Wenn der ganze Ort noch schläft, klingelt bei Johannes Pieger der Wecker. Er steht dann auf, meist ist es noch tiefe Nacht, packt die 91 Zeitungen in seine blaue Tasche und marschiert los. Bergauf und wieder bergab durch den ganzen Ort ist er dann über zwei Stunden unterwegs, damit alle Schlaifhausener pünktlich bis 6.30 Uhr ihren Fränkischen Tag im Briefkasten haben.
Seit genau 50 Jahren ist er als Zusteller unterwegs. Der Fränkische Tag hat ihn jetzt für seine Treue geehrt. Christian Martin, Leiter für den Zustellbereich, und der zuständige Personaldisponent Christian Dennerlein haben ihm dabei eine Urkunde, ein Geldgeschenk und einen prall gefüllten Präsentkorb überreicht.
Zeitung austragen: ein perfekter Start in den Tag
Anfangs ging Johannes Pieger nach der Runde durch den Ort in die Schule, dann in die Lehre als Schreiner und heute in seine eigene Schreinerei in Baiersdorf. „Die anderen sind immer morgens müde, wenn sie zur Arbeit kommen“, sagt er. „Aber ich bin topfit.“
Auf dem Weg lasse er sich den kommenden Tag durch den Kopf gehen und oft kommen die richtigen Ideen für den Hauptberuf als Schreinermeister. „Auf dem Weg sind schon viele tolle Entwürfe entstanden“, sagt er. Gleich im Eingang seines Hauses steht sein Meisterstück: Ein massiver Eichenschrank, mit speziellen Stangen und Schubladen. Man sieht dem Kleiderschrank direkt an, dass der noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte halten wird.
An seinen ersten Tag als Zeitungsausträger kann er sich noch gut erinnern. Den Job hatte der Schuljunge da gerade von seinem Bruder übernommen. Auch den hatte ein Hund frühs immer angebellt. „Aber ausgerechnet an diesem Morgen, dem 1. August 1973“, erinnert sich Pieger, „hat der Hund die Kette durchgerissen, ist auf mich zugerannt und hat mich gebissen.“ Die Hundebesitzerin habe sich freilich entschuldigt und ihm eine Tafel Schokolade geschenkt – als Schmerzensgeld.
Wenn er in Rente geht, übernimmt er vielleicht noch einen Ort als Zeitungszusteller
Mit 19 Jahren, im Januar 1983, hätte er dann fast sein Leben verloren. In Muggendorf war er gerade dabei, Zeitungen auszuladen, als auf der eisglatten Fahrbahn ein Sattelschlepper außer Kontrolle geriet.
„Ich habe hochgeschaut und da war der direkt vor mir“, erinnert er sich. „Wie eine Wand.“ Er warf sich zu Boden, konnte sich unter den Sattelschlepper retten, sein VW-Bus wurden gegen eine Hauswand gedrückt. Seine Rippen waren gebrochen, er brauchte neun Monate, um wieder gesund zu werden. Doch er war am Leben. Anders als sein Vater, der sechs Jahre zuvor bei einem Autounfall tödlich verunglückt war.
Lange habe er immer Angst bekommen, wenn er einen Lkw gesehen habe, ganz langsam sei er dann gefahren. „Aber jetzt habe ich keine mehr“, lacht er. „Und fahre ganz normal weiter.“
Wenn er morgens durch Schlaifhausen läuft, faltet er den Fränkischen Tag auf seine ganz eigene Weise. Zuerst ein Drittel nach rechts, dann ein Drittel nach links. Es ist sein Markenzeichen geworden. Manche erkennen daran, wenn er vertreten wird. Manchmal rufen sie dann an und fragen, ob alles in Ordnung sei. Er mache nur Urlaub, antworte er dann.
Seine Schreinerei wird er bald an seine Tochter übergeben, gerade baut er eine neue Halle, diesmal in Schlaifhausen. Den Fränkischen Tag wird er aber weiter austragen. Und der Vetrieb hofft darauf, dass er dann vielleicht noch eine Ortschaft übernimmt. Denn so ein zuverlässiger Zusteller, das sei schon ein ganz besonderer Schatz.
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