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Stärker nach Lebenskrise
Wie schafft man es, aus einem Trauma Kraft zu ziehen?
Stärker nach Lebenskrise: Posttraumatisches Wachstum?
Dr. Bodo Warrings ist Psychiater und Leiter der Ambulanz an der Klinik für Psychiatrie der Universitätsklinik Würzburg. // Patty Varasano
Signet des Fränkischen Tags von Susanne Schmitt
Würzburg
Würzburg – Posttraumatisches Wachstum, gibt es das wirklich? Ein Würzburger Psychiater erklärt, was bei einem Trauma in uns passiert und wie Handeln helfen kann.

Ein Gewaltverbrechen, eine schwere Erkrankung oder ein Unfall: Jeder Mensch kann in seinem Leben in eine traumatische Situation geraten. Manchmal leiden Betroffene noch jahrelang unter den Folgen, andere gehen stärker aus einem Trauma hervor.

Warum? Und wie schafft man das? „Ich rate, ins Handeln zu kommen, Dinge zu tun“, sagt Dr. Bodo Warrings, Psychiater und Leiter der Ambulanz an der Klinik für Psychiatrie der Universitätsklinik Würzburg. Im Gespräch erklärt der 58-Jährige, was bei einem Trauma in uns passiert und wie es gelingt, aus einem Trauma Kraft zu ziehen.

Viele Menschen müssen im Leben schwere Krisen durchmachen. Wann wird daraus ein Trauma?

DR. BODO WARRINGS: Entscheidend ist die Intensität des Ereignisses. Jeder Mensch hat eine eigene Definition davon, was für ihn ein Trauma darstellt. In der Trauma-Ambulanz an der Uniklinik sehen wir, dass Menschen typischerweise lebensbedrohliche Situationen als traumatisch empfinden – Situationen, in die man selbst gerät oder von denen ein Angehöriger oder eine nahestehende Person betroffen sind.

Was meint der Begriff Trauma überhaupt? Was passiert da in unserem Kopf und Körper?

WARRINGS: Wenn wir einem lebensbedrohlichen Ereignis ausgesetzt sind, etwa bei einer Gewalttat, werden tief verwurzelte Verhaltens- und Reaktionsweisen aktiviert. Der betroffene Mensch zeigt zum Beispiel Flucht- oder Angriffsverhalten oder er verfällt in eine Art Starre, ins sogenannte Freezing, was man mit dem Totstellreflex vergleichen kann.

Gleichzeitig ist ein Trauma eine massive Stresssituation, der Körper schüttet Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Es kann auch dazu kommen, dass Gefühle als überbordend empfunden werden, beispielsweise massive Angst, die nicht mehr kontrollierbar ist. Rückblickend wird gerade das Freezing von Betroffenen nicht selten als Versagen empfunden. Da ist es wichtig, aufzuklären, denn diese Starre ist eine physiologische Reaktion, die das Überleben sichert – das hat nichts mit Versagen zu tun.

Manche Menschen leiden jahrelang unter den Folgen eines Traumas, andere gehen am Ende stärker daraus hervor. Warum?

WARRINGS: Manchmal kann man das gar nicht genau sagen. Ich habe Menschen erlebt, die in einer Rettungsorganisation tätig waren und über Jahrzehnte schwerste Erlebnisse weggesteckt haben – und dann passiert ein zusätzliches Ereignis und sie entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung.

Gibt es dafür Auslöser?

WARRINGS: Es gibt Faktoren, die beeinflussen können, wie gut man eine traumatisierende Situation übersteht. Ein Faktor ist die Häufigkeit, der sogenannte Traumaload. Irgendwann ist es einfach zu viel. Das zweite ist die Intensität eines Traumas, die Frage, wie sehr uns ein Ereignis erschüttert. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob ich als Rettungsdienstmitarbeiter mit dem Tod eines Unbekannten konfrontiert bin oder ob es ein Angehöriger ist.

Und drittens spielen Resilienzfaktoren eine Rolle. Es ist zum Beispiel hilfreich, wenn man in der Kindheit durch ein schützendes Umfeld gelernt hat, dass Scheitern in Ordnung ist und nach negativen Erlebnissen alles wieder gut wird. Wissenschaftlich gibt es dafür den Begriff der Hardiness, der Widerstandsfähigkeit.

Stärker nach Lebenskrise: Posttraumatisches Wachstum?
Mentale Erste Hilfe sollte gesellschaftlich mehr in den Fokus rücken, sagt der Würzburger Psychiater Dr. Bodo Warrings. // Patty Varasano

Wenn Menschen durch ein Trauma stärker werden, spricht man von posttraumatischem Wachstum. Was ist das?

WARRINGS: Im klinischen Alltag sehen wir immer wieder Menschen, die traumatisierende Erlebnisse gut verarbeiten und danach stärker werden. Betroffene verbessern zum Beispiel ihre sozialen Kompetenzen, zeigen protektive Verhaltensweisen und ziehen daraus Kraft. Das nennt man posttraumatisches Wachstum.

Allerdings: Während das Konzept der posttraumatischen Belastungsstörung wissenschaftlich sehr gut belegt ist, fehlt die breite Basis beim posttraumatischen Wachstum noch.

Wie schätzen Sie das Konzept ein?

WARRINGS: Ich halte es für sehr wichtig, dass es den Begriff des posttraumatischen Wachstums gibt. Im Prinzip ist das das Ziel jeder Therapeutin und jedes Therapeuten. Wir wollen im Idealfall nicht nur die Symptome lindern, sondern dass sich am Ende aus einem traumatisierenden Erlebnis positive Effekte entwickeln können. Ich warne aber davor, Patienten unter Druck zu setzen.

Wie meinen Sie das?

WARRINGS: Bei einem akuten Trauma geht es Patienten schlecht, sie sind in ihren Grundwerten erschüttert. Man darf ihnen auf keinen Fall sagen: ‚Sie müssen jetzt aus diesem Trauma wachsen‘. Das wäre vermessen. Diese Menschen brauchen zunächst Hilfe, um im Leben wieder klarzukommen. Später kann man Hilfestellung geben, dass sie daran wachsen.

Und wie geht das? Wie gelingt es konkret, aus einem Trauma Kraft zu ziehen?

WARRINGS: Wichtig ist, dass man in der akuten Situation auf seine Grundbedürfnisse achtet und für sich sorgt, dass man Schutz sucht, isst, trinkt. Verallgemeinerungen sind schwierig, aber ich rate, ins Handeln zu kommen. Dinge zu tun. Nicht das komplizierteste Buch lesen oder die schwierigste Steuererklärung abschließen, sondern idealerweise etwas mit Händen und Füßen schaffen. Basteln, Handwerken, oder ganz banal einkaufen gehen.

Die neurobiologische Grundlage dabei ist: Bei akut traumatisierenden Ereignissen sind die Angst vermittelnden Strukturen des Gehirns überaktiv, während die Aktivität des steuernden Frontalhirns heruntergefahren wird. Durch bewältigbare, leicht herausfordernde Aufgaben kann man das Frontalhirn animieren, wieder tätig zu werden. Deshalb kann es nach einem schwierigen Ereignis zum Beispiel auch hilfreich sein, weiter arbeiten zu gehen.

Kann man selbst durch mentales Training oder ähnliches die Traumabewältigung unterstützen?

WARRINGS: Sicher ist es gut, wenn man eine positive Grundeinstellung hat und sich sagt, ich schaffe das. Es ist aber nicht so, dass man sich bei einem Trauma nur fest vornehmen muss, dass alles wieder gut wird und dann klappt das. Das wäre zu banal.

Wenn jemand stark traumatisiert ist, seine Emotionen nicht mehr kontrollieren kann, nicht schläft, Alpträume hat und das Trauma wieder und wieder in der Erinnerung durchlebt, dann sollte man sich professionelle Unterstützung suchen. Leider machen sich Menschen nach einem Trauma oft Selbstvorwürfe und empfinden es als Versagen, wenn sie sich Hilfe suchen. Aber es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.

Und kann man präventiv etwas tun, sich stärken, um mit traumatisierenden Situationen besser umzugehen?

WARRINGS: Wie die Erste Hilfe bei körperlichen Beschwerden gibt es auch mentale Erste Hilfe. Das ist wichtig, wird aber gesellschaftlich häufig noch nicht so wahrgenommen. Aus meiner Sicht ist es gut, wenn man weiß, was man bei einem traumatisierenden Erlebnis tut, wenn man einen Plan dafür hat.

Wie sollte so ein Plan aussehen?

WARRINGS: Erstens sollte man sich sagen: ‚Das kann jedem passieren‘. Zweitens muss man ins Handeln kommen. Drittens sollte man sich Zeit lassen. Viertens hilft es, soziale Kontakte aufzusuchen. Und fünftens, wenn man merkt, man schafft es nicht allein, dann sollte man mit Profis darüber sprechen.

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