Für Sarah Holzmann war es ein Schockmoment: Eine dicke schwarze Spinne saß auf ihrer Schulter, krabbelte über die nackte Haut. „Ich habe eine Panikattacke bekommen und wild um mich geschlagen“, erinnert sich die 21-jährige Würzburgerin.
Sie litt unter Spinnenangst, bekam Herzrasen, wenn sie eines der achtbeinigen Tiere sah. Im Frühjahr entschloss sie sich, gegen die Panik anzugehen. Doch wie therapiert man Spinnenangst eigentlich? Und funktioniert das?
Am Zentrum für Psychische Gesundheit der Uniklinik Würzburg läuft dazu die Studie „SpiderMEM“. Darin wird untersucht, ob und wie man das Angstgedächtnis von Menschen mit Spinnenangst durch sogenannte transkranielle Magnetstimulation (TMS) verändern kann.
Ursachen von Spinnenangst können Kindheitserlebnisse oder Medienberichte sein
„Das Gehirn speichert besonders emotionale oder bedrohliche Erfahrungen in einem Angstgedächtnis ab“, erklärt Studienleiterin Dr. Lisa Cybinski. Wenn eine Spinne mit Panik verknüpft werde, könne schon der Anblick Angst auslösen.
Ursache dafür können negative Kindheitserlebnisse sein, das Beobachten von Spinnenangst bei Eltern oder negative Medienberichte, sagt die Psychologin. Einige Forscher gehen auch davon aus, dass Spinnenphobie evolutionär bedingt ist – quasi als Urangst vor giftigen Spinnen.
Wann aber muss Spinnenangst, die sogenannte Arachnophobie, überhaupt behandelt werden? Wenn es um eine „übermäßige Angst“ geht, sagt Cybinski. Wenn der Anblick einer Spinne Fluchtverhalten, Herzrasen, Schweißausbrüche und Atemnot auslöst. Betroffene seien oft im Alltagsleben eingeschränkt, sagt Cybinski. Sie würden zum Beispiel aus Angst vor Spinnen den Gang in den Keller oder die Garage vermeiden.
Auch Sarah Holzmann konnte keinen Raum mit Spinnen mehr betreten. „Ich hatte Angst, sie springen auf mich.“ Einen Auslöser für die Panik habe es nicht gegeben, sie habe Spinnen „einfach schon immer eklig“ gefunden. Irgendwann wurden Ekel und Unbehagen zu großer Angst, deshalb entschied sich die 21-Jährige, an der Würzburger Studie teilzunehmen.
Leicht fiel ihr das nicht. In der Studie wird bei einem Teil der Teilnehmer untersucht, ob schon die Magnetstimulanz allein die Angst reduzieren kann. Der andere Teil wird zunächst mit der Angst konfrontiert: Sie sollen sich in der Therapie einer Vogelspinne nähern. „Ich war schockiert“, erinnert sich Sarah Holzmann. Zwar habe sie sich in den Raum mit dem Terrarium hineingewagt, dann aber „habe ich geweint“.
Durch Magnetstimulation soll das Angstgedächtnis beeinflusst werden
Die Konfrontation soll Angst auslösen und das Furchtgedächtnis aktivieren, sagt Studienleiterin Lisa Cybinski. „Dann dauert es etwa zehn Minuten, bis die Furcht erneut im Langzeitgedächtnis abgespeichert wird und genau in dieser Zeit müssen wir diese Prozesse stören, um die Angst zu reduzieren.“
Das passiert mittels TMS: Bei diesem Therapieverfahren werden magnetische Impulse über eine Spule an bestimmte Hirnareale abgegeben. „Unser Ziel ist es, mit TMS spezifische neuronale Prozesse im Angstgedächtnis so zu beeinflussen, dass die Angst danach weniger stark ausgeprägt ist“, erklärt der Studienverantwortliche, der Leitende Psychologe Prof. Martin Herrmann.
Wichtig ist, dass die Teilnehmer keine anderen schweren Erkrankungen haben. Epilepsie wäre etwa ein Ausschlusskriterium, sagt Herrmann. Die TMS gelte als sicher, könne aber „unangenehm sein“, Kopfschmerzen auslösen oder Muskeln im Gesicht zucken lassen. Um die Wirkung wissenschaftlich zu überprüfen, erhält ein Teil der Studienteilnehmer eine Placebo-Stimulation.
Korrigierende Erfahrungen sind ein wichtiger Schritt
Die Stimulation selbst dauert insgesamt 15 Minuten. Sarah Holzmann spürte ein Kribbeln in der Nase. Einen Tag nach der TMS-Behandlung habe sie die ersten Veränderungen festgestellt: „Da konnte ich die Spinne erst mit einem Pinsel und dann mit dem Finger anfassen – das hätte ich nicht gedacht.“ Ohne Tränen, ohne Panik.
Zu erkennen, dass der Körper plötzlich weniger oder nicht mehr mit Angst auf die Spinne reagiert - „diese korrigierenden Erfahrungen sind ein wichtiger Schritt“, sagt Psychologin Lisa Cybinski. Seit Jahresbeginn haben 70 Menschen mit Spinnenangst an der Studie teilgenommen, am Ende sollen es 130 sein. 90 Prozent von ihnen sind Frauen, sie seien generell stärker von Spinnenangst betroffen, sagt Cybinski.
Sarah Holzmann hat heute zwar Respekt, aber keine Angst mehr vor Spinnen. „Vor ein paar Wochen habe ich sogar kleine Spinne eingefangen, mit einem Glas und auf meine Hand gesetzt – das hat mich Überwindung gekostet und ich war aufgeregt, aber es hat funktioniert. Ich hatte keine Angst!“
Ziel: Neues Therapieverfahren auch für andere Angsterkrankungen
Die Studienleiter gehen davon aus, dass die Veränderung dauerhaft ist. Eine Woche sowie drei Monate nach der Behandlung zeigten viele Teilnehmende weniger Angst und Vermeidungsverhalten. „Ob die TMS einen zusätzlichen Effekt hat, wird sich erst nach Abschluss der Studie zeigen“, sagt Cybinski. „Aber allein, dass man sich mit dem Thema beschäftigt und neue Erfahrungen macht, kann die Angst schon reduzieren.“
Bleibt die Frage: Funktioniert das auch bei anderen Angsterkrankungen? Ob die Ergebnisse auf komplexere Ängste, Zwangserkrankungen oder posttraumatische Belastungsstörungen übertragbar sind, muss noch untersucht werden. Das wäre das Ziel, sagt Cybinski. „Bei Angsterkrankungen wäre es ein neues Therapieverfahren parallel zur Expositionstherapie – mit der Hoffnung, dass wir ganz konkret das Furchtgedächtnis bearbeiten können.“
Für die Studie „SpiderMEM“ sucht die Uniklinik Würzburg weiter Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahren mit Spinnenangst. Die Teilnahme ist kostenlos, anonym und umfasst Telefongespräch, Voruntersuchung, Behandlungssitzung mit TMS und Nachuntersuchungen. Zeitaufwand bis 4,5 Stunden, Aufwandsentschädigung 35 bis 45 Euro. Infos und Kontakt: Spider_VR@ukw.de











