Lesung in Zeil
Eberhard Schellenberger: Immer ein mulmiges Gefühl
Der gebürtige Zeiler Eberhard Schellenberger hatte zu einer Zeitreise in die deutsch-deutsche Vergangenheit eingeladen.
Der gebürtige Zeiler Eberhard Schellenberger hatte zu einer Zeitreise in die deutsch-deutsche Vergangenheit eingeladen.
Foto: Margit Stadler
F-Signet von Redaktion Fränkischer Tag
Zeil am Main – Bespitzelt von der Stasi: Der Journalist Eberhard Schellenberger stellte sein neues Buch in seiner Heimatstadt Zeil vor.

Ungläubiges Staunen und Kopfschütteln gab es, als der langjährige BR-Journalist und gebürtige Zeiler Eberhard Schellenberger im Rudolf-Winkler-Haus aus seinem Buch „Deckname Antenne“ las. 70 Besucher waren der Einladung von Stadtbibliothek und Volkshochschule Zeil gefolgt und hörten Geschichten und Erlebnisse, die wie aus einer anderen Welt wirkten.

Von 1984 bis zum Mauerfall im Herbst 1989 hatte die Staatssicherheit der DDR Eberhard Schellenberger bei seinen privaten und beruflichen Reisen in die DDR beobachtet, Telefonate sowie Radiobeiträge mitgeschnitten und dokumentiert, hat Briefe abgefangen und kopiert. In den Akten mit den Namen „Journalist“ und „Antenne“ waren so in Cottbus und Suhl 400 Seiten zusammengekommen, die sich nach dem Mauerfall fanden und in Kopie an den Journalisten ausgehändigt worden sind.

Unheimlich: Eberhard Schellenberger wurde von einem schwarzem Auto verfolgt

Nach 40 Jahren BR-Tätigkeit war Eberhard Schellenberger im Herbst 2020 in Ruhestand gegangen und hatte in zwölf Monaten die „Geschichte seines Lebens“ für das im Echter Verlag nun erschienene Buch aufgeschrieben. Beim Abend in Zeil gab es neben der Buchlesung auch Bilder, Ausschnitte aus den Originalakten an der großen Leinwand sowie Originaltöne aus dem BR- Archiv.

Seitenweise werden in der Akte „Antenne“ Beobachtungsprotokolle dokumentiert, die Eberhard Schellenberger dem Publikum zeigte.
Seitenweise werden in der Akte „Antenne“ Beobachtungsprotokolle dokumentiert, die Eberhard Schellenberger dem Publikum zeigte.
Foto: Margit Stadler

Für die Besucherinnen und Besucher war es eine Zeitreise mit komischen, aber auch unheimlichen Zügen. So berichtete Schellenberger, er sei über zwei Jahre in der Stasiakte als „weiblich“ geführt worden, bis es dann handschriftlich korrigiert wurde. Bei einer Privatreise in der Lausitz sei das Auto seiner Freunde mit dem Westbesuch von einem schwarzen Fahrzeug verfolgt worden.

Schellenberger: „Zwei Männer kamen dann nach uns in eine Waldwirtschaft, sie hatten lange Trenchcoatmäntel an, saßen unauffällig auffällig am Nachbartisch und hatten große Ohren.“ Es sei wie in einem Krimi gewesen, man sei aber in Gelächter ausgebrochen, daraufhin hätten die Männer die Gastwirtschaft verlassen.

Staatsfeind und imperialistische Geheimkräfte

Im Zuge der Städtepartnerschaft Suhl- Würzburg hätten unterfränkische Bürger bei einer Diskussionsveranstaltung mit dem Suhler Oberbürgermeister in Würzburg diesem eine Liste von Suhler Bürgern übergeben, die ergebnislos einen Ausreiseantrag gestellt haben. Eberhard Schellenberger berichtete darüber im BR, auch diese Reportage schnitt die Stasi mit und fügte sie der Akte bei.

Außerdem vermerkte die Staatssicherheit, dass wohl der Journalist diese Aktion eingefädelt hätte. Eberhard Schellenberger: „Das war nicht der Fall, aber ab diesem Zeitpunkt behandelte mich die Staatssicherheit wie einen Staatsfeind und unterstellte mir eine, so wörtlich, Zusammenarbeit mit imperialistischen Geheimkräften.“ Ab diesem Zeitpunkt sei er auf Schritt und Tritt bewacht worden. Die Protokolle sind im Original im Buch veröffentlicht.

Nacht des Mauerfalls an der Grenze zu Unterfranken am 9./10. November 1989

Emotionen im Publikum, als der Buchautor von der Nacht des Mauerfalls an der Grenze zu Unterfranken am 9./10. November 1989 berichtete. Zu hören war auch die Originalreportage vom 3. Oktober 1990 von der Wiedervereinigungsfeier am ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen. Eberhard Schellenberger: „Das war die Reportage meines Lebens, die ich nie vergessen werde.“

Das Buch von Eberhard Schellenberger

„Deckname Antenne – Als Journalist im Visier der Stasi“

ISBN 978-3-429-05769-5

Echter-Verlag

196 Seiten

19,90 Euro

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