Der Krieg in der Ukraine hat die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr in eine Rezession gestürzt. Noch immer stellen die Auswirkungen von Inflation, Energiekrise und gestiegenen Materialkosten Unternehmen vor Herausforderungen – auch in Franken. Wir fragen in verschiedenen Wirtschaftsbereichen nach: Wie begegnen die großen fränkischen Arbeitgeber den Krisen? Welche zukünftigen Entwicklungen sind in den jeweiligen Branchen absehbar? Und vor allem: Wie sicher sind die Arbeitsplätze?
Hyperinflation, prekäre Versorgungslage und politische Ungereimtheiten: Als Krisenjahr ging 1923 in die Geschichte Deutschlands ein. Für die Geschichte des Süßwarenherstellers Piasten, der später zum größten Bayerns avancieren sollte, ist es der Ausgangspunkt.
100 Jahre nach seiner Gründung in Oberschlesien findet sich der Süßwarenhersteller, der sich 1945 in Forchheim niedergelassen hat, in einer milderen, aber doch ähnlichen wirtschaftlichen Situation wieder: Politische Konflikte, Inflation sowie Rohstoff- und Energiekrise. Die vernünftige Preiskalkulation und Produktionsplanung wurden in der Süßwarenbranche in jüngster Zeit zur Mammutaufgabe. Seine Lehren musste auch Piasten ziehen – und handelte prompt.
Zeitweise Sicherheit in unsicheren Zeiten
„Im Jahr 2023 haben wir uns durch eine größere Sicherung von Rohstoffmengen deutlich besser aufgestellt“, sagt Manfred Jus, Geschäftsführer bei Piasten. Zumindest in Unsicherheit über die Rohstoffbeziehung muss sich der größte Drageehersteller Deutschlands – anders als im vergangenen Jahr – also nicht mehr wiegen. Eine Konstante, immerhin vorübergehender Natur, hat sich Piasten zwar geschaffen. In eine schwer kalkulierbare Zukunft blickt die deutsche Süßwarenindustrie trotz zuletzt rückläufiger Rohstoffpreise dennoch.
Neben den veritablen Herausforderungen durch gestiegene Energie- und Rohstoffpreise belastet die Unternehmen ein Mehraufwand durch unterschiedliche Kennzeichnungsvorschriften innerhalb der EU. Hinzu kommt die nachhaltigkeitsbedingte Umstellung auf andere Verpackungsmaterialien und Energieträger. Doch vor allem ein Problem setzt der Süßwarenbranche aktuell zu: Die Preissprünge auf den Märkten für Zucker, Glukose und Dextrose.
Zucker-Notlage: Preise steigen weiter an
„Die Versorgungslage ist mehr als angespannt. Unternehmen können ihren Bedarf an Zucker nicht mehr ausreichend für einen längeren Zeitraum decken“, erklärt Solveig Schneider vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI). Grundsätzlich würden die Zuckerrüben aus heimischen Vorräten bezogen, die Teuerung und gleichzeitig hohe Nachfrage gefährdeten allerdings die Versorgungslage in Deutschland. Den Mangel hierzulande durch Importe ausgleichen? Fehlanzeige. Weißzucker ist zum Schutz des hiesigen Marktes mit hohen Zöllen belegt. Der Zucker-Zukauf wäre demnach gleichbedeutend mit weiteren Preissteigerungen.
„Ich glaube nicht, dass die Zölle fallen werden“, sagt Jus. „Die Zuckerpreise werden weiterhin auf dem aktuell hohen Niveau verharren oder sogar noch weiter steigen.“ Der Konsument müsse sich also auf weitere Preiserhöhungen einstellen. Die Unternehmen hingegen machten zwar bei weiterhin guten Verkaufszahlen mehr Umsatz, würden jedoch aufgrund der enormen Produktionskosten an Gewinnen einbüßen.
Arbeitsplätze bei Piasten: Ausbau statt Abbau
Ob und inwiefern sich die Krisen auf die Arbeitsplatzsituation in der Süßwarenindustrie auswirken werden, ist derzeit noch ungewiss. Ein Blick zurück in die jüngste Vergangenheit ist vielversprechend: Von der Corona-Krise hat sich die Süßwarenindustrie vollständig rehabilitiert. Mit rund 5850 Beschäftigten in Bayern befand sich die Branche im vergangenen Jahr über dem Stand von vor der Pandemie (5589).
Den Trend bestätigen auch die Zahlen von Piasten. 450 Mitarbeiter sind seit mehreren Jahren fest angestellt, zudem befinden sich die Einstellungen derzeit im Vergleich zu den zurückliegenden Jahren auf einem höheren Niveau. „Wir möchten am Standort Forchheim weiterwachsen. Aufgrund der aktuell hohen Nachfrage auf dem Markt planen wir mit einem Stellenausbau“, sagt der Piasten-Geschäftsführer. Sein Unternehmen habe eine stabile, langfristig orientierte Eigentümerstruktur.
Nicht nur rosige Zukunftsaussichten
Um ihren Arbeitsplatz müssten sich die Arbeitnehmer bei Piasten laut Jus keine Sorgen machen – zumal die Branche aufgrund ihrer jahrhundertealten Genusskultur in Deutschland und Europa auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen würde. Jus´ Prognosen bestätigt der BDSI. „Die Süßwarenindustrie gehört seit vielen Jahrzehnten zu den stabilen Branchen und ist ein verlässlicher Arbeitgeber und Ausbilder“, sagt Schneider. Blickt die Branche also trotz Krise in eine rosarote Zukunft?
Ja und Nein. Im Vergleich zu anderen Branchen ist die Zukunft der Süßwarenindustrie aussichtsreich. Mit Herausforderungen hat sie – abseits von Rohstoff- und Energiekrise – dennoch zu kämpfen. Piasten wirbt mit modernsten Produktionsanlagen und computergestützter Fertigung. Klingt nach Rationalisierung? Im Gegenteil. „Aktuell ist eher die Frage, wie wir den rentenbedingten Abgang von Facharbeitern aus den geburtenstarken Jahrgängen durch Automatisierung und Digitalisierung kompensieren können“, sagt Jus. Ein Problem, das zukünftig nicht nur die Süßwarenindustrie lösen muss.
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