er. Folglich könne man kein Malz mehr daraus herstellen.

„Ich kenne einige, die in den vergangenen Tagen gedroschen haben“, berichtet Greif. Alle von ihnen hätten diese Probleme. „Nichts, was derzeit im Landkreis Forchheim geerntet wird, kann mehr zu Brot oder Bier verarbeitet werden“, erklärt er. Eine Absicherung gegen eine solche Missernte gebe es für Bauern leider nicht.

Von außen sieht man es dem Weizen nicht an, aber auch hier gibt es Auswuchs.Forchheim & Fränkische Schweiz
Von außen sieht man es dem Weizen nicht an, aber auch hier gibt es Auswuchs. // Andreas Wolfge

Zwar könnten Landwirte eine sogenannte Mehrgefahrenversicherung abschließen, die etwa helfe, wenn es zu einer Flut käme. Bei den vorliegenden Schadensereignissen greife sie aber nicht. „Für gewöhnlich ist es nicht schlimm, wenn sowas mit einem Teil der Ernte passiert“, erklärt Greif. Das kalkuliere man als Landwirt mit ein und ärgere sich. Dass jedoch nahezu die gesamte Ernte so ins Wasser falle, sei existenzbedrohend.

Agrarhandel ebenfalls betroffen

Auch Agrarhändler Hans-Martin Merkel beobachtet die Situation besorgt. „Noch stehen meine Silos leer“, berichtet er. Schließlich stünde rund 70 Prozent des Getreides der Bauern auf den Feldern. „Der Regen am vergangenen Wochenende hat aber nicht unbedingt zur Verbesserung der Qualität geführt“, erklärt er. Eher das Gegenteil sei der Fall. Dennoch kaufe er seinen Bauern so viel Ware ab, wie möglich. Auch wenn es derzeit keinen Absatz gebe.

Trotz niedriger Preise im Vergleich zur Qualitätsware, führe die Missernte auch für ihn jedoch zu ernsthaften Problemen. So sei es derzeit ausgesprochen schwierig für ihn, das Futtergetreide zu verkaufen. Außerdem habe er Vorverträge mit Brauereien geschlossen, die er derzeit nicht erfüllen könne.

Keine Hilfe aus dem Ministerium

Wie aus dem Landwirtschaftsministerium zu erfahren ist, ist man sich in München des Problems wohl bewusst. „In den vergangenen zweieinhalb Wochen zogen in Bayern ungewöhnlich häufig flächendeckende und ergiebige Niederschläge durch“, heißt es von dort auf Nachfrage. Insofern müsse mit Einbußen bei Menge und Qualität in ganz Bayern gerechnet werden.

So sieht der Auswuchs von nahem aus.Forchheim & Fränkische Schweiz
So sieht der Auswuchs von nahem aus. // Andreas Wolfge

„Bayern fördert die Mehrgefahrenversicherung“, erklärt man weiterhin. Diese könne gewisse, aber nicht alle, Risiken und auch nicht alle Möglichkeiten abdecken. So etwa versichere sie zwar etwa Überschwemmungen infolge von Starkregen, aber nicht mögliche Schäden, die durch den - für Franken tatsächlich ungewöhnlichen - zu lange anhaltenden Regen entstanden sein könnten.

Auf die Frage, ob es alternativ Unterstützung seitens des Freistaats gebe, erklärt man: „Nach unserer Kenntnis sind keine Hilfen vorhanden und auch nicht geplant.“ Bayernweit gesehen müsse man sich übrigens sowohl in Bezug auf die Braugerste als auch auf den Weizen keine Sorgen machen.

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