Seit August ist Stefanie Kurz die neue Geschäftsführerin der Handwerkskammer Mittelfranken. In ihrer neuen Rolle will sie die Körperschaft des öffentlichen Rechts modernisieren.
Kurz hat während ihres langjährigen Wirkens bei der Kammer intern schon viel umgekrempelt. Dazu gehören ein flexibles Arbeitnehmerangebot und ein wachsender digitaler Service für mehr als 22.000 Mitglieder.
Die studierte Juristin arbeitet seit 15 Jahren bei der Handwerkskammer Mittelfranken und war in der Arbeits- und Sozialrechtsberatung als deren Referatsleiterin und später als Personalreferentin tätig.
Warum sich auch das Handwerk in der heutigen Zeit zwischen künstlicher Intelligenz (KI) und Algorithmen bewegt und viel moderner sei als manch altbackene Klischees – darüber hat Kurz im Interview mit fraenkischertag.de gesprochen.
Wie hat sich die Handwerkskammer in den vergangenen fünf Jahren aus Ihrer Sicht verändert?
Stefanie Kurz: Intern habe ich bei der Handwerkskammer Mittelfranken einiges auf den Weg gebracht. Wir haben viel digitalisiert und uns sehr um das Thema Arbeitgeberattraktivität bemüht. Wie können wir für Bewerber attraktiv sein, damit Beschäftigte gerne bei uns arbeiten?
In der Coronazeit konnten wir im Laufe einer Woche alle im Homeoffice weiterarbeiten. Außerdem sind wir die einzige bayerische Kammer, die die Möglichkeit anbietet, zu hundert Prozent remote zu arbeiten.
Da scheint die Handwerkskammer progressiv. Das kennt man sonst eher aus der IT-Branche.
Ich bin stolz darauf, dass wir das in einer Organisation wie dieser ermöglichen können – der man, zumindest wenn man von außen draufschaut, eher etwas anderes nachsagen könnte als Progressivität.
Haben Sie das Gefühl, dass der Handwerkskammer ein altmodischer Ruf nachhängt?
Wir haben einmal kernsaniert und eine moderne Büroausstattung ermöglicht und sind auch in der Arbeitsweise fortschrittlicher geworden. Von den Arbeitsräumen bis zum Baulichen kann man am Haus sehen, dass sich hier eine andere, moderne Arbeitskultur aufbaut.
Überträgt sich diese Modernisierung auch auf die Serviceleistungen für das Handwerk?
Überall dort, wo wir digital werden, wo wir Prozesse automatisieren können, verschafft uns das Freiraum für echte persönliche Beratungsleistungen. Wir wollen ein Angebot schaffen, damit unsere Mitgliedsbetriebe und Ehrenamtlichen die Möglichkeit haben im Grunde 24/7 auf unser Kundenportal zuzugreifen.
Das treiben wir jetzt stärker voran, damit Mitglieder immer auf ihre Daten oder auf Services zugreifen können und nicht nur dann, wenn bei uns die Büros besetzt sind.
Im hoheitlichen Bereich haben wir zum Beispiel den Auftakt damit gemacht, das Antragsverfahren für die Handwerksrolle zu digitalisieren. Im Beratungsbereich bieten wir Vertragsmuster oder Formulare zum Download an.
Sie betreiben Modernisierung nach innen. Wie modern ist ihrer Meinung nach das heutige Handwerk?
Viel moderner als man denkt. Gegen Klischees kämpfen wir vor allem beim Thema Ausbildung. Unsere Aufgabe als Kammer ist, die Attraktivität der beruflichen Bildung und der handwerklichen Ausbildung zu stärken. Wenn Jugendliche in der Berufsorientierungsphase sind, erleben wir oft, dass in den Köpfen der Eltern einfach noch falsche Berufsbilder sind.
Wenn man einen Elektroniker für Gebäudesystemintegration heutzutage fragt: ,Was ist dein Hauptwerkzeug?‘, dann sagt er: ,Tablet‘. Es gibt diesen irrsinnigen Wandel, der natürlich auch im Handwerk stattfindet. Den müssen wir präsent machen.
Wie erreicht man die Jugend mit einem modernen, aktuellen Image?
In den letzten Jahren hat sich da vieles gewandet. Wir sind nicht nur auf Ausbildungsmessen sichtbar und stellen Berufe in den Schulen vor.
Wir machen auch eine Ausbildungsmesse beim Club im Stadion. Oder gehen an ungewöhnliche Orte, um zu transportieren: Wir sind modern, wir sind anders. Einmal im Jahr laden wir ins Clubbad in Nürnberg ein. Bei der nächsten Messe sind wir mit einem KI-Parcours vertreten.
Und wir laden Schulen einmal im Jahr in unsere Bildungs- und Technologiezentren ein, damit SchülerInnen bei dieser Gelegenheit die verschiedenen Gewerke selbst ausprobieren können.
Was wären denn veraltete Vorstellungen über das Handwerk?
Unsere Bayernweite Kampagne „Macher gesucht“ stellt über 130 Handwerksberufe vor. Fragen sie mal Eltern oder SchülerInnen, wie viele sie kennen? Vielleicht fünf oder sechs.
Elektriker, Installateur, Bäcker, Metzger kommen mir spontan in den Sinn.
Es gibt die unterschiedlichsten Fachrichtungen. Das komplette Lebensmittelhandwerk, den Elektroniker für Gebäudesystemintegration, Bestatter oder den Brunnenbauer. Letzteres ist ein hochkomplexer Beruf.
Auch über Verdienstmöglichkeiten gibt es falsche Vorstellungen. Während der Berufsausbildung bekommt man Ausbildungsvergütung, während der Student noch zur Schule geht. Nach dem Gesellen setzt man vielleicht den Meister obendrauf. Das erhöht nochmal die Verdienstmöglichkeiten. Da muss sich das Handwerk nicht verstecken.
Und, es ist eine sichere Bank. Im Handwerk ist man in aller Regel sehr gefragt, weil wir nach wie vor großen Bedarf an Fachkräften haben.
Künstliche Intelligenz wird in vielen Wirtschaftsbereichen immer stärker genutzt. Ist KI auch im Handwerk auf dem Vormarsch?
Ja. Es gibt Beispiele von Datenauswertung oder Automatisierung mithilfe von KI. Etwa zum Stichwort Nachhaltigkeit: KI kann in einer Bäckerei den Rücklauf von nicht abverkauften Backwaren auswerten und die Produktionsmenge anpassen. Dadurch müssen weniger Lebensmittel entsorgt werden. Das funktioniert mit Sensorik, Datenübermittlung, und sogar kombiniert mit Wetterdaten, welche Kundenströme vorhersagen.
Schon heute zählen, scannen und vermessen KI-Apps, wird KI auf Baustellen zur Dokumentation und Sicherung eingesetzt und übersetzt in jede Sprache, die dort gesprochen wird. Bei Wartung und Instandhaltung hört die KI zu und sieht Schäden voraus und hilft durch Visualisierung bei der Wahl der neuen Frisur, Brille oder beim kompletten Bad.
In vielen Branchen geht derzeit die Angst davor um, dass Stellen in Zukunft durch KI ersetzt werden. Könnte das auch im Handwerk der Fall sein?
Ich glaube, dass KI im Handwerk eher in Bereichen wie Büroarbeit, oder etwa Kundenkommunikation Entlastung schaffen kann. Dass der Arbeitsplatz von heute auf morgen durch KI ersetzt wird, das ist im Handwerk so nicht vorstellbar. In dem Sinne wäre es eine zukunftssichere Branche.
Das Handwerk wird es immer geben. Es gab mal einen Imagefilm, der sehr anschaulich vermittelt hat, was eine Welt ohne Handwerk bedeuten würde: Die Barthaare würden wachsen, Tische brächen zusammen, Häuser kollabieren, wir können nicht mehr kochen, haben keinen Strom mehr – nichts würde funktionieren. Und irgendwann wären wir zurück beim Neandertaler. Ohne Handwerk gäbe es die Welt, die wir kennen, nicht.
















