Es gibt die unterschiedlichsten Gründe dafür, dass Menschen ihre Heimat verlassen. Nicht mehr akzeptable Lebens- und Arbeitsverhältnisse waren im 19. Jahrhundert in Deutschland Anlass für viele, ihr Glück in der Ferne suchen. In den ersten Jahren der Weimarer Republik blieb die Auswanderung nach Amerika zunächst schwach, bis sie im Krisenjahr 1923 wieder eine relative Spitze von über 110.000 Personen erreichte. Hiervon stammten nach den amtlichen Zahlen rund 16.000 aus Bayern.
Neben den Vereinigten Staaten, in denen sich ein restriktiveres Klima gegenüber Einwanderern durchsetzte, gewannen nun auch andere Zielländer, zunächst vor allem Brasilien und Argentinien, dann auch Kanada, erheblich an Bedeutung. Diese Verlagerung des Auswandererstroms wurde auch von der deutschen Regierung begrüßt, die eine Ansiedlung in überwiegend autochthonen „deutschen Siedlungen“ in Südamerika favorisiert.
Einige Geschichten sind überliefert
Es ist bislang nicht erforscht, wie viele Menschen sich aus Herzogenaurach auf den Weg in die Neue Welt machten, doch einige der Auswandergeschichten wurden überliefert. An der Aurach erzählte man sich zu dieser Zeit, in Brasilien „läge das Geld auf der Straße“. Der Herzogenauracher Hans Ruhmann wagte im Januar 1924 den mutigen Schritt und machte sich auf den Weg nach Rio de Janeiro, wo er jedoch schon bald feststellen musste, dass die Realität eine andere war. Zum Glück fand er bei seinem Onkel, der sich in New York niedergelassen hatte, eine zweite Anlaufstation und nach kurzer Zeit auch gute Arbeit bei dem Telekommunikationspionier Western Electric.
Ruhmann lernte seine Frau kennen, eine gebürtige Westfälin, die 1920 nach Amerika gekommen war, die beiden heirateten. 1932 kehrte er zusammen mit seiner Frau Maria und der in New Jersey geborenen Tochter nach Herzogenaurach zurück, um in die Schuhfabrik seines Bruders einzusteigen.
Hans Maier kehrte schnell zurück
Auch den damals 22-jährigen gelernten Dachdecker Hans Maier packte 1924 die Abenteuerlust und auch er machte sich auf den Weg nach Brasilien. Doch es blieb ein kurzes Intermezzo: Schon nach einem halben Jahr kehrte er ohne einen Pfennig Geld in der Tasche aus Südamerika zurück. Seine Schiffspassage nach Deutschland hatte er abarbeiten müssen. Nach seiner Rückkehr sattelte Hans Maier um und arbeitete in den folgenden Jahren als Facharbeiter in die Herzogenauracher Schuhindustrie.
Nach der Rückkehr dann Bürgermeister in Herzogenaurach
Die Herzogenauracher Stadtgeschichte wäre anders verlaufen, hätte er damals in der Ferne sein Glück gefunden. Denn Hans Maier sollte in der Nachkriegszeit rund ein Vierteljahrhundert hindurch das Amt des Bürgermeisters seiner Heimatstadt bekleiden.
Sein Namensvetter Anton Maier schaffte es dagegen, sich nach seiner Ankunft im Jahr 1923 eine Existenz im New Yorker Stadtbezirk Queens aufzubauen. Mit einer Anzeige im Herzogenauracher Tagblatt hatte er sich aus der Stadt verabschiedet: „Auf der Reise nach Amerika rufe ich auf letzter heimatlicher Erde allen Verwandten und Bekannten ein herzliches Lebewohl zu. Bremen, den 28. April 1923.“ Dank der familienkundlichen Nachforschungen seines Enkels William Maier, der vor einigen Jahren Kontakt mit den Verwandten in der Aurachstadt aufnahm und Herzogenaurach 2012 auch besuchte, ist die Biographie und Familiengeschichte dieses Herzogenauracher Auswanderers gut dokumentiert.
Im Dunkeln bleibt hingegen das weitere Schicksal von Rudolf Stößel, für den der Katholische Gesellenverein im Mai 1926 eine große Abschiedsfeier organisierte. Stößel machte sich auf den Weg zu seinem Bruder, der den Schritt über den großen Teich zusammen mit seiner Frau bereits zwei Jahre zuvor unternommen hatte. Aus Buffalo meldete sich Rudolf im Juli 1926 bei seinen Kolpingsbrüdern. In dem Brief berichtet er über die amerikanischen Verhältnisse: „Vergnügungen gibt’s hier genug. Das Einzige, was hier fehlt, sind die Wirtschaften. Statt der Wirtshäuser haben Sie hier die sog. Salons. Es ist das ein Raum, in dem 2%-Bier ausgeschenkt wird.“
Für Wochenlohn einen gebrauchten Ford
Rudolf Stößel konnte sich Besuche im Saloon offensichtlich leisten, denn er hatte rasch ein Auskommen gefunden und sich dauerhaft ein Leben mit Perspektive aufgebaut: „Seit 21. Juni bin ich in Arbeit. Arbeitslose gibt es hier nicht, sondern Arbeitsscheue ... Die Arbeiter fahren mit dem Auto zur Arbeit. Der Autoverkehr ist hier größer wie in Deutschland ... Um einen Wochenlohn kann man sich ein gebrauchtes Ford-Auto kaufen.“
Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten klingt in diesen Zeilen unverhohlen an und mag viele weitere dazu animiert haben, die Aurachstadt zu verlassen, um in der neuen Welt ihr Glück zu suchen.
Lesen Sie auch:














