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Wenn Alkohol zum Problem wird
Der Weg aus der Sucht: "Ich habe mich selbst nicht erkannt"
Im Haus Fischbachtal wird Menschen mit Alkoholproblemen aus der Sucht geholfen.
Im Haus Fischbachtal wird Menschen mit Alkoholproblemen aus der Sucht geholfen. // Symbolfoto: Axel Bueckert / AdobeStock
Tauschendorf – Im Haus Fischbachtal wird Menschen mit Alkoholproblemen aus der Sucht geholfen. Zwei Betroffene erzählen ihre Geschichte - und wie ihnen die Einrichtung ihnen im Kampf gegen ihre Dämonen hilft.

Die Leben von Hannah und Tobias (Namen von der Redaktion geändert) könnten nicht unterschiedlicher sein: Tobias steckt noch mitten in der Ausbildung. Hannah scheint hingegen schon angekommen zu sein: Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Und doch müssen sie Jahre später - jeder für sich - denselben Kampf ausfechten: Den Kampf gegen die Alkoholsucht.

"Ich war außer Kontrolle": Was die Alkoholsucht anrichten kann

"Als Jugendlicher war ich oft am Wochenende unterwegs und habe getrunken - mit der Ausbildung auf dem Bau hat sich das geändert", erzählt Tobias. Zusammen mit den Kollegen habe er auch unter der Woche getrunken. "Wir haben meist schon vor der Mittagspause das erste Mal angestoßen - für einige Kollegen war es nicht das erste Bier an diesem Tag." Ein Ereignis in Tobias' Leben führt schließlich dazu, dass der Alkoholkonsum auch bei ihm aus dem Ruder läuft.

"Mein Vater ist selbst abhängig gewesen, wurde nach 24 Jahren rückfällig - und hat versucht, sich zu erhängen." Tobias hält kurz inne. "Ich habe ihn rechtzeitig gefunden und das Seil durchgeschnitten. Verarbeitet habe ich das ganze nie so wirklich." Nach diesem Vorfall trinkt er nun schon von morgens an, um "auf den Tag anzustoßen".  "Ich habe mir früh Bier gekauft, bin mittags wieder einkaufen gegangen. Als das Geld ausgegangen ist, habe ich Schulden gemacht." Schließlich gerät er mit der Polizei in Konflikt. "Familie, Job, Gesundheit - mir war einfach alles scheißegal. Ich war komplett außer Kontrolle, habe mich selbst nicht wiedererkannt."

Aus Einsamkeit getrunken: Übergang von gelegentlichem Konsum zur Sucht fließend

Hannah soll sich in einer ähnlichen Spirale wiederfinden. "Wenn ich jetzt auf damals zurückblicke, dann erschrecke ich vor mir selbst", erzählt sie. Während Tobias meist in Gesellschaft zur Flasche gegriffen hat, ist es bei ihr das komplette Gegenteil. "Ich habe mich oft sehr einsam gefühlt", gesteht sie. Wann genau der gelegentliche Konsum zur Sucht geworden ist, kann sie  nicht sagen. "Der Übergang ist fließend. Ich weiß nur, dass ich irgendwann schon zum Frühstück ein Glas Wein getrunken habe."

Sie streitet immer häufiger mit ihrer Familie. "Denen ist natürlich aufgefallen, dass ich ein Problem habe - nur war ich zu stur, um es zuzugeben", erzählt sie. Als die Probleme Überhand nehmen und sie sogar ihren Führerschein abgeben muss, wird ihr langsam bewusst, dass ihre Familie Recht hat. "Ich habe mich zwischendrin auch einmal meiner Chefin anvertraut, doch die hat das ganze abgetan - sie meinte, so viel würde ich doch gar nicht trinken. Die Wahrheit ist: Sie konnte es gar nicht wissen, denn ich habe ja heimlich getrunken."

Haus Fischbachtal in Tauschendorf bietet 1000 Wege aus der Alkoholsucht

Hannah und Tobias versuchen es beide sowohl auf eigene Faust als auch mit einer Entgiftung in der Klinik. "Ich bin zwischendurch sogar vier Jahre lang trocken gewesen", erzählt Hannah. Und doch holt die Sucht die beiden wieder ein. Es wird klar: Es braucht einen anderen Therapieansatz - und den sollen sie im Haus Fischbachtal in Tauschendorf finden: Dort leben seit 1995 Menschen mit Alkoholproblemen und arbeiten gemeinsam - an Projekten, am Haus und an sich selbst.

Hilfe für Suchtkranke im Haus Fischbachtal

Im Haus Fischbachtal wird Betroffenen aus der Alkoholsucht geholfen - dafür packen sie auch im Haus an. Jeder Raum - so auch der Aufenthaltsraum - trägt die Handschrift der Bewohner.

"Seitdem es unser Haus gibt, haben wir den unterschiedlichsten Menschen aus der Sucht geholfen - von Menschen, die durch ihre familiäre Situation vorbelastet waren bis hin zum hoch angesehenen Geschäftsführer", erklärt Einrichtungsleiter Gerhard Steidl.  Bis zu 32 Betroffenen wird im Haus Fischbachtal geholfen - die Gründe, die die Hilfesuchenden dorthin treiben, sind laut Gerhard Steidl völlig unterschiedlich. "Und weil es 1000 Wege in die Sucht gibt, gibt es auch 1000 Wege aus der Sucht." Doch wie lassen sich diese 1000 Wege im Haus Fischbachtal beschreiten?

Erfolgserlebnisse im Haus Fischbachtal - Haus trägt Handschrift der Bewohner

Was dort passiert, lässt sich wohl am besten unter dem Begriff "Verhaltenstherapie" zusammenfassen. "Ob nun bei der Hausreinigung oder beim Kochen: Jeder packt mit an", erzählt Gerhard Steidl. Ziel sei es, den Betroffenen zu zeigen, dass sie mehr als bloß Alkoholiker seien. "Es braucht viele kleine Erfolgserlebnisse, die ihnen zeigen, wie wertvoll sie für die Gemeinschaft sind und dass sie eben doch in der Lage sind, ihr Umfeld positiv zu beeinflussen."

Und dafür gibt es im Haus Fischbachtal jede Menge Möglichkeiten: "Bei uns wird zum Beispiel das Mittagessen für Kronacher Schüler gekocht. Aber auch in der Schreinerei, dem Waschsalon oder der Kreativwerkstatt gibt es immer etwas zu tun", erzählt Gerhard Steidl. Und auch am Haus selbst fällt immer wieder etwas an: "Als wir das Haus 1995 übernommen haben, glich es einer Bruchbude. Unsere Bewohner haben es zu dem gemacht, was es heute ist - jeder einzelne Raum trägt deren Handschrift." 

Suchterkrankte finden zurück zu sich - Angst vor Vorurteilen bleibt

Tobias und Hannah haben ihren Platz in der Hausgemeinschaft gefunden: Tobias hilft überall im Haus, wo er gebraucht wird. "Ich habe ja auch Maler und Putzer gelernt, deshalb mache ich das am liebsten", erklärt er. Hannah fühlt sich hingegen in der Küche wohl. "Kochen und Backen ist meine Leidenschaft - und das war es eigentlich auch schon vor der Sucht", erzählt sie und seufzt. "Ich habe ganz vergessen, wie viel Spaß mir das immer gemacht hat."

Es scheint, als würden Tobias und Hannah im Haus Fischbachtal langsam wieder zu ihrem "alten Ich" finden. Doch beide haben auch etwas Angst vor dem "Danach". Und das nicht nur, weil sie dann auch wieder mit Alkohol konfrontiert werden würden. "Ich habe Angst davor, direkt wieder abgestempelt zu werden", erklärt Tobias. So geht es auch Hannah: "Wir werden oft verurteilt, ohne unsere Geschichte erzählen zu dürfen."

Hoffnung auf "normales" Leben: Was Betroffenen Kraft gibt

Doch die Hoffnung, dass sie doch eines Tages das Haus Fischbachtal verlassen und ein Leben ohne die Sucht leben können, ist schlussendlich stärker: "Ich will wieder ein geregeltes Leben, eine eigene Wohnung, einen Job - und vielleicht darf ich dann auch meinen Neffen endlich kennenlernen", erzählt Tobias, ein Lächeln legt sich dabei auf seine Lippen. Durch die Zeit im Haus Fischbachtal habe sich das Verhältnis zu ihrer Familie deutlich verbessert - und das treibe auch Hannah an: "Ich möchte, dass mir meine Töchter irgendwann ihre Kinder guten Gewissens anvertrauen können."

Wie lange es dauert, bis Hannah und Tobias bereit für ihr "neues altes Leben" sind, lässt sich nicht abschätzen. "Die Betroffenen verbringen hier so viel Zeit, wie sie eben brauchen - und das kann völlig unterschiedlich sein", erzählt Gerhard Steidl. Auch, wenn es manchmal schwer sei, wolle Hannah die Hoffnung nicht aufgeben: "Man darf das Ziel nicht aus den Augen verlieren", erzählt sie. Das helfe auch Tobias an den schweren Tagen: "Auch, wenn das Leben manchmal hart ist: Es ist schöner, wenn man es durchzieht - das habe ich gelernt."

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