Besuchsverbote in Pflegeheimen. Sterbende, die ohne Begleitung und tröstende Worte ihren letzten Weg gehen mussten. Angehörige, denen der Abschied verwehrt war. Fritz Schroth, Präsident des Dachverbandes der Evangelischen Seniorenarbeit in Deutschland und Vorsitzender im Evangelischen Seniorenwerk in Bayern, kritisiert die Zustände während der Pandemie deutlich.
Auch Claus Fussek, der am 1. Juni auf Einladung der Saale-Zeitung in Bad Kissingen im Hotel "Bayerischer Hof" über die Pflegesituation und die Missstände in Heimen sprechen wird, beschäftigt das Thema. „Wir sind endlich ehrlich gefordert, offen zuzugeben, dass nicht allein Corona die Pflegeheime und Kliniken in diese prekäre Situation gebracht hat - durch Corona wurden die eigentlich längst bekannten strukturellen würdelosen, katastrophalen Zustände in vielen Pflegeeinrichtungen erst überall sichtbar.“
In mehreren Veröffentlichungen des Evangelischen Seniorenwerks hat sich Fritz Schroth gegen eine „herzlose Hygiene“ gewandt. „Kontakte wurden eingeschränkt, Besuche in Einrichtungen reduziert und rationiert. Es war die große Stunde der Hygienebeauftragten. Hauptsache, so wenig Außen-Kontakte wie möglich. Am Ende sterben wir nicht an mangelnder Hygiene, sondern an Herzlosigkeit. Der Regelungswahn stieg über das Vernünftige hinaus.“
Wenn der Mensch zur Sache wird
Schroth rief in der Pandemie-Diskussion zur Befreiung von „kleinlich-strangulierenden Hygienevorschriften“ und zum Obwalten von mehr Herzlichkeit auf. Natürlich mussten bestimmte Vorsichtsmaßnahmen auf jeden Fall eingehalten werden. „Aber es gibt immer ein Restrisiko, das man nicht ausschalten kann und auch nicht darf. Wenn alles hygienisch sein soll, alles steril, ist das Ergebnis nichts Menschliches mehr. Da wird der alte Mensch zur Sache.“
Das gab es nicht einmal in der Pestzeit
Die Vorgaben der Regierung zur Eindämmung der Pandemie seien das eine gewesen, das andere die Umsetzung vor Ort. „Zu viele, die in Pflegeheimen ohne jede tröstende Begleitung gestorben sind. Dass Betroffene so sterben mussten, war eine Verletzung der Würde der Sterbenden und eine Verletzung der uns von Gott gebotenen Nächstenliebe. Das gab es nicht einmal in der Pestzeit.“
Der Regelungswahn sei über das Vernünftige hinaus gestiegen. Schroth nennt ein Beispiel: „Ein 93-jähriger Mann hat fünf Söhne, dazu viele Enkel und Urenkel. Doch er durfte in seinem Altenheim nur einmal in der Woche von einer Person für eine Stunde besucht werden. Die Söhne müssen sich abwechseln, jeder darf nur einmal in fünf Wochen den hochbetagten Vater sehen. Solche Heimbewohner fühlen sich wie in Isolationshaft, ohne dass sie richterlich angeordnet wäre. Wo das geschieht, wird jeder Lebensmut genommen.“
Wie mit Bewohnern von Pflegeheimen und ihren Angehörigen während der Pandemie umgegangen wurde, treibt Fritz Schroth um. Mit dem Abflauen der Pandemie und der Lockerung der Auflagen dürfe das nicht in Vergessenheit geraten. „Wir stehen erst ganz am Anfang, aufzuarbeiten, was vorgefallen ist. Dabei stelle ich fest, dass die Alten hinten runterfallen. Der Blick liegt fast ausschließlich auf der jungen Generation und welche Einbußen sie hatte.“
Aus Fehlern lernen
Schroth möchte nicht aufrechnen, wer mehr litt und mehr entbehren musste. Er wehrt sich dagegen, dass die Situationen in Pflegeheim schleichend hingenommen und totgeschwiegen würde. Die Aufarbeitung müsse genutzt werden, um aus den Fehlern und Versäumnissen zu lernen.
Dringend notwendig sei es, mit den Betroffenen zu sprechen, mit den Angehörigen und den Menschen in den Heimen. Es sei ein Fehler gewesen, dass Entscheidungen über Besuchsverbote ohne die Betroffenen getroffen wurden. „Die Menschen wurden klein gemacht, sie verstummten. Das war eine Verletzung der Würde. Wir dürfen jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“
Schroth rät zuzuhören und zu dokumentieren, damit nicht vergessen oder verharmlost wird, was Besuchs- und Berührungsverbote, Isolation und Einsamkeit mit den Bewohnern von Pflegeheimen und deren Angehörigen gemacht haben. „Es geht nicht darum, zu beschuldigen und zu verurteilen, es geht darum, zu beschreiben.“
Die Aufarbeitung sei notwendig, um in ähnlichen Situationen nicht wieder ausschließlich Vorschriften buchstabengenau zu verfolgen und damit in eine „unmenschliche Herz- und Empathielosigkeit“ zu verfallen.
Althergebrachte Ansichten
Mit viel gutem Willen könne gesagt werden, dass die Entscheidungen während der Pandemie zum Wohl der alten Menschen erfolgte. Doch: „Die Corona-Epidemie führte offensichtlich dazu, dass sich althergebrachte Ansichten darüber ausbreiten, wie alte Menschen nun mal sind: schwach, senil und im Zweifel unzurechnungsfähig. Alte Menschen wurden pauschal zu einer vulnerablen Gruppe erklärt, damit waren sie ruhiggestellt.“
Sich um Ältere zu kümmern sei nicht falsch, aber sie sollten die Chancen haben selbst zu sagen, ob sie das überhaupt wollen. Auf keinen Fall dürfe die Frage der Hilfsbedürftigkeit allein am Alter festgemacht werden. Natürlich seien ältere Menschen gefährdeter, aber daraus lasse sich nicht ableiten, dass alle gleichermaßen gefährdet sind.
Die Lebenswirklichkeit alter und sehr alter Menschen sei so vielschichtig wie die anderer Bevölkerungsgruppen. „Stattdessen legte man allen Älteren nahe, still zu Hause auszuharren, als ob sie im Wartestand des Todes säßen. Man schnitt sie vom öffentlichen Leben ab.“
Schroth sagt: „Älteren Menschen schadet jede Isolierung und beeinträchtigt ihre Gesundheit in hohem Maße. Alle Menschen brauchen die Reize der Außenwelt, sonst verlieren sie ihre körperlichen, psychischen und kognitiven Fähigkeiten.“
Eine Gesellschaft, in der alte Menschen nur die Rolle der Hilfsbedürftigen spielen dürfen, sei arm. Es müsse neu definiert werden, wie der Schutz älterer Menschen in einer Pandemie oder ähnlichen Situation aussehen soll und wie ihre Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht werden könne.
„Über allem darf sich nicht an erster Stelle eine übergestülpte Hygienevorschrift positionieren, sondern die Würde des Menschen und die Würde darf nie altersmäßig abnehmen.“ Kein noch so gut gemachter nationaler Trauergottesdienst könne die persönliche Begleitung Sterbender ersetzen oder Versäumnisse wiedergutmachen.
Zur Person
Fritz Schroth war 30 Jahre Mitglied der Landessynode der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und Vorsitzender des Ausschusses Weltmission und Ökumene. Schroth hat den Vorsitz des Evangelischen Seniorenwerks Deutschland und in Bayern übernommen. Außerdem ist er seit Frühjahr 2020 stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für ökumenische Theologie in Straßburg. Sein Engagement wurde umfassend gewürdigt, 2010 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Schroth lebt in Haselbach. Mit seiner Frau Kriemhild Schroth war er 1970 in die Rhön gekommen und hatte aus dem heruntergekommenen Heim des bayerischen CVJM-Sozialdienstes die Gästehäuser "Hohe Rhön", eine christliche Tagungsstätte, gemacht.
Vortrag mit Claus Fussek
Am Donnerstag, 1. Juni, spricht Claus Fussek im Hotel "Bayerischer Hof" über die Pflegesituation und Missstände in Heimen. Beginn ist um 19 Uhr. Für bestmögliche Organisation bitten wir Sie um Anmeldung (sie ist nicht zwingend notwendig, jeder ist herzlich willkommen) unter redaktionssekretariat@saale-zeitung.de oder unter Tel. 0971/8040 158.
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