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Alte Fabrik der Dassler-Brüder wieder sichtbar
Die Villa (rechts) ist weg, die alte Fabrik ist noch da: Die  gemeinsame   Wirkungsstätte  der Dassler-Brüder in Herzogenaurach (hier auf einer Postkarte von 1938) ist  nach dem Abbruch eines Bürohauses wieder sichtbar
Die Villa (rechts) ist weg, die alte Fabrik steht noch: Die gemeinsame Wirkungsstätte der Dassler-Brüder in Herzogenaurach (hier auf einer Postkarte von 1938) ist nach dem Abbruch eines Bürohauses wieder sichtbar. // Archiv Helmut Fischer
Herzogenaurach – Der Bagger macht’s möglich: Auf dem ehemaligen Adidas-Gelände am Schaefflerberg ist ein historisches Gebäude wieder frei einsehbar.

Diesen Anblick gab es mehr als ein halbes Jahrhundert nicht mehr: Auf dem ehemaligen Adidas-Gelände am Schaefflerberg ist die alte Schuhfabrik der Gebrüder Dassler wieder zu sehen. Durch den Abbruch eines großen Bürogebäudes an der Straße ist der Blick jetzt frei geworden. Bisher sah man nur den so genannten Turm, das anschließende einstige Fabrikgebäude blieb versteckt.

Heute präsentiert sich das Gebäude so. Es ist vom Abbruch mehrere ehemaliger Adidas-Gebäude nicht betroffen.
Heute präsentiert sich das Gebäude so. Es ist vom Abbruch mehrere ehemaliger Adidas-Gebäude nicht betroffen. // Bernhard Panzer

Freilich ist von der ursprünglichen Nutzung nichts mehr erhalten, nach dem Ende der Schuhproduktion richtete Adidas als neuer Eigentümer Büros ein. Und im „Turm“ war vorübergehend die Chefetage untergebracht – Adi Dassler residierte dort bis zum Bezug des neuen Bürokomplexes im Jahr 1969. Auch Nachfolger Schaeffler nutzt die alte Fabrik einschließlich Turm weiterhin, eingerichtet sind dort unter anderem das Betriebsratszimmer und die Kantine. Zu den drei Abbruchgebäuden zählt dieses Haus nicht, wie Schaeffler bei der Präsentation der Bauvorhaben festgestellt hat. Abgerissen wurde jedoch die angrenzende alte Dassler-Villa.

Eine Filiale der Firma Weil

Die Geschichte des Gebäudes geht bis ins Jahr 1899 zurück. Von einer Schuhmacher-Genossenschaft errichtet, wurde es bis in die 1920er Jahre von der Fürther Firma Weil als Filiale ihrer Schuhfabrik genutzt. Währenddessen wagten die Brüder Adolf und Rudolf Dassler, die in der Schusterwerkstatt des Elternhauses am Hirtengraben begannen, den Sprung in die unternehmerische Selbstständigkeit und gründeten eine eigene Sportschuhfabrik. Ein gewagtes Unterfangen mitten in einer Zeit der Krise, als nach dem ersten Weltkrieg Massenentlassungen und Betriebsschließungen zum Alltag gehörten. In Herzogenaurach lag die Arbeitslosigkeit Mitte der 1920er Jahre bei 70 Prozent.

Der erste Großauftrag der neuen Sterne am Unternehmerhimmel kam 1925 von der Herzogenauracher Turnerschaft: 10.000 Paar Leinenschuhe a 2,39 Reichsmark. Zwei Jahre später zogen die Dasslers in die Weil-Filiale um. Das war quasi der Beginn des „Märchens aus dem Wirtschaftswunderland des Sports“. So beschreibt es Stadtarchivarin Irene Lederer in einer Publikation zur Ausstellung „Sneaker Culture“, die 2006 im Stadtmuseum große Aufmerksamkeit fand. Den Dasslers hatte es der mittelalterliche 3500-Seelen-Ort Herzogenaurach zu verdanken, dass er den Anschluss der Industrialisierung nicht verpasste, schrieb Lederer.

Direkt am Bahnhof

Der Standort der Firma Weil war für die Brüder geradezu ideal. Lag die Fabrik mit der Adresse Kreuzgasse 2 doch direkt am Bahnhof und verfügte über einen Eisenbahnanschluss. Noch heute zeugen ein paar Meter Gleis vom Beginn der Blütezeit. Rohstoffe konnten direkt geliefert, Produkte direkt versandt werden – ein riesiger Vorteil. Zudem war das Areal bereits elektrifiziert.

Stand damals noch allein in weiter Flur: die Schuhfabrik der Dassler-Brüder in einer Ansicht aus dem Jahre 1938.
Stand damals noch allein in weiter Flur: die Schuhfabrik der Dassler-Brüder in einer Ansicht aus dem Jahre 1938. // Archiv Helmut Fischer

In dem Buch „Unternehmen Sport - Die Geschichte von adidas“ sind auch diese Anfangsjahre festgehalten. Im Jahr 1930 kauften die Brüder das Grundstück für 12.500 Reichsmark, heißt es darin. Zwei Jahre später wurde ein Wohnhaus errichtet, die so genannte Dassler-Villa, weitere zwei Jahre danach entstand der turmartige Aufbau des vorderen Teils der Fabrik. Der Rest wurde 1938 aufgestockt. Die Villa ist inzwischen abgerissen worden, Turm und Fabrik blieben erhalten.

1939 folgte ein weiterer, für die spätere Geschichte wichtiger Schritt: der Ankauf einer Schuhfabrik an der Würzburger Straße 13. Es war ein Gebäude der 1937 aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegten Schuhfabrik Johann Lohmaier & Söhne, das bereits seit längerem leer stand, wie es in dem Adidas-Buch weiter heißt. In späteren Jahren entwickelte sich daraus der Puma-Firmensitz.

Durchbruch mit Jesse Owens

Das Unternehmen der Dassler-Brüder wuchs schnell. Spezialschuhe für elf Sportarten verließen in den dreißiger Jahren die Fabrik. Und als der amerikanische Ausnahmeathlet Jesse Owens 1936 in Schuhen aus Herzogenaurach zum Star der Olympischen Spiele aufstieg, war der internationale Durchbruch geschafft, berichtet Irene Lederer in „Sneaker Culture“. Die Nachfrage stieg seither explosionsartig an.

Bis 1948 währte die gemeinsame Arbeit in der Sportschuhfabrik am Bahnhof, die während des Kriegs zeitweise ruhte, dann gingen die beiden Dassler-Brüder getrennte Wege. Sie hatten sich zerstritten. Adolf Dassler gründete Adidas und blieb mit seinen Leuten in dem Gebäude, das in den nächsten Jahrzehnten Zug um Zug vergrößert wurde und bis zum Umzug des Unternehmens auf die World of Sports Firmenzentrale war. Erst vor wenigen Jahren zogen die letzten Mitarbeiter auf die Herzo Base um. Sein älterer Bruder Rudolf zog mit seinen treuen Gefolgsleuten auf die andere Seite der Aurach, in das leer stehende Fabrikgebäude an der Würzburger Straße. Er gründete die Firma Ruda, aus der Puma wurde.

„Mr. Puma“ zum „Märchen der Teilung“

Der Herzogenauracher Helmut Fischer kennt die Geschichte der Firma wie kaum ein anderer an der Aurach. Die Anfangszeit der Brüder ist dem 72-Jährigen, der in seinem Unruhestand noch als Berater für das Unternehmen tätig ist, aus vielen Gesprächen mit der Puma-Familie in Erinnerung. Ebenso wie die Trennung im Jahr 1948. „Mr Puma“ Fischer möchte gern mit dem „Märchen der Teilung“ aufräumen. Angeblich hätten die Brüder den Firmenbesitz zu gleichen Hälften aufgeteilt, doch Fischer sieht das anders. Wahrscheinlich habe sich Käthe Dassler, Adis Ehefrau aus der Schuhstadt Pirmasens, finanziell eingebracht.

In den Anfangsjahren war die Fabrik noch ein Ziegelsteinbau: Betriebsausflug Mitte der 1930er Jahre
In den Anfangsjahren war die Fabrik noch ein Ziegelsteinbau: Betriebsausflug Mitte der 1930er Jahre // Archiv Helmut Fischer

So sei es auch gekommen, dass Adolf Dassler die Fabrik am Bahnhof behielt und sofort weiter produzieren konnte. Rudolf hingegen habe in einer Bruchbude, einem „Kornlager der Nazis“, neu beginnen müssen. Fischer: „Hut ab vor den 15 Mitarbeitern, die mit Rudolf in eine leerstehende Fabrik umzogen. Das war ein großes Wagnis“. Fischer erinnert sich an Gespräche mit Georg Hetzler, dem Puma-Pionier. „Er hat die ausrangierten Maschinen mit dem Handwagen in die Würzburger Straße gezogen“. Hetzler war sozusagen der Capo der treuen 15. Drüben in der Kreuzgasse waren es laut Adidas-Buch 40 Beschäftigte in den ersten Monaten.

Ihr „halbes Leben“ verbrachte Helga Lang bei Adidas, wie die Herzogenauracherin in der Veröffentlichung zu „Sneaker-Culture“ schreibt. Die Gattin des heutigen Altbürgermeisters Hans Lang war Chefsekretärin und zunächst Käthe Dassler zugeteilt. Sie erinnert sich gut an den „Turm“: Das Büro im Erdgeschoss war gerade mal 20 Quadratmeter groß und diente gleichzeitig als Empfangsraum, berichtet sie. Ein schmaler Gang verband das Büro mit dem Lager, dem Reich von Marianne Hoffmann, der Schwester der Chefin.

Das Zimmer vom Chef

Dazwischen befand sich „der wichtigste Raum überhaupt: das Zimmer vom Chef“. Helga Lang: „Es war reichlich 50 Quadratmeter groß, beherbergte einen schönen alten Schreibtisch, eine Sitzgarnitur und verfügte über breite, umlaufende Fensterbänke.“ Jede Ablagefläche diente dazu, Schuhmodelle oder Ledermuster, Schnittschablonen oder Leisten aufzunehmen. Der Chef, so Helga Lang, „tüftelte an jeder Einzelheit und war schwer zufriedenzustellen.“

Später zog man in den ersten Stock im Turm um. Das Sekretariat bekam ein Besucherfenster. Sie habe sofort erkennen können, ob es ein Fußballer war, der sich gerade anmeldete. „Die waren die bestangezogenen Besucher, viel chicer als Kunden oder Vertreter, die ja auch nicht ganz mittellos waren.“

Lesen Sie zu den Abbrucharbeiten auf dem Gelände der alten Adidas: 

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