Plötzlich reagiert die Mutter nicht mehr. Dann hört man ein Röcheln und Husten. Ihre Lippen laufen blau an. Sie erbricht sich, wird bewusstlos und fällt einfach um. Ihrem 20-jährigen Sohn ist der Ernst der Lage sofort klar: Es geht um Leben und Tod. Sofort beginnen er und seine Schwester im Wohnzimmer mit Herzdruck-Massage und Beatmung. Nebenbei ruft die Schwester den Notruf.
Erlangen: Sohn vergiftet eigene Mutter mit Designerdroge
Als der Notarzt kurz nach 23 Uhr am Anwesen in Eckental eintrifft, stellt er einen Herzstillstand fest. Mit Mühe gelingt es ihm und den Sanitätern, die Mutter zurückzuholen. Sonst wäre der Sohn nach dem Tod des Vaters vor drei Jahren Vollwaise geworden. Danach landet die Mutter auf der Intensivstation des Uniklinikums Erlangen. Es handelt sich um eine Vergiftung. Und dafür musste sich der Sohn nun vor dem Amtsgericht Erlangen verantworten.
Starke Designerdroge: Eine Blutprobe bringt Gewissheit
Die Mutter hat eine starke Designerdroge zu sich genommen. Die chemische Substanz ist vor rund 60 Jahren als äußerst starkes Schmerzmittel erfunden worden. Angesichts ihrer hochpotenten Wirkung wird sie freilich nie als Arzneimittel zugelassen. Vor drei Jahren taucht sie erstmals als billiges Streckmittel in Heroin oder in gefälschten Schmerzmitteln auf. Das im Labor hergestellte Opioid wirkt zigfach stärker als das „natürliche“ Morphium.
Dadurch kommt es immer wieder zu nicht beherrschbarem Konsum, bis hin zum Exitus. Auch Rechtsanwalt Philipp Schulz-Merkel aus Nürnberg, der den Sohn am Amtsgericht Erlangen verteidigt, hat es in seiner beruflichen Praxis schon mit zwei dadurch verursachten Todesfällen zu tun. Die Mutter hat das Gift versehentlich zu sich genommen. Bei der Heimkehr an jenem lauen Sommerabend trinkt sie aus einer Glasflasche im Kühlschrank. Nichts warnt sie, kein Zettel und auch keine Aufschrift. Sie hält die Flüssigkeit angesichts der Farbe und des Geschmacks für das im Haushalt übliche Wasser-Sirup-Gemisch. Dabei ist der Inhalt hochgefährlich.
Ampulle aus dem Internet
Der Sohn hat eine ganze Ampulle der Designerdroge aus dem Internet beigemischt: 80 Milligramm Fluoro-Etonitazepyne, außerdem einen Schuss Wodka zur Haltbarmachung, und Brennspiritus, damit man nicht zu viel davon trinkt. Denn eines ist dem Sohn von Anfang an klar: Er hat da eine brandgefährliche Sache in der Flasche. Er selbst nimmt nur eine kleine Menge – als Selbstversuch. Die Polizei wird durch den Notarzt alarmiert, dem an der ganzen Sache einiges seltsam vorkommt. Denn der Sohn rät ihm noch, es doch mit Naloxon zu versuchen. Es gilt bei der Designerdroge als das Gegenmittel der Wahl.
Offenbar weiß er ganz genau, woher die lebensgefährliche Lage seiner Mutter herrührt. Das sagt er den Polizisten auch – noch bevor sie ihn als Tatverdächtigen belehren können. Die uniformierten Beamten finden zudem ein Geschwisterpaar vor, das angesichts der fast tot herumliegenden Mutter makabre Witze macht. Auf sein „Sorry, dass ich deine Mutter fast getötet hätte“, antwortet sie derb. Später, als er auf die Polizeiinspektion Erlangen-Land in Uttenreuth mitgenommen wird und seine Schwester fragt, ob sie auch ohne ihn zurechtkommt, entgegnet sie nur: „Nein, ich werde mir gleich die Pulsadern aufschneiden.“
Mit verschiedenen Stoffen experimentiert
Die Ermittler durchsuchen das Haus. Sie finden im Zimmer des Sohnes eine ganze Palette an Drogen und Medikamenten. Einige wie LSD und die Designerdroge sind verboten, einige wie das synthetische Cannabinoid HHC oder das Benzodiazepin Alprazolam gegen Angststörungen ganz legal am Markt. Er hat offenbar mit verschiedenen Stoffen experimentiert: zum einen, um den beruflichen Stress zu bewältigen, der ihn am Ende seiner Ausbildung geplagt hat, zum anderen, um eine seit Jahren nicht mehr behandelte ADHS-Krankheit unter Kontrolle zu bringen. Möglicherweise aber auch aus naiver Neugierde.
Am Ende verurteilt die Jugendrichterin Simona Hemmelmann den Sohn wegen gefährlicher Körperverletzung nach Jugendstrafrecht zu einer Geldauflage von 1500 Euro zugunsten der „Mudra – Jugend- und Drogenhilfe Nürnberg“. Aus ihrer Sicht hat er es billigend in Kauf genommen, dass jemand aus der Glasflasche trinken könnte und dadurch Schaden nimmt. Gewarnt habe er seine Mutter und Schwester nicht.
Aus erzieherischen Gründen muss er zudem die Prozess- und Rechtsanwaltskosten tragen. Außerdem hat die Führerscheinstelle ihm aufgrund einer Mitteilung der Kriminalpolizei Erlangen, dass er mit Drogen zu tun hat, die Fahrerlaubnis entzogen. Um sie irgendwann wiederzubekommen, muss er mit Urin- und Haarproben nachweisen, dass er „clean“ ist.












