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Pflegepapst Fussek:
"Die Situation in Pflegeheimen wird schön geredet"
Claus Fussek fordert mehr Priorität für das Thema Pflegebedürftigkeit.
Claus Fussek fordert mehr Priorität für das Thema Pflegebedürftigkeit. // di_media - stock.adobe
LKR Bad Kissingen – Claus Fussek , Pflegepapst der Nation, wird nicht müde, für Pflegebedürftige zu kämpfen. Was Kommunen und Gesellschaft vor Ort ändern können.

Gerade 70 Jahre alt geworden, befasst sich Claus Fussek seit mehr als 40 Jahren beruflich wie auch privat mit dem Thema Pflege.

Was hat sich in den 40 Jahren für Pflegebedürftige geändert?

Claus Fussek: Wissen Sie, ich bin gegen pauschale Beurteilungen. Jedes Pflegeheim ist anders, auch von Station zu Station. Aber aus der Sicht der Betroffenen kann ich sagen: Die Situation der standardisierten Satt-Sauber-Trocken-Pflege haben wir seit Jahrzehnten. Unsere „Alten“ lagen schon vor Jahrzehnten in ihren Ausscheidungen – und das tun sie auch jetzt noch. Es hat sich nichts verändert.

Es kann sich nichts verändert haben, weil sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessert haben. Wir haben uns an den Pflegenotstand gewöhnt. Und wir haben uns an den Satz: „Es wird immer schlimmer“ gewöhnt. Dann höre ich oft, die meisten Pflegeheim sind sehr gut. Das ist eine Wunschvorstellung. Die Situation wird schöngeredet.

Claus Fussek hätte gerne unrecht

Warum hat sich nichts geändert?

Das ist nicht unbedingt mit Logik zu begreifen. Ich sage immer, wozu braucht ihr einen Fussek? Geht doch einfach ins Pflegeheim! Jeder, der es wissen will, kann sich jeden Tag dort überzeugen. Ich hätte gerne unrecht. Grundlegend hat sich nichts verändert, im Gegenteil, die Situation wurde seitdem deutlich schwieriger.

Während Corona wurden selbst die primitivsten hygienischen Maßnahmen nicht eingehalten. Wir haben erlebt, wie es ist, wenn Menschen allein sterben müssen. Das war aber vorher auch schon. Die gesetzlichen Regelungen sind alle da – was fehlt, ist die Priorität. Die Pflegebedürftigen stehen in der Hierarchie der Wichtigkeiten an allerletzter Stelle. Eigentlich müsste die Pflege die Schicksalsfrage der Gesellschaft sein. Weil es uns alle betrifft. Sie wird aber erst dann relevant für uns, wenn wir betroffen sind.

Was raten Sie Menschen, die plötzlich vor einer Pflegesituation stehen und keine Ahnung vom Thema Pflege haben?

Ich habe mal von meinen Söhnen ein Bild zum Geburtstag geschenkt bekommen, mit dem Spruch: Sei lieb zu deinen Kindern, denn sie suchen dir später das Pflegeheim aus. Das klingt banal, aber die Frage ist, habe ich eine Familie und habe ich eine Familie, die bereit, sich zu kümmern?

Wenn man allein ist oder es Erbschaftsstreitigkeiten gibt, hat man Pech gehabt. Wenn man dann pflegebedürftig wird, bekommt man eine gesetzliche Betreuung und wird im Pflegeheim „endgelagert“. Dann kommt es darauf an, wie der jeweilige Ort mit sozialen Angeboten aufgestellt ist. Da gibt es eine Parallele in der kommunalen Ausstattung zwischen Kita- und Pflegeplätzen.

Claus Fussek – Sozialpädagoge, Buchautor und Pflegekritiker
Claus Fussek – Sozialpädagoge, Buchautor und Pflegekritiker // Florian Fussek

Diskussion über kostenlose Tages- und Nachtpflege

Inwiefern?

Auf einen Kitaplatz muss man sich heute ja am besten schon vor der Zeugung des Kindes bewerben. Auch bei einem Pflegeheim stellt man sich nicht mehr die Frage, welches das Beste ist. Hauptsache,

man bekommt einen Platz. Wie bei den Kitas. Genauso wie wir über kostenlose Kita-Plätze diskutieren, müssen wir über kostenlose Tages- und Nachtpflege diskutieren. Aber Kinder haben noch eine andere Lobby. Die haben die Alten nicht.

Was kann man präventiv tun?

Das fängt schon beim Bauen an, es müssen mehr barrierefreie Wohnungen und Infrastruktur gebaut werden, viele niedrigschwellige Versorgungsmöglichkeiten. Wir müssen uns um die Menschen kümmern, bevor etwas passiert, uns fragen: wie geht's meinem Nachbarn? Einsamkeit ist ein großes Problem. Außerdem ist die Eigenverantwortung ganz wichtig. Jeder muss sich selbst fit halten. Ich müsste auch wieder mehr aufs Trimmrad.

Auch die Familienbande müssen gepflegt werden, das Füreinander in Familien muss stabil sein. Im Alter werden leider oft alte Rechnungen beglichen. In vielen Familien herrscht Krieg, wenn es ums Geld geht. Ansonsten ist es schwer zu planen, weil die jeweilige Situation der Pflegebedürftigen ganz unterschiedlich sein kann. Deshalb ist es wichtig, dass es viele, verschiedene Angebote vor Ort gibt.

Die "Alten" zur Chefsache machen

Wie kann Gesellschaft und Politik auf dem Land mehr für Pflegebedürftigen tun?

Erstmal muss ein Bewusstsein für das Thema da sein, die „Alten“ müssen ständig Thema in der Kommunalpolitik sein. Und es muss raus aus der Parteienpolitik und zur Chefsache gemacht werden. Wenn Kommunalpolitik das Thema ignoriert, fällt es ihr irgendwann auf die Füße. Dann muss eine Bestandsaufnahme gemacht werden, was gibt es, was fehlt und Rahmenbedingungen geschaffen werden. Jede Gemeinde muss kinder- und demenzfreundlich sein. Das Thema muss aus der Schmuddel-Ecke geholt werden. 

Der Altersdurchschnitt im Landkreis Bad Kissingen beträgt 46,9 Jahre (Stand 2021): wie könnte der Landkreis Vorreiter für die Pflegebedürftigen werden?

Wenn wir es nicht schaffen, das Thema vorne anzustellen, werden wir bald über Formen der aktiven Sterbehilfe reden müssen. Ein Landkreis kann nicht jahrelang von Senioren leben und wenn sie dann pflegebedürftig werden, sind sie lästig.

Alle Gesundheitsberufe, besonders die Hausärzte, müssen zusammenarbeiten, damit die Probleme der demografischen Entwicklung auf viele Schultern verteilt sind. Es muss Tages- und Nachpflege geben, Nachbarschaftshilfe, Seniorengenossenschaften, Mehrgenerationenhäuser – wie gesagt, da braucht es sehr viel Kreativität. Es muss ständig Thema in der lokalen Zeitung sein. Heime sollen sich für Kitas, Skatgruppen oder andere Projekt öffnen.  

Zudem sollte jeder überlegen, wie er pflegende Angehörige entlasten kann – das ist eine der zentralen Forderungen, um Familien zu stabilisieren. Wir brauchen bedarfsgerechte, palliative Pflege. Nicht nur stationär, sondern auch ambulant, damit wir die alten Menschen nicht zum Sterben ins Krankenhaus fahren müssen. 

Die Frage ist, wie wir sterben wollen.

Wenn Sie alle Möglichkeiten hätten – wie würde Ihrer Meinung nach die Zukunft für die Pflegebedürftigen aussehen?

Wenn es uns nicht sehr, sehr bald gelingt, das Thema zur Schicksalsfrage zu erklären, dann müssen wir mit den Folgen leben. Die demografische Entwicklung kennen wir seit Jahrzehnten. Wir brauchen eine offene, ehrliche, ethische Diskussion. Wir brauchen Kommunen, die Verantwortung für ihre Einwohner übernehmen, von der Geburt bis ins Alter. Ich wünsche mir, dass pflegebedürftige Menschen in den Heimen als Gäste angesehen werden. Und Gemeinden, in denen kein Mensch Angst haben muss, allein und würdelos zu sterben. Dass wir sterben müssen, ist klar, aber wie ist die Frage.

Das Gespräch führte Angelika Despang

 

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