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Angst um Angehörige
Heimat im Krieg: Familie kann nicht fliehen
Familie Boborykina mit Freunden in Odessa
Familie Boborykina mit Freunden in Odessa // Boborykina, privat
Signet des Fränkischen Tags von Maria Löffler
Ukraine
Kronach – Yuliia und Alexander Boborykina leben im Kreis Kronach. In Gedanken sind die gebürtigen Ukrainer bei ihren Angehörigen in der umkämpften Heimat.

Es ist 20 Uhr und die Kirchenglocken läuten noch für die Menschen in der Ukraine. Yuliia Boborykina kommt gerade mit ihrem Sohn nach Hause. Sie war auf dem Kronacher Marienplatz, um ihre Solidarität mit ihren ukrainischen Landsleuten auszudrücken. Sie und ihre Familie bangen um die Angehörigen in einem vom Krieg gebeutelten Land.

Yuliia und Alexander Boborykina in der Stadt Wasyliwka vor Schloss Popov
Yuliia und Alexander Boborykina in der Stadt Wasyliwka vor Schloss Popov // Boborykina, privat

Seit 2019 ist das aus Saporischschja (große Stadt in der südlichen Ukraine) stammende Ehepaar mit seinen zwei Söhnen in Deutschland. Die gelernte Ökonomin und der Lkw-Fahrer haben noch Familienmitglieder in der Ukraine, darunter auch Eltern und Geschwister. Noch stehe der Kontakt, bestätigt Alexander Boborykina. „Aber heute wurde eine Stadt ganz in der Nähe attackiert, nicht einmal 50 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. Auch der Flughafen in Zaporozhye wurde mit Raketen angegriffen.“

In der Stadt Saporischschja selbst ist es bislang noch verhältnismäßig ruhig, zeigt sich Alexander Boborykina erleichtert, „aber alle Maschinen stehen still, kein Werk arbeitet. Auf den Straßen sind nur Soldaten und die Polizei. Es gibt momentan noch Strom, die Menschen haben Wasser und können heizen.“ Zwar gebe es lange Schlangen vor den Geschäften, aber Einkaufen sei noch möglich. Allerdings seien die Bewohner aufgefordert, von abends 19 Uhr bis zum kommenden Morgen um 6 Uhr ihre Häuser und ihre Wohnungen zu verdunkeln.

Die Hoffnung nicht aufgeben

Der 40-jährige Mann reiht positive Informationen aneinander wie Perlen, die für ihn gerade eine Kette der Hoffnung bilden. Er kommuniziert mit seiner Familie über die Messengerdienste WhatsApp und Telegram, die für ihn und seine Frau zu Lebensadern geworden sind, die sie noch mit ihren Angehörigen verbinden. Daher wissen sie auch, dass alle noch leben und ihr Land mit Klauen und Zähnen verteidigen wollen.

Klauen und Zähne, in diesem Fall sind das wohl Molotowcocktails, also Wurfbrandsätze in Form von Brandflaschen oder Benzinbomben. Derzeit werden sie in der Ukraine quasi am Fließband hergestellt. „Da helfen alle zusammen“, bestätigt Alexander Boborykina. Seine Besorgnis ist dabei aber unübersehbar, denn er weiß nicht, ob er seine Familie dort je wiedersehen wird. „Sie können nicht fliehen, es ist einfach zu gefährlich. Züge fahren zwar noch, doch sie können jederzeit angegriffen werden.“

Aber abwarten und hoffen, dass sich die Probleme von selbst erledigen, davon hält er nichts. „Es ist zwar ein sehr gutes Gefühl, dass überall in der Welt die Menschen auf die Straße gehen, dass sie gegen den Krieg demonstrieren und ihre Solidarität zeigen, aber das alleine reicht leider nicht. Die Ukraine braucht jetzt vor allem humanitäre und militärische Hilfe. Für Worte ist es längst zu spät.“

Eine Ausnahme seien für ihn die Briten: „Sie reagieren mit den richtigen Methoden.“ Der Rest von Europa sehe zu, wie die Ukrainer einen Kampf kämpfen, der bald auch auf andere Länder übergreifen könne.

Selbsternannter „König der Welt“

Seine düstere Prognose richtet sich vor allem gegen Präsident Wladimir Putin. Gewinne er diesen Krieg, dann werde er sich selbst zum „König der Welt“ aufschwingen, werde kaum noch zu bremsen sein. Und er findet noch deutlichere Worte: „Putin ist ein alter, verrückter Mann, der ins Seniorenheim gehört, damit er dort mit Zinnsoldaten spielen kann. Er ist niemand, der eine solche Macht haben sollte, er ist verlogen und in höchstem Maße gefährlich.“

Und dieser Mann habe längst noch nicht bekommen, was er sich so sehnlichst wünsche, nämlich die unbegrenzte Ausweitung seiner Macht. Dafür spanne er jetzt jeden ein, der ihm einen Gefallen schulde, ganz vorneweg den belarussischen Staatschef Alexander Lukaschenko. Das belarussische Volk aber sei da ganz anderer Meinung, meint Alexander Boborykina und beruft sich auf die gegenseitige Freundschaft der Völker.

Es fehlt an Informationen

Noch glaube er daran, dass die Ukraine den Krieg gewinnen könne. Seinen Glauben speist er unter anderem aus seiner Bewunderung für den Präsidenten. „Wolodymyr Selenskyj ist ein Held. Für mich ist er heilig.“ Ihn beeindrucke in höchstem Maße, wie er das Land und seine Bevölkerung verteidige. Und er findet auch Bewunderung für seine Art, Politik zu machen, nämlich volksnah. „Er ist ein Mann des Volkes. Ihm ist es nicht egal, was in seinem Land geschieht, an dessen Spitze er steht. Er verkriecht sich nicht.“

Boborykina bedauert vor allem auch, dass die Menschen in Russland zum großen Teil fehlinformiert seien. „Putin füttert sie ununterbrochen mit Propaganda.“ Gerade ältere Menschen ohne Zugang zum Internet und zu sozialen Netzwerken seien deshalb auf die staatlichen Medien angewiesen. „Und die verbreiteten gezielt falsche Informationen, um den brutalen und beispiellosen Krieg zu rechtfertigen.“

Familie Boborykina erklärte sich übrigens auch bereit, Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen. „Wir finden einen Platz, das ist für uns gar keine Frage.“

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