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Vortrag im Kaisersaal
Glanz, Wandel, Leerstand
Kissinger Villen
Ortskuratoriumssprecher Reinhard Haus bei seiner Vorstellung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) im Kaisersaal des Grandhotels Kaiserhof Victoria. // Sigismund von Dobschütz
Bad Kissingen – Einst prägten rund 160 Kurvillen Bad Kissingen, doch viele haben sich stark verändert.

Unerwartet großes Interesse fand die Vortragsveranstaltung des Ortskuratoriums der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) über die Geschichte der europäischen Villen-Kultur und die Entwicklung der Bad Kissinger Kurvillen von 1850 bis heute im Wandel der Jahrzehnte. Beim anschließenden 90-minütigen Spaziergang wurde am konkreten Beispiel einiger Villen das zuvor Gehörte im aktuellen Bestand gezeigt. Zur weiteren Information ist das mit zahlreichen Farbfotos bebilderte Buch „Kurvillen“ der Ortskuratoren Prof. Reinhard Haus und Dr. Raymund Müller mit einem einleitenden Beitrag der Architektin und Bauhistorikerin Prof. Dr. Sabine Brinitzer im Handel erhältlich.

Über 130 Zuhörer

Mit nur 50 Gästen hatte das Bad Kissinger DSD-Ortskuratorium gerechnet. Doch schnell zeigte sich, dass die im historischen Kaisersaal des Grandhotels Kaiserhof Victoria vorbereitete Bestuhlung nicht ausreichen würde. Nachdem sogar viele Gäste selbst angepackt und sich abseits stehende Reservestühle an die Tische geholt hatten, zählten die Veranstalter schließlich über 130 Zuhörer.

Bedrohte Baudenkmäler

Als Sprecher des Ortskuratoriums stellte Reinhard Haus zunächst die Deutsche Stiftung Denkmalschutz als größte private Initiative für Denkmalpflege in Deutschland vor. Diese setzt sich seit 1985 fachlich fundiert und unabhängig für den Erhalt bedrohter Baudenkmale ein. Etwa 600 Projekte fördert die Stiftung bundesweit jährlich. So konnte der Erhalt von bislang mehr als 7.500 Denkmalen mit über 750 Millionen Euro unterstützt werden.

Kissinger Villen
Die Villa Aegir (Prinzregentenstraße) war nur eine der gezeigten Villen auf dem anschließenden Spaziergang // Sigismund von Dobschütz

In Bad Kissingen hatte sich das Ortskuratorium bei der Generalsanierung des Turniergebäudes finanziell und beratend eingebracht. Aktuell wird die Sanierung der Klosterkirche in Hammelburg gefördert. „Man kann gemeinsam Lösungen finden, wenn man unser Ortskuratorium anspricht“, warb Haus für den bewussten Umgang bei der Sanierung denkmalgeschützter Bauten.

Ein umfassender Überblick

Einen umfassenden Überblick über die baugeschichtliche Entwicklung der Villa von der römischen Antike bis zur Neuzeit lieferte die aus Bad Ems stammende, heute in der Schweiz lebende Architektin und Bauhistorikerin Sabine Brinitzer, die wie auch die beiden Kissinger Ortskuratoren Reinhard Haus und Raymund Müller Mitglied im Unesco-Welterbe-Beratungsgremium ICOMOS ist.

Kissinger Villen
Ortskurator Dr. Raymund Müller zeigte die Entwicklung der Bad Kissinger Kurvillen im Wandel der Zeit // Sigismund von Dobschütz

Die Definition des Begriffes „Villa“ geht demnach auf das zweite Jahrhundert und die drei römischen Gebäudetypen „Villa rustica“ als wehrhafter Landsitz, „Villa suburbana“ am Stadtrand und „Villa urbana“ als vornehmes Stadthaus zurück. Im Mittelalter entwickelte sich daraus die „Villa regia“ als „königliche Villa“ in Gestalt einer Burg oder Königspfalz. Anhand ausgewählter Beispiel zeigte Brinitzer die weitere Villen-Entwicklung über die Renaissance mit Wiederaufnahme antiker Vorbilder hin zu palastartigen Villen venezianischer Adelsfamilien mit hohen Säuleneingängen (Porticus), die zuvor nur Sakralbauten vorbehalten waren.

Hin zum Jugendstil

„Im Barock fanden die Villen als Repräsentationsbauten dann den Weg nach Norden.“ Die Gebäude veränderten sich stilistisch über den Klassizismus und Historismus, der Bauelemente wieder aufnahm, „die alle schon einmal da waren“, hin zu Jugendstil um das Jahr 1900 und Neuer Sachlichkeit im frühen 20. Jahrhundert. In der Postmoderne der 1960er und 1970er Jahre entfernten die Architekten sich wieder von der Sachlichkeit und verbauten erneut „kreativ spielerisch und teilweise auch ironisch“ historische Stilelemente.

Kissinger Villen
Die Architektin und Bauhistorikerin Prof. Dr. Sabine Brinitzer sprach über die Entwicklung der Villen von der Antike bis zur Postmoderne // Sigismund von Dobschütz

Diese zeitlich sich wandelnde Entwicklung präsentierte Ortskurator Raymund Müller am Beispiel der ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Bad Kissingen errichteten Kurvillen. „Nicht die Hotels waren Nachfolger der Gasthäuser und Herbergen, sondern die repräsentativen Kurvillen, die der Beherbergung von Gästen dienten.“ Zwischen 1860 und 1880 gab es in der Kurstadt einen wahren Bauboom. Zählt man jene Gebäude zusammen, die mindestens einmal öffentlich als Villa bezeichnet wurden, kam Bad Kissingen in seiner Glanzzeit um 1900 auf etwa 160 Kurvillen, darunter fast 30 Arztvillen, also Wohngebäude mit integrierter Arztpraxis und Gästezimmern.

Vorher-Nachher-Bilder

Anhand einiger Vorher-Nachher-Bilder machte Müller auch die Entwicklungen und Veränderungen an Kurvillen im Laufe der Jahrzehnte deutlich. So habe man – um nur ein Beispiel zu nennen – die Villa Erika (Prinzregentenstraße) in den Jahren der Sozialkur um 1970 baulich erweitert und modernisiert. Müller: „Noch heute sind bei genauem Hinsehen einzelne Elemente des historischen Altbaus erkennbar.“

Derart modernisierte Villen, die einst repräsentativ waren, wirken heute eher schlicht. „Nach dem Krieg dachte man, das Alte muss weg. Heute sieht man es wieder anders.“ Als aktuelles Beispiel für die Modernisierung einer historischen Villa zeigte Müller eine Fotofolge der nicht denkmalgeschützten Villa Carola (Schönbornstraße).

16 stehen heute leer

Von den einst 160 Kurvillen Bad Kissingens wurden in der Nachkriegszeit 38 Häuser abgerissen, 16 stehen heute leer und 57 Gebäude wurden inzwischen umgenutzt. Um historische Villen vor weiterem Verfall zu schützen, empfahl Raymund Müller, vor Beginn einer Sanierung ein frühzeitiges Gespräch mit dem DSD-Ortskuratorium.

Voraussetzung sei allerdings ein nachhaltiges Nutzungskonzept und der Nachweis eines finanzstarken Investors und Betreibers. Er gestand aber auch ein, „dass dies in der Kurzone heute oft sehr schwierig ist“.

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