„Ich würde das nicht aushalten“, sagt Alina Rupprecht. Die schon seit 2008 in Deutschland lebende Ukrainerin, die in Lonnerstadt mit einem Franken verheiratet ist, hat in den vergangenen beiden Wochen wieder einmal ihre Angehörigen in der vom Krieg gezeichneten Heimat besucht und Eindrücke mitgebracht, die ihr den Schlaf rauben. Alina Rupprecht kommt aus der vor dem Krieg mehr als 300.000 Einwohner zählenden Großstadt Tschernihiw, 150 Kilometer nordöstlich von Kiew und nur rund 80 Kilometer vor den Grenzen zu Russland und Belarus.
„Mehrmals am Tag heulen die Sirenen, die Menschen sind genervt und wollen schon gar nicht mehr über den Krieg sprechen“, berichtet die Ukrainerin. Auf ihrem Weg nach Kiew fliegen russische Raketen immer wieder über ihre Heimatstadt. Schon zu Beginn des Krieges wurde die Stadt bombardiert und von russischen Truppen belagert. Strom, Heizung, Trinkwasser und medizinische Versorgung brachen zusammen.
Höchstadt gedenkt: Soldatenfriedhof in Tschernihiw
Dann gelang es den ukrainischen Soldaten die Angreifer zurückzudrängen. „Nach sechs Wochen russischer Belagerung waren wir wieder frei“, blickt Alina Rupprecht heute zurück. Vom russischen Überfall ist die Großstadt aber schwer gezeichnet. Rupprecht berichtet von 700 bis 800 getöteten Zivilisten. Die gefallenen Soldaten aus der Stadt werden in einem speziellen Bereich des Friedhofs beigesetzt, jedes Grab ziert eine ukrainische Flagge.
Die heutige Lonnerstadterin spricht von einem Flaggenmeer, vor dem sie auf dem Friedhof in Tschernihiw stand. Und sie berichtet, dass immer weniger Männer in der Stadt zu sehen sind. In Fabriken werden Frauen gesucht, die Jobs von Männern übernehmen. Um den öffentlichen Personennahverkehr aufrecht zu erhalten, müssen Frauen zu Busfahrerinnen ausgebildet werden. Die Männer sind an der Front oder fallen verletzt aus.
Gottesdienst für Ukraine in Christuskirche in Höchstadt
In dieses vom Krieg gezeichnete Tschernihiw gingen bereits eine ganze Reihe von Spenden aus Höchstadt. Einige erreichten bei den Kindern der dortigen Kunstschule. Die acht- bis 14-jährigen Schüler wiederum bedankten sich dafür mit Bildern, auf denen sie ihre Eindrücke zum Krieg auf Papier brachten. Beim Friedensgebet, zu dem die Höchstadter evangelische Kirchengemeinde am zweiten Jahrestag des Kriegsbeginns in die Christuskirche geladen hatte, waren die Bilder Teil des Programms und schockierten nicht wenige der zahlreichen Besucher.
Alina Rupprecht schilderte am Bild „Verbrannte Stadt“ der 14-jährigen Irina Skel, wie die Kinder in ihrer ehemaligen Kunstschule – die kurz nach Kriegsbeginn auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) besuchte – den Krieg verarbeiten: „Brennende Bäume, brennende Häuser und Raketen, die alles wegrasieren.“ Die Bilder, die auch schon in München gezeigt wurden, werden demnächst in der Fortuna Kulturfabrik in Höchstadt zu sehen sein. „731 Tage Krieg. Jeden Tag sterben Menschen – wo bleibt der Friede?“, fragte zu Beginn der Veranstaltung Hausherr Pfarrer Klaus Eyselein.
Höchstadter Friedenserklärung auf Ukrainisch
Er betete zusammen mit den Besuchern ebenso für die Menschen in der Ukraine wie der katholische Stadtpfarrer Kilian Kemmer, der Gott bat, „uns Wege zum Frieden zu zeigen“. Bürgermeister Gerald Brehm (JL) habe sich nicht vorstellen können, dass die vor 21 Jahren verfasste Höchstadter Friedenserklärung noch einmal so aktuell werden könnte. Mike Gibson schilderte noch einmal die Entstehung dieser sieben Punkte umfassenden Erklärung, die es neben vielen anderen Sprachen nun auch in Ukrainisch gibt.
Diana Rupprecht und Julia Delimarska verlasen die deutsche und die ukrainische Version. Für die stimmungsvolle musikalische Umrahmung der Veranstaltung sorgten Sängerin Anastasiia Yanovska und Johannes Först am Piano mit drei symbolischen und geistlichen Liedern und der erst 13-jährige Ukrainer Kyrylo Kholodngkh an der Orgel.
Lesen Sie auch:
















