Mit Eisenketten an den Füßen betritt der Angeklagte den Gerichtssaal. Vor genau zwei Jahren soll der 49-jährige Pole gemeinsam mit Hintermännern eine ältere Dame aus Eckental im Landkreis Erlangen-Höchstadt um fast 250.000 Euro erleichtert haben. Mit einem perfiden Schockanruf soll sich die Bande das Vermögen der Seniorin ergaunert haben. Über seinen Anwalt räumt der Angeklagte zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth die Tatvorwürfe ein. Er sei durch berufliche und persönliche Pleiten auf die schiefe Bahn geraten.
Um Spielschulden begleichen zu können, sei er auf das Angebot der unseriösen Geschäftsleute eingegangen, eine Kurierfahrt über die Grenze zu übernehmen. Für die Fahrt nach Deutschland seien dem ledigen Polen 5000 Zloty – umgerechnet rund 1000 Euro – versprochen worden. Mehr Angaben wolle er aus Angst vor Repressalien nicht machen. In der Nürnberger Haftanstalt hätten Mitgefangene unmissverständliche Warnhinweise gegeben, keine Details über die Hintermänner abzugeben. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass die Bande wiederholt ältere Personen unter wahrheits-widriger Vorgabe, ein naher Angehöriger oder Freund sei in einer Notlage und würde schnell hohe Summen an Barmitteln benötigen, per Telefon auf gemeinste Weise abgezockt hätten.
Haft: Schockanruf bei Seniorin aus Erlangen
An einem Dienstagvormittag vor genau zwei Jahren pünktlich um elf Uhr schellt bei der 73-jährigen Adelheid (Name geändert) plötzlich das Telefon. „Ich habe meinen Sohn gehört, der mir weinend am Telefon berichtet hat, dass er die Tochter eines Politikers totgefahren hätte“, erinnert sich die Seniorin im Zeugenstand vor Gericht an den überraschenden Schockanruf im März 2022 zurück. Danach habe „der Sohn“ den Hörer an einen Polizeibeamten weitergegeben. „Wenn mein Sohn nicht ins Gefängnis kommen soll, müsse ich eine Kaution in Höhe von 46.000 Euro bezahlen“, erinnert sich die Frau und berichtet, wie sie sich sofort ins Auto gesetzt habe und zur Bank gefahren sei. „Ich war wie ferngesteuert“, erinnert sich die Zeugin und erzählt, dass sie das Telefon nicht auflegen durfte – weil ein lückenloses Protokoll angefertigt werden sollte.
„Heute weiß ich, es war natürlich nicht mein Sohn. Damals in meinem Kopf war es mein Sohn“, schildert die Frau ihre Erlebnisse. Natürlich seien ihr immer mal wieder Zweifel gekommen. „Aber nachdem ich mit meinem Sohn vermeintlich gesprochen habe, habe ich die immer wieder weggewischt.“ Außerdem habe sie sich Sorgen um das erwachsene Kind gemacht, das selber schon einmal in einen Unfall verwickelt gewesen sei.
Erlangen: Seniorentrick bringt Frau um hohe Summe
Vor dem Amtsgericht in Fürth soll das Bargeld übergeben werden. Dort sei ihr mitgeteilt worden, dass der erboste Vater der vermeintlich im Straßenverkehr getöteten Tochter jetzt mit 300.000 Euro deutlich mehr Schweigegeld verlange. „So viel habe ich nicht“, habe die Frau dem „Beamten“ am Telefon gesagt. „Haben Sie keine Wertpapiere?“, habe der falsche Polizist am anderen Ende der Leitung gefragt. Dummerweise sei ihr das Bankschließfach in Nürnberg in den Sinn gekommen.
In dem Tresor hatte sie auf Anraten der Bank kurz zuvor 200.000 Euro für die demente Schwester hinterlegt. Der Finanzberater habe vor dem Hintergrund drohender Negativzinsen seinerzeit zu diesem Schritt geraten. „Also bin ich mit dem Auto zur Sparkasse nach Nürnberg-Langwasser gefahren und habe das Geld aus dem Schließfach geholt.“ An der Lorenzkirche habe sie auf den Assistenten gewartet. Der sei plötzlich aufgetaucht auf dem Beifahrersitz aufgetaucht und habe das Geld in Empfang genommen.
Seniorin aus Erlangen holt Geld bei Sparkasse
„Ich habe nur an meinen Sohn gedacht und wollte das viele Bargeld ganz schnell loswerden.“ Im Auto habe sie kurz darauf die „erlösende Nachricht“ erhalten, dass der Sohn in Erlangen beim Amtsgericht auf die Mutter warten würde. „Also bin ich nach Erlangen gerast.“ Als vom Sohn auch dort jede Spur fehlt, schwant der Frau langsam Böses. „Schließlich bin ich dann in Erlangen zur Polizei gegangen“, erinnert sich das Opfer an die genauso turbulenten wie fatalen Folgen des Schockanrufs zurück.
„Im Nachhinein denke ich mir, dass der Sparkassen-Mitarbeiter vielleicht mit dringesteckt hat in der Sache“, vermutet die Seniorin heute. Schließlich hätten die Täter genau gewusst, dass Bargeld in rauen Mengen bei der älteren Dame aus Eckental zu finden sei. Derweil haben Anklage und Verteidigung hinter verschlossenen Türen bereits über eine Verständigung gesprochen. Laut Kammer könnte der Täter bei einem vollumfänglichen Geständnis mit einer rund vierjährigen Haftstrafe davonkommen
Angeklagter muss Geld an Seniorin aus Erlangen zurückgeben
Tatsächlich hat das Landgericht den 49-jährigen Angeklagten aus Polen schließlich zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Auch die 264.000 Euro muss der Angeklagte sicher zur Freude der betroffenen Seniorin zurückgeben.
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