Die Flut im Ahrtal, das Zugunglück in Baden-Württemberg, Anschläge auf Weihnachtsmärkte: Katastrophen mit zahlreichen Verletzten sind in Deutschland häufiger geworden. Krankenhäuser bereiten sich darauf vor – aber wie funktioniert das?
„In solchen Lagen geht es darum, Leben zu retten“, sagt Prof. Thomas Wurmb, Leiter der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin der Klinik für Anästhesiologie an der Uniklinik Würzburg und Mitglied im bayerischen Expertenrat Gesundheitssicherheit. Ein Gespräch über den Versuch, Katastrophen zu planen, atomwaffensichere Krankenhäuser und die Priorisierung von Behandlungen.
Bei der Flut im Ahrtal mussten 2021 zahlreiche Verletzte gleichzeitig in Kliniken behandelt werden, ähnlich war es kürzlich nach dem Zugunfall in Baden-Württemberg. Wie wappnen sich Krankenhäuser für solche Ereignisse?
PROF. THOMAS WURMB: Wichtig ist, dass wir in solchen Situationen vorbereitet sind und nicht überrascht werden. Deshalb gibt es Alarm- und Einsatzpläne, in denen genau festgelegt ist, wie wir unsere Kapazität ausbauen und unsere Funktionalität aufrechterhalten können. Wir planen, wie wir einen Massenanfall von Patienten bewältigen können – immer mit dem Ziel, möglichst jeden der zahlreichen Verletzten so zu behandeln, als wäre nur ein einzelner Patient da.
Ist das realistisch?
WURMB: Das ist zumindest der grundlegende Anspruch. Wenn man genau hinschaut, ist es kaum möglich, zehn Schwerverletzte gleichzeitig genauso gut zu versorgen wie einen einzigen. Das geht nur, indem man möglichst rasch Personal und Material nachzieht und Kapazitäten in den OPs freiräumt. Was aber bedeutet, dass andere OPs nicht stattfinden und der Routinebetrieb eingeschränkt wird. Dass der Krankenhausbetrieb im Katastrophenfall normal weiterläuft, ist sehr unwahrscheinlich. Wir können aber erreichen, dass wir die Katastrophe bestmöglich meistern.
Und wie sieht das praktisch aus? Wie funktioniert die Uniklinik, wenn in Würzburg ein schweres Zugunglück mit 100 Verletzten passiert?
WURMB: Sobald der Alarm eingeht, schalten wir in den Notfallmodus. In den Einsatzplänen ist genau festgelegt, wer in einem solchen Fall die Führung übernimmt. Dann werden die wichtigsten Funktionen besetzt und eine Sichtungsstelle eingerichtet. Dort teilen wir alle ankommenden Patienten in drei Kategorien ein: lebensbedrohlich verletzte Personen, die sofort behandelt werden müssen, Schwerverletzte und Leichtverletzte, die vielleicht noch etwas warten können. Dementsprechend sortieren wir unsere Behandlungsbereiche. Und jedem muss bewusst sein: In solchen Lagen geht es darum, Leben zu retten.
Bis zu welcher Anzahl von Schwerverletzten ist das möglich?
WURMB: Das kann man theoretisch beliebig hochskalieren. Klar ist aber: Fünf Schwerstverletzte können wir noch in der gleichen Qualität behandeln, wie einen einzigen. Bei zehn Schwerstverletzten wird es schwierig. Bei 20 ist das nicht mehr möglich. Und bei 100 gilt: Wir können alle versorgen, aber wir müssen Abstriche bei der Qualität der Versorgung machen, weil unsere Versorgungskapazitäten einfach Grenzen haben.
Wie gut sind Krankenhäuser in der Region also aus Ihrer Sicht für Katastrophen gerüstet?
WURMB: Aus meiner Sicht sind sehr viele Krankenhäuser in Unterfranken in der Lage, strukturiert auf Krisen zu reagieren.
Auch auf den „Worst Case“, also einen nuklearen Katastrophenfall?
WURMB: Im Februar gab es dazu an der Uniklinik eine Übung mit der Bundeswehr. Dabei wurde trainiert, wie wir Patienten nach einem Strahlenunfall behandeln und uns und das Krankenhaus schützen können. Das ist nicht so einfach.
Sind deutsche Krankenhäuser dazu in der Lage?
WURMB: Die ehrliche Antwort ist nein, bei einem Schadensfall dieser Kategorie noch nicht. Die Expertise für radionukleare Schadenslagen oder bei der Behandlung von Patienten, die radioaktiven Substanzen ausgesetzt waren, ist in Deutschland selten. Da gibt es Nachholbedarf und daran arbeiten wir. Die Klinik für Nuklearmedizin des UKW ist regionales Strahlenschutzzentrum und auf die Versorgung solcher Patienten vorbereitet. Aber solche Zentren sind natürlich nicht an jedem Klinik-Standort eingerichtet.
Ist das durch die Weltlage wichtiger geworden?
WURMB: Sicher. Wobei man sagen muss: Ein Nuklearwaffeneinsatz ist ein derartiges Desaster, das darf nicht passieren. Das sage ich nicht nur als Arzt, sondern auch als Bürger.
Am UKW werden aktuell diverse Bauvorhaben umgesetzt – denkt man da den Katastrophenfall mit?
WURMB: Wir haben kein unterirdisches, ABC-sicheres Krankenhaus, das hat kein Standort in Deutschland aktuell. Weil wir das die letzten 40 Jahre nicht gebraucht haben. Jetzt hat sich die Situation verändert. Gesundheitseinrichtungen müssen sich auf solche Lagen vorbereiten. Das ist nicht nur militärisch gedacht, auch Umweltkatastrophen, Amok oder Terror können Krankenhäuser schwer treffen.
In Israel gibt es Kliniken, die ihren Betrieb innerhalb von 72 Stunden komplett in unterirdische Bunker verlegen können. Muss Deutschland tatsächlich in diese Richtung gehen oder ist das Panikmache?
WURMB: Wir prüfen, was man mittelfristig in Neubauten mitdenken kann. Dabei geht es aber auch ums Geld. Noch stehen solche Vorgaben nicht in den Bauvorschriften. Wenn am Ende der Klinikbetreiber auf den Kosten sitzen bleibt, ist das aus meiner Sicht nicht in Ordnung. Das sollte in gesetzlichen Verordnungen festgelegt werden.
Das wird dauern.
WURMB: Ja, das wird nicht jetzt passieren, sondern vielleicht übermorgen. Aber jetzt muss man schauen, welche potenziellen Gefahren es gibt und wie wir für diese künftig gerüstet sind.
Gilt das auch für Gefahren aus der digitalen Welt? Das Thoraxzentrum in Münnerstadt beispielsweise wurde im Herbst 2024 von einem Cyberangriff lahmgelegt.
WURMB: In diesem Bereich sind wir an der Uniklinik gut gerüstet. Wir haben eine gute IT-Abteilung und schon vor Jahren einen Plan entwickelt, wie wir im Notfall komplett analog arbeiten können.
Wie soll das funktionieren?
WURMB: All unsere Kliniken haben in einem Heft zusammengefasst, welche Leistungen sie analog erbringen können und die dafür notwendigen Materialien in Kisten gepackt. Außerdem haben wir Läufer geplant, die die Kommunikation zwischen den Abteilungen und nach außen sicherstellen. Und es gibt dann wieder Papier-Patientenakten mit Kugelschreibern.
Aber wie kann zum Beispiel auf einer Intensivstation analog gearbeitet werden?
WURMB: Wenn der Strom ausfällt, haben wir Notstromaggregate, die für drei Tage reichen. Wenn wir gehakt werden, gibt es noch Strom und damit ist auf der Intensivstation ein Offline-Monitoring nutzbar – allerdings fehlt die Vernetzung, etwa mit dem Labor. Da läuft man hin und her. Und in solchen Fällen ändert sich die Zielrichtung: Es geht dann darum, dass kein Patient stirbt oder Schaden erleidet und nicht mehr um ausgefallene Therapien.
Schon jetzt, im normalen Alltagsbetrieb, ist die Personaldecke in den meisten Kliniken dünn. Realistisch betrachtet, wer soll im Katastrophenfall Hunderte Patienten mehr versorgen?
WURMB: Im Notfall greifen Alarmierungsketten und man versucht, zusätzliches Personal zu rekrutieren. Wir hätten zum Beispiel einen großen Pool an Medizinstudierenden, auf die wir zurückgreifen könnten, wenn wir das rechtzeitig planen. Akute Situationen sind so meist handhabbar. Schwieriger ist es, wenn die Belastung über Wochen, Monate oder auch Jahre hoch bleibt. Das haben wir in der Corona-Pandemie gesehen, damals wurden aus Personalnot elektive Eingriffe zeitweise ausgesetzt. Ohne Priorisierung geht es in solchen Lagen nicht.
Was heißt das? Müssen Ärzte dann entscheiden, wer gerettet wird und wer nicht?
WURMB: Wir müssen dann Reihenfolgen festlegen, schauen, wer braucht zuerst Hilfe und in welchem Ausmaß und wer kann länger auf die Behandlung warten. Sicher bedeutet das ein gesellschaftliches Umdenken: Wir müssen lernen, zu akzeptieren, dass sich die Medizin im Katastrophenfall ändert.












