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Trotz guter Integration
Geflüchteter erlebt Bürokratie-Irrsinn in Herzogenaurach
Alaa Basyouni
Inzwischen sind Alaa und seine Familie eingebürgert. Doch der Weg hierhin war lang. // Anna-Lena Reif
Herzogenaurach – Seit fast zehn Jahren ist Alaa Basyouni in Deutschland, hat eine Ausbildung gemacht und sich ein Leben aufgebaut. Bis er das erreicht hatte, musste er gegen große bürokratische Hürden kämpfen.

Ein Stapel Pässe liegt auf dem Couchtisch, in blau, rot, schwarz. Alaa Basyouni sitzt in seinem Wohnzimmer, hinter ihm auf dem Fensterbrett und über dem Fernseher stehen Holzfigürchen, Elefanten und Kamele. Gemusterte Kissen und Teppiche machen den Raum gemütlich, aus dem Flur hört man die Kinder beim Spielen. Er berichtet von seinem Leben, von seiner Familie, seinem Job als Busfahrer. Er scheint angekommen zu sein in Herzogenaurach, er fühlt sich wohl. „Ich bin zufrieden“, sagt er immer wieder. Doch der Weg seit seiner Ankunft in Deutschland war nicht leicht. 

Alaa Basyouni
Für Alaa Basyouni war die Bürokratie ein Problem. So bekommen zum Beispiel Palästinenser in Syrien keinen syrischen Pass und gelten als staatenlos – in Deutschland braucht er diesen aber als Ausweisdokument. // Anna-Lena Reif

Alaa ist in Syrien geboren. Weil er und seine Familie aber ursprünglich aus Palästina kommen, gilt er in Deutschland als staatenlos. Denn: Palästina wurde von Deutschland nie anerkannt und palästinensische Flüchtlinge werden in Syrien nicht eingebürgert. Mit seinem Bruder, seiner Schwiegermutter und seiner Frau kam Alaa 2015 nach Deutschland – vom Rest der Familie wurden sie auf der Flucht getrennt. Nach Stationen in München, Nürnberg, Zirndorf und Niederndorf kam er schließlich nach Herzogenaurach. „Es gefällt mir hier“, sagt er. „Das ist meine Stadt.“

Zu strenger Umgang mit Geflüchteten?

Doch was Flüchtlingshelfer aus der Stadt schon vor Monaten öffentlich kritisierten, stößt auch Alaa bitter auf: Beinahe standardmäßig verlange die Stadt eine sogenannte Legalisation für Urkunden, also eine Beglaubigung aus dem Heimatland, die für Geflüchtete schwer zu beschaffen ist (der FT berichtete). Außerdem würden die Ämter viele Prozesse oft unnötig kompliziert machen. 

Im Fall von Alaa fing alles mit seiner Heiratsurkunde an. Seine Ehe wurde in Deutschland nicht anerkannt. Seine Frau Fatima war bei der Einreise 15, also noch minderjährig und hatte, wie in Syrien üblich, kein Ausweisdokument. Obwohl ihre Mutter dabei war und Auszüge aus dem Familienregister dabei hatte, konnte Fatima ihre Identität also nicht beweisen. Außerdem habe es sich nach deutschem Recht um eine Kinderehe gehandelt.

„Natürlich kritisieren wir nicht, dass Kinderehen nicht zulässig sind“, betont Heinz Fichte, Alaas Flüchtlingsbetreuer und Freund und Alaa nickt bekräftigend. Doch obwohl Fatima auch als sie volljährig war mit ihrem Mann verheiratet bleiben wollte, habe das Standesamt es den beiden unnötig schwer gemacht, so der Vorwurf. Auf dem Papier ist Alaa also zunächst ledig, zahlt mehr Steuern, hat Probleme, seine eigenen Kinder ohne Vaterschaftsanerkennung und Sorgeerklärung aus der Kita abzuholen. 

Stadt fordert kostspielige Dokumente

Die einzige Option für Alaa und Fatima: eine Wiederheirat in Deutschland. „Und dann fing das mit den Urkunden an“, erzählt Fichte. Das Ausländeramt habe einen syrischen Ausweis mit Lichtbild von Fatima verlangt. Letztendlich habe Fatimas Vater trotz einiger Probleme den Ausweis besorgen können, für circa 2500 Euro. 

„Am Ende hat Fatima dann einen syrischen Reiseausweis bekommen und keinen Reisepass und der hat wieder nicht gereicht. Obwohl das Ausländeramt vorher hätte wissen müssen, dass Palästinenser in Syrien niemals einen Reisepass bekommen“, erzählt Fichte. Dabei gebe es viele Palästinenser, die in Syrien geboren sind, in Deutschland. Sie alle hätten einen Reiseausweis aus Syrien, aber „hier hat das Amt gesagt: Wir brauchen einen palästinensischen Pass aus Ramallah (Palästina)“, so Fichte. 

Heinz Fichte
Seit zehn Jahren ist Heinz Fichte Flüchtlingshelfer. Fälle wie den von Alaa kenne er nur aus Herzogenaurach. // Anna-Lena Reif

Rüge vom Amtsgericht Nürnberg

Auch die Geburtsurkunden der Kinder seien zum Problem geworden. Das Ausländeramt habe palästinensische Pässe für Alaa und Fatima und auch für die in Deutschland geborenen Kinder gefordert, damit auch deren Identität zur Ausstellung einer Geburtsurkunde nachgewiesen werden konnte. „Niemand in Ramallah kennt Alaa oder Fatima, geschweige denn ihre in Deutschland geborenen Kinder“, kritisiert Fichte. Dennoch hätte das Paar nach Abgabe aller vorhandenen Urkunden in der palästinensischen Mission in Berlin nach einem halben Jahr und gegen Bezahlung die palästinensischen Pässe bekommen.

Zudem sollten Alaa und Fatima für das Standesamt in Herzogenaurach auch eine legalisierte Heiratsurkunde vorlegen – obwohl die Ehe in Deutschland ohnehin ungültig war. Erst nach einem Gerichtsurteil habe das Standesamt Alaa und Fatima erlaubt, erneut zu heiraten. Das Vorgehen der Stadt wurde dabei vom Amtsgericht Nürnberg gerügt. 

In einer sogenannten Zweifelsvorlage des Standesamts Herzogenaurach zur Eheschließung von Alaa und Fatima monierte das Gericht, dass das Standesamt den Ausnahmefall einer Legalisation nicht verstanden habe. Das Argument, man habe Funktion und Siegel der ausländischen Dokumente nicht gekannt, sei nicht hinreichend, da das bei einer ausländischen Urkunde immer der Fall sei, hieß es damals.

Legalisation stellt Gefahr dar

Nicht nur wegen des enormen Aufwands sei eine Legalisation ein Problem, wie Alaa erklärt. Es sei extrem teuer, die Dokumente im Herkunftsland, in dem immer noch Krieg herrscht, zu besorgen oder eigens darauf spezialisierte Dienstleister dafür zu bezahlen, in Syrien zur Regierung in Damaskus und danach in die Deutsche Botschaft in Beirut zu fahren. Außerdem bringe man so Angehörige, die sich vor Ort um den Prozess kümmern, in Gefahr, schließlich verrate man der Regierung dadurch, dass deren Bruder, Vater oder Sohn Assad-Gegner und geflohen sei.

Weil man die zeitnahen Termine bei der Botschaft außerdem bezahlen müsse, sei auch hier wieder ein Kostenfaktor versteckt. Neuerdings könnten alle Botschaftsangelegenheiten gar nicht mehr über Verwandte abgewickelt werden, wie Fichte erklärt. Man könne das nur noch über eine nicht-staatliche Organisation, natürlich gegen gute Bezahlung, erledigen.

Nach seiner Odyssee ist bei Alaa inzwischen alles geklärt. Er und seine Frau sind eingebürgert und haben sich in Herzogenaurach gut integriert, bringen sich bei Veranstaltungen ein und haben ein gutes soziales Netzwerk. „Aber man kann das nicht so einfach vergessen“, erzählt der 35-Jährige. Rund 10.000 Euro habe er insgesamt für alle geforderten Dokumente ausgegeben und dafür Schulden gemacht. „Das muss ich ja erstmal wieder verdienen.“ Wieso man in Herzogenaurach so streng sei, versteht Alaa nicht. „Leben wir in Herzogenaurach in einem eigenen Land?“, fragt er.

Stadt weist Vorwürfe zurück

Alaa Basyouni
Alaa Basyouni ist vor allem eines wichtig: Dass andere nicht die gleichen Problöeme durchmachen müssen wie er. // Anna-Lena Reif

Die Stadt hingegen weist, wie auch schon bei der Berichterstattung im Juni, die Vorwürfe strikt zurück. „Aus unserer Sicht hat das von Anfang an nicht zugetroffen“, sagt Bürgermeister German Hacker. „Dass das in Einzelfällen derjenige anders sieht, mag sein, aber unsere Mitarbeiter konnten da nicht anders handeln.“

Im Frühjahr habe sich zudem gesetzlich eine Möglichkeit eröffnet, in solchen Fällen schneller und einfacher zu entscheiden, wenn „die Lage von verschiedenen Urkunden einheitlich aussieht und man vergleichbare Fälle schon hatte.“ Für die Stadt sei das Thema längst abgehakt, derartige Fälle habe es seitdem nicht mehr gegeben. 

Für Alaa selbst ist das Problem auch abgehakt. Zu den Akten legen will er das Thema aber noch nicht. „Ich wollte immer alles richtig machen“, erzählt er. „Ich bin wirklich zufrieden hier, alle sind freundlich, ich hatte niemals Probleme mit Fremdenhass in Herzogenaurach. Aber ich bin dagegen, was das Standesamt macht. Ich möchte nicht, dass andere dasselbe durchmachen müssen wie ich. Man braucht so viel Kraft, Geld, Zeit und Nerven dafür.“ Dass derlei Fälle in Zukunft nicht mehr auftreten werden, kann Fichte noch nicht ganz glauben. „Wir werden sehen“, sagt er. „Wir hoffen natürlich, dass es stimmt.“ 

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