Drei Packungen Milch, Fencheltee, Klopapier. Julia Bauer legt Zahnpasta dazu. Die Ebenhäuserin ist Alltagsbegleiterin. Sie hilft Menschen beim Wäschewaschen, Arztbesuchen oder geht mit ihnen spazieren. Gerade kauft sie für ihre Klientin ein. Denn Karen Seufert hat MS (Multiple Sklerose), eine Krankheit, die allmählich die Funktion ihrer Nerven und damit auch ihrer Muskeln lähmt. Selbst mit dem dafür umgebauten Auto ist Einkaufen mittlerweile schwierig für die 59-Jährige. Unter anderem deshalb hat Seufert seit Kurzem Julia Bauer.
Drei Stunden pro Woche bei der Klientin
Die dynamische Frau Mitte 40 bringt die Lebensmittel mit zu ihrer Klientin. Drei Stunden die Woche ist sie bei Seufert. „Hier ist Julia, ich komme herein“, ruft sie, während sie kurz klingelt und dann aufschließt.
Das Erdgeschoss des kleinen Hauses ist liebevoll dekoriert. In einem blauen Hängetopf am Treppengeländer liegen Schal und Handschuhe. In der Küche hängen gehäkelte Vorhänge an der Küchenanrichte. Bauer räumt als Erstes die Einkäufe weg. Seufert fährt im Rollstuhl vor und zurück, und sagt, wo sie einzelne Dinge haben möchte. Danach ist das saubere Geschirr aus der Spülmaschine dran. „Die kleinen Teller bitte auf die Anrichte, hinten, da komme ich besser dran als oben im Schrank.“
Hilfe, bei vielen kleinen Dingen
Bauers Klientin hat seit 20 Jahren die Diagnose Multiple Sklerose (MS). Seit fünf Jahren sitzt sie im Rollstuhl. MS ist eine Autoimmunerkrankung des Nervensystems, die mit Medikamenten verlangsamt werden kann, aber nicht heilbar ist und in Schüben voranschreitet.
„Gerade geht es wieder schneller, ich habe zusätzliche Probleme mit der Gesundheit, das verstärkt die Krankheit.“ Gerade hat sie einen Antrag auf ein neues Auto gestellt, eines mit Rampe, denn in ihr aktuelles kann sie nicht mehr ohne Hilfe ein- oder aussteigen. Eines der vielen kleinen Dinge, bei denen sie Hilfe benötigt. Dabei will sie dreimal die Woche zu ihrem Arbeitsplatz im Sekretariat der Berufsschule kommen.
Die Pflege der Caritas hilft ihr morgens beim Aufstehen und der Körperpflege. Doch mittags nach der Arbeit, muss momentan ihre Tochter da sein, um ihr aus dem Auto zu helfen. Die hilft gern, sie wohnt mit ihrer Familie im Haus nebenan. Allerdings hat Seuferts Tochter zwei kleine Kinder und ist eingespannt. „Für meine Familie ist es eine Entlastung, wenn ich so unabhängig wie möglich leben kann und Hilfe von Leuten wie Julia bekomme.“
Alltagsbegleitung Herzmomente
Julia Bauer wechselt von der Spülmaschine zur Waschmaschine und kommt dann mit einem Wäschekorb ins Wohnzimmer. Ein Holzofen sorgt für Wärme, an einem Schrank hängt eine liebevoll handgemalte Urkunde aus vergangener Zeit für den ersten Platz in der Kategorie „gestresste Mama“. Die Möbel sind an die Wand gerückt, um Platz für den Rollstuhl zu schaffen.
„Ich unterstütze sie im Alltag – für mehr Lebensqualität, Mobilität und Gemeinschaft“ lautet das Motto von Julia Bauers Firma Alltagsbegleitung Herzmomente. Die Idee stammt aus ihrer eigenen Lebensgeschichte: „Eine meiner Tanten hat eine seltene Krebsform. Die fünf Geschwister, inklusive meiner Mutter, kümmerten sich intensiv. Aber das ging nur, weil sie bereits Rentnerin war.“ Dort bekam Bauer mit, wie viel Aufwand die Betreuung von Angehörigen ist, selbst abgesehen von medizinischen Belangen. „Das hat funktioniert, weil es einige Geschwister waren und meine Mutter als Rentnerin Zeit hatte.
Aber was ist mit Menschen, die keine Angehörigen haben? Oder deren Angehörige, wie die von Karen, noch berufstätig sind und Kinder haben?“ Denen wollte sie Unterstützung anbieten. „Dabei geht es nicht nur um Senioren. Menschen können in verschiedensten Lebenslagen Hilfe brauchen, manchmal auch nur für kurze Zeit. Ich hatte schon Anfragen von Versicherungen, für Frauen kurz nach der Geburt, oder Leute, die einen Unfall hatten und für ein paar Wochen Anspruch auf Hilfe im Alltag haben.“
Die freiberufliche Wellnesstherapeutin und gelernte Hauswirtschaftlerin betreibt seit Januar 2026 die Alltagsbegleitung Herzmomente. Derzeit bietet sie ihren Service in einem zehn Kilometer Radius um ihren Wohnort Ebenhausen an.
Viel Bürokratie
In Rottershausen bei Karen Seufert ist Bauer dagegen jeden Montag. Während sie den Wäscheständer so aufstellt, dass er für den Rollstuhl nicht im Weg steht, und beginnt, T-Shirts und Hosen aufzuhängen, öffnet Seufert mit etwas Mühe einen Brief. Er ist von einem Amt. Die Bürokratie ist für beide Frauen mühsam. „Der Bezirk Unterfranken zahlt Geld für Alltagsbegleitung, aber das ist nur sehr wenigen bekannt“, meint die Klientin. Durch ihre Arbeit im Sekretariat ist sie fit, was Anträge angeht.
Auch Bauer musste, nachdem sie Kurse besucht und Praktika als Alltagsbegleitung absolviert hatte, Konzepte schreiben, Genehmigungen einholen und Anträge stellen, um offiziell als Alltagsbegleiterin anerkannt zu werden. Gerade bemüht sie sich darum, bei der Fachstelle für Pflege und Demenz Unterfranken auf eine Karte aufgenommen zu werden, die alle Angebote zur Betreuung aufzeigen soll.
Wo gibt es welche Angebote?
Julia Bauer meint: „Die Karte ist eine gute Idee, weil viele Menschen, die Hilfe brauchen, gar nicht wissen, welche Angebote es gibt und wo sie welche Unterstützung bekommen können.“ Allein bei der Sekretärin sind acht Menschen beteiligt, die verschiedene Hilfe leisten. „Ich habe zwei Leute zum Holz hacken und für den Garten. Die kommen natürlich nicht so häufig. Aber mit Julia sind fünf Menschen jede Woche im Einsatz. Zusätzlich zu meiner Familie. Gerade suche ich jemanden, der mich zur Arbeit und zurückbringt.“ Am liebsten wäre ihr jemand in Rente aus der Nachbarschaft, der gern einen Minijob annehmen möchte. „Mein Wunsch ist eine 24-Stunden-Kraft, aber dafür fehlt mir gerade die Unterbringungsmöglichkeit.“
Julia Bauers Wunsch sind weitere Mitarbeitende: „Gerade muss meine Hilfe ausfallen, wenn ich krank oder im Urlaub bin, mit mehr Leuten könnte ich das abfedern.“
Nach der Wäsche rollt Seufert voraus ins Schlafzimmer, dort liegen bestellte Pakete. Bauer wird die Pflegeartikel auspacken und wegräumen. Nächste Woche wird sie Karen Seufert ins Auto helfen, dann fahren beide gemeinsam zum Arzt. Bis es das neue Auto gibt oder ein Fahrer gefunden ist, wird Bauer dies häufiger tun.
Sie brauchen Hilfe?
Die Fachstelle für Pflege und Demenz Unterfranken stellt eine Karte mit möglichen Hilfen in der Region zur Verfügung. Sie berät neben Betroffenen auch pflegende Angehörige. Die Stelle mit Sitz in Würzburg ist unter 0931/20781440 erreichbar.
Der Pflegestützpunkt des Landkreises Bad Kissingen befindet sich in der Münchner Straße 5 in Bad Kissingen. Dort gibt es kostenfreie Beratung. Der Stützpunkt ist unter 0971/8015300 oder per E-Mail an pflegestuetzpunkt@kg.de zu finden.
Der Bezirk Unterfranken stellt eine Liste mit möglichen Beratungsstellen für Betroffene und Angehörige, auch in Bad Kissingen und Umgebung, zur Verfügung.
Julia Bauer und ihre Alltagsbegleitung Herzmomente sind unter 0176/84824901 erreichbar.
Tipp von Frau Seufert: Auch die örtlichen Gemeinden kennen meist die Möglichkeiten vor Ort und können manchmal lokale Hilfe vermitteln.














