Alte Akten einsehen und darin wichtige Hinweise finden: Darauf hoffen viele Missbrauchsbetroffene. Jetzt hatten drei ehemalige Heimkinder des Nicolhauses in Willmars in der Rhön die Möglichkeit eines Einblicks. Reimund Voß, Bürgermeister der kleinen Gemeinde, hatte Waltraud Niklaus, Hermann Ammon und Klaus Spyra ins Rathaus eingeladen.
Alle drei haben ab den 1960er Jahren im evangelischen Kinderheim in Willmars Schreckliches erlebt: körperliche und seelische Gewalt, sexuellen Missbrauch, Übergriffe, Demütigungen. Sie sind nicht die einzigen Betroffenen. Inzwischen haben sich sieben Personen gemeldet. Mit den meisten hat diese Redaktion Gespräche geführt und ihre Leidensgeschichte veröffentlicht.
Ammon, Spyra und Niklaus gehören seit Januar zum Beirat der Aufarbeitungskommission im Fall „Nicolhaus“ und hatten diese Akteneinsicht lange gefordert. Was hat sie ihnen gebracht? Nicht besonders viel, sagen sie nach dem Termin.
Zwei Aktenordner aus dem Archiv von Willmars und die Chronik
Auf dem großen Tisch im Rathaus lagen zwei Ordner und die Chronik zu „125 Jahre Kinderheim und Kindergarten in Willmars 1884-2009“. Diese Chronik, veröffentlicht vom Lokalhistoriker, Lehrer und ehemaligen Bürgermeister Gerhard Schätzlein, halten die Betroffenen für märchenhaft geschönt. Schätzlein bezichtigt wiederum die Betroffenen der Lüge. Sie hätten ihren Missbrauch erfunden, um Geld von der Kirche zu erhalten.
Nach der einstündigen Akteneinsicht macht sich Enttäuschung und Argwohn breit. Wie kann es sein, dass nur zwei Ordner vorhanden sind, fragte Waltraud Niklaus. Bürgermeister Voß zufolge war die Kommune nie Träger des Kinderheims gewesen. In einem der Ordner befinde sich Material, das für die Chronik verwendet worden war. Im schmalen Ordner seien Verwaltungsunterlagen, hatte Voß gesagt. Das sei alles.
Fehlen Unterlagen in den Ordnern zum Kinderheim Willmars?
Den Betroffenen zufolge fehlte ein Verzeichnis mit Vermerken, wer den Ordner jeweils eingesehen hat. Hermann Ammon mutmaßt, dass Unterlagen vorab entfernt wurden. „Genau für die Zeit, in der wir im Nicolhaus waren, gibt es so gut wie keine Schriftstücke.“ Über 20 Jahre seien nicht dokumentiert.
Was haben die ehemaligen Heimkinder überhaupt entdeckt? Beispielsweise einen Hinweis, dass es für den Kindergarten keine Reinigungskraft gab. „Das mussten die größeren Heimkinder am Wochenende erledigen.“ Das sei in den Unterlagen nicht vermerkt. „Kinderarbeit“ sei das gewesen.
Dass das Kinderheim 1947 von der US-amerikanischen Besatzung als heilpädagogische Einrichtung genehmigt worden war, verwundert die Runde. Wie sie dort erlebt hätten, sei alles andere als heilend und pädagogisch gewesen, „sondern pure Gewalt“, sagt Spyra.
Vorwürfe gibt es auch gegen eine Heimleiterin
Sie beschuldigen den früheren evangelischen Ortspfarrer, der 1963 nach Willmars gekommen war und bis kurz vor seiner Versetzung nach Schweinfurt 1979 die Heimaufsicht hatte. Ihm und auch einem Diakon aus Niedersachsen, der das Nicolhaus von 1969 bis 1971 mit mehr als harter Hand geleitet hatte, werfen die Betroffenen Vergewaltigung vor.
Vorwürfe gibt es auch gegen eine Heimleiterin, die von 1963 bis 1969 im Nicolhaus beschäftigt war, sowie gegen einen Erzieher. Betreuerinnen werden der Mitwisserschaft beschuldigt – und grausamer Erziehungsmethoden.
Der Bürgermeister habe nach dem Termin Ordner mitgenommen. Wo werden sie aufbewahrt, wenn nicht im Rathaus, fragen sich Niklaus, Ammon und Spyra verwundert. Denn andere Akten stünden dort in einem Schrank. Diese hätten nichts mit dem Heim zu tun, habe Voß ihnen gesagt.
Jetzt soll ein externes Gutachten beauftragt werden
Bei diesem Termin dabei waren auch zwei weitere Betroffene, mehrere Begleitpersonen sowie eine Vertreterin der Diakonie Bayern. Sie und eine Kollegin von der evangelischen Landeskirche treffen sich seit über einem Jahr regelmäßig mit den Betroffenen zu Aufarbeitungsgesprächen. Auch ein Vertreter des örtlichen Diakonievereins war ins Rathaus gekommen. Der Verein muss die Aufarbeitung voranbringen, die übergeordneten Institutionen Diakonie Bayern und Landeskirche sind jedoch von Anfang an beteiligt.
Niklaus, Ammon und Spyra sagen, es ginge ihnen alles viel zu schleppend. Erfreulich sei aber, dass bald ihr Wunsch nach einer externen Aufarbeitung erfüllt werde. „Wir erhoffen uns von dem Gutachten, dass vieles ans Licht kommt.“
Sobald entschieden sei, wer mit der externen Aufarbeitung beauftragt ist, werde es eine Informationsveranstaltung für den Ort und die Kirchengemeinde geben, teilt die Diakonie Bayern mit. Die Betroffenen begrüßen es: Schon lange hätten sie dies angeregt.
Informationen für Missbrauchsbetroffene von Diakonie und evangelischer Landeskirche in Bayern gibt es unter www.diakonie-bayern.de/arbeitsfelder/aktiv-gegen-sexualisierte-gewalt; www.aktiv-gegen-missbrauch-elkb.de/; www.badneustadt-evangelisch.de/dekanatsbezirk/praevention-vermeidung-sexualisierter-gewalt













