Wenn Alexander (Kalli) Kallasch im August nach Kronach kommt, dann ist es für ihn eine Reise zurück in die Vergangenheit, zurück zu seinen Wurzeln und zurück zum Freischießen. Und ein Gefühl macht sich in ihm breit, das man nur versteht, wenn man es selbst erlebt hat. Es heißt "Kronacher Nationalstolz".
Kalli wirkt eher nicht wie ein Durchschnittstyp. Man sieht ihm an, dass er zum Lachen nicht in den Keller geht. Und dass er sich auf dem Freischießen so bewegt, wie es ein Hecht in seinem Teich tun würde: zielsicher und ganz selbstverständlich. Der 54-jährige Projektmanager in der Tourismusbranche lebt heute in Frankfurt, hat in Berlin und London gearbeitet, doch sein Herz schlägt für Kronach. Für das Freischießen. Für die Menschen, die ihn dort erwarten. "Es ist wie ein Magnet“, sagt er. "Ich kann gar nicht anders. Ich muss einfach da sein.“
Vom "wilden Ritt" bis zum "Konkurrenzdruck"
Wenn er sich an früher zurückerinnert, dann erinnert er sich gleichzeitig an die zahlreichen wilden Ritte mit seiner Clique – rund 20 Freunde, die das Freischießen zu ihrem ganz eigenen Abenteuerspielplatz gemacht haben. "Und wer die verrücktesten Eskapaden vorweisen konnte, der gewann das ‘Blaue Bermudadreieck’. Das war ein kleiner Pokal, auf dessen Sockel ein blaues Dreieck aufgemalt worden war. Der wurde dann - parallel zur Königsproklamation - feierlich überreicht."
Kalli erhielt den Pokal auch einmal, berichtet er stolz, aber der Konkurrenzdruck sei immens gewesen. "Erst einmal mussten wir natürlich jeden Tag aufs Freischießen, das war Grundvoraussetzung. Hat man einmal gefehlt, flog man aus der Wertung. Und dann fielen Mutproben an, die wir bewältigen mussten." Er muss nicht lange in seinem Gedächtnis kramen, um nur einige davon wieder an die Oberfläche zu holen.
Eine Bahnhofsprozession als Herausforderung für das "Blaue Bermuda-Dreieck"
"Eine Herausforderung drehte sich darum, in der Haßlach bis zur Bahnhofsbrücke zu laufen. Oder wir mussten die Nacht auf den Treppenstufen vor der Drogerie Nadler verbringen. Vom Oesterlein gab es dann das Frühstück am nächsten Morgen. Einmal habe ich rund 800 Leute dazu gebracht, mitten in der Nacht ‘Griechischer Wein’ auf dem Bahnhofsvorplatz zu grölen." Das sei zu einer Zeit gewesen, als das "VIP" noch existierte. "Im ersten Stock wohnte mein ehemaliger Biolehrer, und von da aus öffnete ich die Fenster, so dass die Musik auf die Straße drang. Die hat alle angesteckt."
Für eine Prozession rund um den Bahnhof mussten einmal sogar die Fahnen, die dort stehen, herhalten. "Die haben wir dann geschwenkt und sind durch die Gegend gezogen. Immer mehr Menschen haben sich angeschlossen. Das war echt lustig."
Legendäre Erinnerungen ans Kronacher Freischießen, die Kalli Kallasch wie ein Schatzkästchen hütet
Diese Erinnerungen sind für Kalli wie kleine Schatzkisten, die er jedes Jahr aufs Neue öffnet. „Ein paar Jahre lang bin ich mit dem Bonanza-Rad immer kurz vor der Bierprobe über den leeren Festplatz gefahren. Das war mein inoffizieller Start fürs Freischießen. Danach bin ich wieder heimgeradelt und kam zurück aufs Schützenfest, um den Bieranstich live mitzuerleben."
Denkt Kalli ans Fahrrad, denkt er auch an seine legendäre Fahrradtour: Einmal fuhr er tatsächlich mit dem Fahrrad von Frankfurt nach Kronach – 440 Kilometer und zwei Übernachtungen später kam er am Marienplatz an. Hier wurde er von seinen Freunden mit einem Fass Bier empfangen. „Das war magisch. Ein Moment, den ich nie vergesse.“
Welche Momente bei Kalli eine Gänsehaut verursachen
Auch seine Kollegen aus London habe er schon eingeladen. „Ich wollte ihnen zeigen, was Heimat bedeutet. Was es heißt, wenn Musik, Bier und Freundschaft zusammenkommen.“ Tagsüber radelten sie durch die Region, abends tauchten sie ein in das Fest. "Einer von ihnen war tatsächlich an einem Abend so betrunken, dass wir Geld in die Parkuhr am Bahnhofsplatz gesteckt und ihn dagegen gelehnt haben, damit er seinen Rausch ausschlafen konnte. Früher haben wir das öfter gemacht, da ging so etwas noch."
Heute ist Kalli ruhiger geworden. Aber das Herzklopfen bleibt, versichert er. Seine schönsten Momente? „Wenn ich mit meiner Frau im Riesenrad sitze und über Kronach blicke, mit der Burg im Hintergrund – das ist Gänsehaut pur.“ Seine Frau kommt aus Würzburg, doch auch sie habe das Freischießen längst ins Herz geschlossen.
Was Kalli sich wünscht: Ein Freischießen ohne Gewalt, dafür aber mit ganz viel Herz
Natürlich habe sich manches verändert. "Die Preise sind gestiegen, die Security ist präsenter. Wenn man um 1 Uhr auf dem Festplatz einen Absacker an der Cocktailbar trinkt, gefühlt noch der ganze Platz voller Leute ist, aber die Security die Menschen des Platzes verweist, das finde ich sehr schade." Mit den XXL-Nächten hätten die Schützengesellschaft und die Stadt Kronach den Besucherinnen und Besuchern etwas bieten wollen, "aber dank der Quertreiber hat sich das sehr zum Nachteil entwickelt".
Dennoch bleibt er positiv, denn "die Seele des Festes ist geblieben“, sagt Kalli. "Es liegt an uns, wie wir es leben. Ich wünsche mir ein friedliches, freundliches Freischießen – ohne Gewalt, mit viel Herz.“ Er schwärmt vom "Böhmischen Traum", intoniert von den Blaskapellen, der ihn jedes Mal besonders berühre und von den Schaustellern als eine Konstante, die zum Heimatgefühl beitrage.
Der erste Schritt durch den Schützenfestbogen ist wie ein Versprechen
Was ihn besonders berührt? „Das letzte Lied bei der Königsproklamation. Wenn wieder für ein Jahr Ruhe herrscht - da bekomme ich jedes Mal Tränen in den Augen. Und der erste Schritt durch den Schützenfestbogen. Das ist wie ein Heimkommen. Wie ein Versprechen, dass alles gut ist.“
Kalli traf alleine am ersten Freischießen-Wochenende mehr als 100 Menschen – alte Freunde, Kollegen, Weggefährten, mit denen er mindestens ein paar Worte wechselte. "Mit guten Freunden laufe ich eine gemeinsame Runde, wir trinken ein Absacker-Bier beim Döner Ali, und beobachten, wie manche Menschen beim Döneressen einschlafen." Ob er nächstes Jahr wiederkommt? „Ja, logisch“, sagt er und lacht. Denn Kronach ist nicht nur ein Ort. Es ist ein Gefühl. "Und das Freischießen ist sein Herzschlag."
























