Es ist Sommer, der politische Betrieb nimmt erst langsam wieder Fahrt auf. Für Erlangen-Höchstadts Landrat Alexander Tritthart (CSU) gab es dennoch wenig Pausen. Mit unserer Redaktion hat der 55-Jährige exklusiv über die aktuell drängendsten Themen gesprochen.
Interview mit Alexander Tritthart, Landrat Erlangen-Höchstadt
Herr Tritthart, Kirchweihen eröffnen und täglich Hände schütteln: Fühlen Sie sich noch sicher bei Ihren Auftritten?
Alexander Tritthart: Definitiv. In unserem Landkreis braucht man sich keine Sorgen zu machen. Die Gemeinden sind vorbereitet, die Stimmung ist gut. Man darf diese Thematik aber nicht aus den Augen verlieren.
Bund und Länder reagieren auf den Messerangriff von Solingen und wollen beispielsweise ein schärferes Waffenrecht einführen. Wird der Landkreis zur messerfreien Zone?
Ich bin skeptisch, weil nicht das Messer das Problem ist, sondern derjenige, der es in der Hand hat. Wir warten ab, welche Regelungen kommen, die werden wir im Landkreis natürlich dementsprechend umsetzen. Aber wir haben viel wichtigere Themen im Moment.
Eins dieser Themen ist Migration und Asyl. Der Landkreistag fordert in einem Positionspapier nun eine „grundsätzlich andere Migrationspolitik“. Wie blicken Sie auf das Thema?
Ich bin 2014 zum Landrat gewählt worden und ab 2015 ist das mit Ausnahme der Coronazeit durchgehend das Top-Thema bei der Bevölkerung. Die Migration wurde und wird auf allen politischen Ebenen oberhalb der kommunalen Familie unterschätzt – bis heute. Wenn ich mir die damaligen Forderungen der Landrätinnen und Landräte anschaue, sind die immer noch deckungsgleich mit den jetzigen. Diese Forderungen kann ich von der ersten bis zur letzten Zeile unterschreiben. Hätte man in den Jahren 2015 und 2016 dieses Thema anders angegangen, hätten wir viele dieser Herausforderungen nicht.
Wie ist dann die Lage im Landkreis aktuell?
Wie in allen anderen Landkreisen. Wir versuchen die Menschen, die zu uns kommen, bestmöglich unterzubringen. Ich mache aber keinen Hehl draus, dass die Stimmung in der Bevölkerung sehr kritisch ist. Sobald wir in einer Gemeinde ein Objekt anmieten und darüber informieren, ist die Nachbarschaft kritisch. Bis hin zu voller Ablehnung.
Die große Politik muss endlich zur Kenntnis nehmen, dass wir auf unterster kommunaler Ebene zusammen mit den Bürgermeisterinnen und Bürgermeister die Menschen unterbringen müssen und wir tagtäglich die Kritik von den Bürgerinnen und Bürgern abbekommen.
Was tun sie, um die Kritiker zu besänftigen?
Wir versuchen, in Gesprächen vor Ort darzulegen, warum wir das machen, wer zu uns kommt und dass wir das Bestmögliche für die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger tun.
Wie zum Beispiel?
Beispielsweise mit Sicherheitsdiensten und regelmäßigen Kontakten zur Polizei. Das hat bislang gut funktioniert, aber wir erleben nach wie vor schlechte Stimmungen. 2016 noch hatten wir große Einrichtungen, etwa 500 Leute waren im ehemaligen Praktiker-Baumarkt in Herzogenaurach untergebracht. Da war die Stimmung in der Nachbarschaft genauso schlecht, wie wenn wir jetzt 20 in einem Wohngebäude unterbringen.
Gefühlt hat das Thema in den vergangenen Monaten etwas an Bedeutung verloren. Bis Solingen…
Wir haben die letzten neun Jahre durchgehend mal mehr mal weniger Flüchtlinge unterbringen müssen. Seit dem 1. Juli haben wir die Bezahlkarte im Landkreis. Was meinen Sie, was das für ein organisatorischer Aufwand für die Behörden war? Aber sie funktioniert und sie erreicht, dass kein Geld mehr ins Ausland überwiesen wird und man damit nicht mehr überall alles einkaufen kann.
Wohlfahrtsverbände kritisieren genau das…
Wir führen gerade den digitalen Bauantrag ein, was meinen Sie, was dabei alles nicht rund läuft?
Anderes Thema: Höchstadts Klinik-Chef Thomas Menter hat im März in einem Interview mit dem FT alle Gerüchte um eine mögliche Schließung des Kreiskrankenhauses St. Anna im Zuge der Krankenhausreform des Bundes ausgeräumt. Stimmt das noch so?
Definitiv. Wir als Träger des Krankenhauses haben in den vergangenen Jahren viel gemacht, was uns jetzt hilft. Da bin ich dem Kreistag sehr dankbar, dass er da mitgezogen hat. Mit 80 Betten gehören wir zu den kleinen Krankenhäusern, aber ich denke, wir sind für die Zukunft gut gerüstet.
Es geht ja nicht nur um Patientinnen und Patienten, wir haben im Krankenhaus auch mehr als 150 Beschäftigte. Wir beobachten die Entwicklungen mit wachem Blick. Und weil wir das schon seit Jahren tun, können wir das finanzielle Defizit bei zwei bis zweieinhalb Millionen Euro halten.
Wenn die Defizite weiter ansteigen? Stichwort Haushalt: Sie rechnen mit „großen Herausforderungen“ für die künftigen Kreisfinanzen. Was, wenn dem Kreis doch einmal das Geld ausgeht?
Wenn dem Landkreis Erlangen-Höchstadt einmal das Geld ausgeht, sind in den Landkreisen drumherum schon jahrelang die Gelder ausgegangen. (lacht, wird aber schnell wieder ernst)
Die Situation ist eine andere, wie in den vergangenen 15 Jahren, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Wir konnten im Prinzip alle Wünsche der Bürger, der Gemeinden und des Kreistages erfüllen. Die Zeiten sind vorbei. Jetzt müssen wir feststellen, dass die Einnahmesituation in den Gemeinden teilweise dramatisch zurückgeht. Das große Damoklesschwert, das über uns hängt, ist der Bezirk Mittelfranken. Wenn der Bezirk die Bezirksumlage erhöhen sollte, kommen wir um eine Erhöhung der Kreisumlage nicht herum.
Jetzt wird ein Krankenhaus eher am Ende einer Sparliste stehen. Wo werden die Einwohner das Sparen am meisten spüren?
Wir machen gerade Neuausschreibungen für den ÖPNV, den wir ja die letzten zehn Jahre massiv ausgebaut haben. Da schauen wir uns jede einzelne Linie an, ob man nicht umstellen kann: aus einem Dauertakt zu einem Rufbus zum Beispiel. Daneben schauen wir uns im Moment die freiwilligen Leistungen an, soziale Leistungen etwa. Wir werden im Herbst eine Liste mit möglichen Einsparungen vorlegen. Darüber muss dann am Ende der Kreistag beschließen.
Auch die Einnahmen sind ein Thema. Aktuell eruieren wir, wo man eventuell bei den Gebühren nach oben gehen kann, ohne dass es gravierende Auswirkungen hat. Wir wollen handlungsfähig sein. Der Haushalt 2025 wird sicher nicht einfach, aber größeres Bauchweh bereitet mir der Haushalt 2026. [Die Kreisumlage berechnet sich immer mit zweijähriger Verzögerung; haben Kommunen also jetzt weniger Geld, schlägt sich das in zwei Jahren nieder, Anm. d. Red.]
Denkbar knapp haben sich die Erlanger für die Stadt-Umland-Bahn ausgesprochen. Die Planungen betreffen auch den Landkreis Erlangen-Höchstadt erheblich. Sie haben sich bislang auffällig zurückgehalten mit Reaktionen darauf. Woran liegt es?
Wer mich kennt, weiß wofür ich stehe. 2015 habe ich erklärt, dass ich für die Stub bin. Dann gab es den Bürgerentscheid, bei dem eine Mehrheit im Landkreis den Bau abgelehnt hat. Das habe ich damals akzeptiert und respektiert. Wir müssen daher auch weiterhin sehr klug mit dem Thema umgehen. Das Abstimmungsergebnis in Erlangen war knapp, deswegen muss man auch die Befürchtungen ernst nehmen.
Würde es denn eine Alternative zur Stub geben?
Wir haben einen Top-ÖPNV in die letzten zehn Jahre aufs Gleis gesetzt. Wir fahren mit unseren Bussen in jede einzelne Kommune raus. Wir geben da sehr viel Geld aus, jährlich zahlen wir sechs Millionen Euro aus Eigenmitteln darauf.
Aber die Leute wollen eher in schienengeführte Fahrzeuge einsteigen. Überall hier fährt die S-Bahn, in Herzogenaurach nicht. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Stub eine gute Sache ist. Wir haben aber damals versprochen, dass wir, sobald die Zahlen und Fakten auf dem Tisch liegen, einen weiteren Bürgerentscheid durchführen. Das tun wir auch.
Eine gefährliche Strategie, wenn ein Nein herauskommen könnte…
Das glaube ich nicht. Die Leute sind offener für die Mobilitätswende als noch vor neun Jahren.
Worauf wollen Sie sich in den kommenden Jahren noch konzentrieren?
Bildung hatte und hat oberste Priorität. Wir haben gerade Richtfest für einen Ergänzungsbau am Gymnasium Höchstadt an der Aisch gefeiert. Für den geben wir 20 Millionen Euro aus. Dann sanieren wir die Berufsschule in Herzogenaurach, Im Herbst wollen wir mit dem Bau des Gymnasiums in Spardorf beginnen und wir diskutieren ein neues Gymnasium zwischen Höchstadt und Herzogenaurach. Das wäre das fünfte im Landkreis. Darüber hinaus wollen wir ein Technologiezentrum entwickeln, …
… und ein kreisweites Obdachlosenheim eröffnen?
Das werden wir nicht machen, weil das meines Erachtens Aufgabe der Gemeinden ist. Wer zuständig ist, muss es dann auch machen. Uns hilft auch keiner bei bestimmten Themen, die wir verantworten müssen.
Und für genau diese Themen hätten Sie gerne auch über das Kommunalwahljahr 2026 hinaus Zeit, um sie umzusetzen?
(lacht) Ich werde, wenn es nach mir geht, auf jeden Fall als Landrat weitermachen.
Herr Tritthart, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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