Die Genugtuung war Daniel Leistner deutlich anzumerken, dass „sein“ Faust nach zehn Jahren im Pegnitzer beziehungsweise Pottensteiner Exil wieder nach Kronach zurückkehren wird. Ab Frühjahr 2027 in der neuen Halle am Kettelerhaus. „Unter Dach“, wie er in seiner launigen Einführung zu den beiden Vorstellungen des Bühnen-Klassikers am Wochenende betonte.
Sein Publikum gab ihm recht. Die Fan-Gemeinde der ehemaligen Faustfestspiele auf der Festung ist in der Vakanz nicht geschrumpft. Die einmalige Zwischenlandung des Leistner-Faust jetzt anläßlich „30 Jahre Theater in Kronach“ in der Kühnlenz-Passage war zweimal ausverkauft. Auch wenn dort die Sicht im langgezogenen und völlig flachen Raum auf die Bühne nicht unbedingt komfortabel war; als Schmankerl vor den künftigen Aufführungen im neuen Domizil war es jedoch ausreichend.
Daniel Leistner hat Faust für Rückkehr nach Kronach „entrümpelt“
Leistner hat das ausladende Epos des Geheimrats Goethe gekürzt und zu einer heute erträglichen Länge so um eineinhalb Stunden gebracht. Gleichzeitig hat er das Stück von Szenen entrümpelt, die man 200 Jahre nach dem Entstehen der Dichtung nicht mehr versteht oder einordnen kann. Mancher solcher kulturhistorischer Ballast würde uns heute eher verwirren. Vor allem die Differenz sphärischer und irdischer Dimensionen tun heute nichts mehr zur Sache. Was in Leistners Faust-Fassung jedoch immer noch bleibt, ist die Essenz des Stücks. „Des Pudels Kern“ wird in seiner kompakteren Geschichte vielleicht gar noch deutlicher als im vollständigen Original.
Denn „grau ist alle Theorie“, wenn sie nicht das Universum abdeckt. Ein Faktum, das die heutige Wissenschaft bestätigt: Mit der Lösung eines Problems entdeckt man weitere Probleme. Gerade das ist doch Faustens Problem: Da steht er nun, der arme Tor und ist so klug als wie zuvor. Was der alte Philosoph Sokrates noch kompakter formuliert hat: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Damit wäre der halbe Goethe-Faust auch schon abgehandelt.
In Kronach bleibt die Handlung auf dem Boden der Tatsachen
Leistners Faust bleibt deshalb auf dem Boden der Tatsachen. Er selbst spielt die Titelfigur denn auch ohne aufgedunsenem Pathos. Mutiert das Faustsche innere Drama gelegentlich sogar in die Nähe eines Lustspiels. Was der Handlung auf der Bühne - heute - gut tut. Denn im originalen Faust stecken auch Dinge, die uns heute eher beschäftigen als metaphysische Gedankenwelten und Vorstellungen. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein“ zum Beispiel hätten sich die gesellschaftlichen Umwälzungen um die Wende ins 20. Jahrhundert wörtlich auf die Fahnen schreiben können.
Trotzdem ist Leistners Faust kein platt auf Modern gemachter Klassiker. Leistner lässt die zweite Schlüsselfigur des Stücks, Mephisto (feuerrot von Ulrike Mahr in allen Facetten breit ausgespielt), wie sie ist und macht daraus nicht einen albernen Marketing-Manager. Die Kronacher Inszenierung bleibt seriös und trotz aller Kompaktheit nahe am Original.
18 Statisten wirkten in der Kühnlenzpassage mit
Ebenso Caroline Müller, die das Gretchen als keusche Jungfer (übrigens auch mit sehr feinem Gesang) gibt, im Sinne der Inszenierung als getäuschtes Opfer der Faustschen Begierden aber dennoch real ohne melodramatischen Firlefanz bleibt. In gleicher Weise spielen Holger Lappe als Valentin und Wagner sowie Julia Sand als Marthe Schwerdtlein. Das Ensemble des neuen oder aktuellen Kronacher Faust stimmt. Die 18 Statisten, die das Volk spielen, bräuchten aber etwas mehr Platz als auf und vor der Bühne in der Kühnlenzpassage, um flüssiger auf- und abtreten zu können.
Frei nach Goethe sind nun genug der Worte um die Faust-Festspiele einst auf der Festung gewechselt. Man wird ab 2027 weitere Taten sehen, wenn Faust im Kettelerhaus wieder aufersteht sowie eine neue und vielleicht weitere Phase von 30 Jahren Faust-Theater in Kronach ihren Anfang nimmt. Im Frühjahr, bevor die weiteren Theaterfestivals in der Region mit ihren Open-Air-Programmen beginnen.











