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Energiewende und Probleme
Glasindustrie: Aiwanger startet Großprojekt im Frankenwald
Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ( FW / Freie Wähler ) startet Millionenprojekt für die Glasindustrie im Frankenwald bei Wiegand
Nikolaus Wiegand (links) erklärt Hubert Aiwanger die technischen Details in bei Wiegand-Glas in Steinbach am Wald. // Bastian Sünkel
Steinbach am Wald – Das Ende der fossilen Energien ist beschlossene Sache, die Unsicherheiten sind spürbar: Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) läutet bei Wiegand-Glas im Landkreis Kronach den Energiewandel ein - und nennt die Gefahren.

Die Unsicherheiten und die allgemeine Gemütslage des Wirtschaftsministers zeigen sich wohl am klarsten in einer kurzen Frage-Antwort-Runde zwischen ihm, Hubert Aiwanger (FW), und Oliver Wiegand, Geschäftsführer des gleichnamigen Glasriesens im Frankenwald. Wiegand will und muss aus politischen Gründen den grünen Wandel starten. Dafür wird die Firma eine neue Glasschmelzwanne anschaffen und eine dreistellige Millionensumme dafür aufbringen, eine in großen Teilen elektrisch betriebene Wanne.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ( FW / Freie Wähler ) startet Millionenprojekt für die Glasindustrie im Frankenwald bei Wiegand
Thomas Löffler (von rechts), Bürgermeister von Steinbach am Wald, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Nikolaus Wiegand und Egon Leo Westphal (Bayernwerk) positionieren sich zu der Entscheidung, künftig elektrische Glasschmelzwannen einzusetzen. // Bastian Sünkel

Als die Fakten genannt sind, dreht sich Aiwanger zu seinem Sitznachbarn um: Und wenn das alles mit der grünen Energie doch nicht klappen sollte, ließe sich die Wanne dann wieder mit Erdgas betreiben? So wie die vier Wannen, die Herzstücke der Wiegand-Glasproduktion, jetzt. Oliver Wiegand zögert. Das sei kompliziert und würde weitere Kosten mit sich bringen. Die Hoffnung, dass alles in Zukunft funktionierten wird mit der Energieversorgung aus Photovoltaik-, Wind- und irgendwann einmal Wasserstoff-Energie, das sollte das große Ziel sein. Aber sicher ist sich dabei keiner. Vom Unternehmer bis zum bayerischen Wirtschaftsminister.

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Gaspreise enorm gestiegen - wie geht es weiter für die Glasindustrie?

In den vergangenen beiden Jahren hat die Glasindustrie im Frankenwald so viel Aufsehen wie selten erregt. Die Gaspreise sind kurzfristig in wahnwitzige Höhen gestiegen, als Russland den Angriffskrieg auf die Ukraine gestartet hat. Die Bundesrepublik wiederum steckt mitten in der größten energetischen Neuausrichtung seit dem Beginn des Atomzeitalters. Steinbach am Wald, wo Wiegand seinen Hauptsitz hat, ist absolutes Bayern-Randgebiet: aus dem nördlichen Thüringen gebe es kaum "Wiedervereinigung der Netze". Der Ausbau durch das Bayernwerk dauert umso länger, je weiter sich die Netze verzweigen. Dazu steckt die Welt in unsicheren Zeiten. 

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ( FW / Freie Wähler ) startet Millionenprojekt für die Glasindustrie im Frankenwald bei Wiegand
Seit Jahrhunderten ist Wiegand-Glas in Steinbach verwurzelt. Am Ende des Gesprächs gibt es eine Führung durch das Glaswerk. // Bastian Sünkel

Firmenchef Nikolaus Wiegand erklärt zwischendurch, wie die Rohstofftransporte zu Wasser einen Umweg über Südafrika wegen der Angriffe der Huthi-Rebellen am Suez-Kanal in Kauf nehmen müssen und irgendwo "hacken dann auch noch Kinder auf den LNG-Leitungen herum" - auch Letzteres hat sich nicht wie ein Witz angehört. Und für die Region bedeutet das ganz konkret: Ginge die Glasindustrie in die Knie, es hingen etwa 8000 Arbeitsplätze dran. Neben Wiegand gehören auch noch Heinz-Glas und Gerresheimer zu den großen Glaswerken im Umkreis von wenigen Kilometern.

CO2 einsparen: Ein wirtschaftlich schwieriges Unterfangen

An diesem Montag, 22. Januar 2024, sind die wichtigsten Akteure für ein Projekt mit dem sperrigen Namen "Dekarbonisierung der Glasindustrie im Frankenwald" zusammengekommen, um den umweltpolitischen Aspekt der Mammutaufgabe zu erfüllen. In mehreren Projektgruppen mit den Glasriesen im nördlichsten Zipfel Bayerns werden Maßnahmen überlegt, wie die Unternehmen auf fossile Energieträger verzichten können und sie durch Strom ersetzen. Wie das E-Auto für die Straße. 

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ( FW / Freie Wähler ) startet Millionenprojekt für die Glasindustrie im Frankenwald bei Wiegand
Geschäftsführender Gesellschafter Nikolaus Wiegand eröffnet das Pressegespräch zur "Dekarbonisierung des Glasindustrie im Frankenwald". // Bastian Sünkel

Am langen Tisch am Ende des Konferenzraumes haben neben Wirtschaftsminister Aiwanger sowie Nikolaus und Oliver Wiegand, der Vorstandsvorsitzende der Bayernwerk AG als Netzbetreiber, Egon Leo Westphal, und der Bürgermeister der Gemeinde Steinbach am Wald, Thomas Löffler, Platz genommen. Letzterer hat selbst früher bei Wiegand gearbeitet und weiß, was in seiner Heimatgemeinde und darüber hinaus von der Glasindustrie abhängt.

So viel Energie wie 200.000 Zwei-Personen-Haushalte

Bayernwerk-Chef Westphal ist es schließlich, der die Fakten zu dem Großprojekt nennt. Denn sein Unternehmen ist es, dass die Stromautobahn ausbauen und am Laufen halten muss. Mit der neuen Wanne, die 2028 in Betrieb genommen werden soll, vermindert sich der derzeitige CO2-Ausstoß von derzeit ca. 110.000 Tonnen um ca. 20.000 Tonnen. Dafür steigt der Stromverbrauch von Wiegand-Glas um mehr als das fünffache. Von zur Zeit ca. 12 Megawatt auf geplanten 70 Megawatt (etwa  der Verbrauch von 200.000 Zwei-Personen-Haushalten). Das Umspannwerk Windheim wird deshalb erweitert. Zwei unterirdische Trassen werden neu verlegt, was besonders Bürgermeister Löffler wichtig ist, um einer Trassen-Diskussion zuvor zu kommen.

Mit den unterirdischen Trassen könne sogar davon ausgegangen werden, dass Hochstromleitungen verschwinden, erklärt der Bürgermeister. Jetzt sei es aber erst einmal an der Zeit, nachdem die Grundstücke um das bereits bestehende Werk in Windheim bereits gesichert sind, einen Bauantrag zu stellen.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ( FW / Freie Wähler ) startet Millionenprojekt für die Glasindustrie im Frankenwald bei Wiegand
Egon Leo Westphal (Vorstandsvorsitzender des Bayernwerks, von rechts), der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) und Wiegand-Geschäftsführer Oliver Wiegand verkünden das Millionenprojekt im Frankenwald. // Bastian Sünkel

Und an dieser Stelle kommt die Geschichte der Glasindustrie wieder an ihren Anfang zurück. Oliver Wiegand legt wert darauf, dass es keine Alternative für die Umwelt gebe, als auf fossile Energieträger zu verzichten. Aber aus unternehmerischer Perspektive kann dieser Schritt zum Blindflug werden. "Wir sind davon abhängig, dass die Bundesregierung ihr Versprechen einhält, dass die regenerativen Energien günstiger werden", erklärt Oliver Wiegand. Denn nicht nur, dass die Mechanik einer globalisierten Wirtschaftswelt so aussieht, dass das Gas in China und somit bei der Konkurrenz günstiger werde, wenn ganz Europa darauf verzichte. Nein, auch die enormen Investitionen müssen sich irgendwann für Wiegand rechnen. Für den Netzanschluss zahlt Wiegand 19 Mio. Euro, für die Hybridschmelzwanne ca. 100 Millionen Euro. 

Glasschmelzwannen: Kaum getestet und kürzere Lebensdauer

Was hinzu kommt: Die neuen Hybrid- bzw. elektrischen Wannen seien bislang kaum getestet, erklärt Oliver Wiegand auf Nachfrage. Die vier jetzigen gasbetriebenen Glasschmelzwannen halten etwa zwölf Jahre. Die neue Wanne schätzungsweise zwei bis vier. Dazu produziere sie weniger Flaschen. Alles nur eine Frage der Entwicklungszeit? Jetzt hilft der Glasindustrie im Frankenwald allen voran nur die Versicherung der Regierung, sie bei allen Maßnahmen zu unterstützen.

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