Mit dem ersten Kammerkonzert des Kissinger Sommers am Samstagnachmittag setzte das Trio aus Lena Neudauer, Sebastian Klinger und Marianna Shirinyan einen Maßstab, an dem sich die kommenden Wochen werden messen lassen müssen. Was die drei Musiker im Rossini-Saal boten, war weit mehr als makelloses Zusammenspiel: Es war Kammermusik in ihrer eigentlichen Bedeutung – ein ständiges Zuhören, Reagieren und gemeinsames Gestalten auf höchstem Niveau.
Bereits Dmitri Schostakowitschs frühes Klaviertrio c-Moll op. 8 ließ aufhorchen. Das einsätzige Werk des erst 17-jährigen Komponisten trägt zwar noch unverkennbar spätromantische Züge, deutet aber bereits jene expressive Schärfe an, die sein späteres Schaffen prägen sollte. Neudauer, Klinger und Shirinyan verliehen dem Werk große Geschlossenheit und entwickelten die weitgespannten melodischen Bögen mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Besonders beeindruckte dabei die Fähigkeit des Ensembles, die dramatischen Zuspitzungen organisch aus dem musikalischen Fluss heraus entstehen zu lassen.
Eine Entdeckung
Die eigentliche Entdeckung des Nachmittags war jedoch Mieczysław Weinbergs Klaviertrio a-Moll op. 24. Das 1945 entstandene Werk gehört zu jenen Kompositionen des 20. Jahrhunderts, deren Qualität und Ausdruckskraft noch immer viel zu selten auf den Konzertpodien zu erleben sind. Weinberg, der vor den Nationalsozialisten aus Polen in die Sowjetunion fliehen musste und dort zeitlebens im Schatten seines Freundes Dmitri Schostakowitsch stand, schuf hier ein Werk von geradezu erschütternder Intensität. Das Trio verbindet motorische Energie, schroffe Kontraste und lyrische Passagen von großer Verletzlichkeit zu einer musikalischen Erzählung, die sich jeder Eindeutigkeit entzieht. Die Toccata entwickelte unter den Händen der drei Interpreten einen geradezu unerbittlichen Sog, während das zentrale Poem mit seiner dunklen Expressivität tief unter die Oberfläche führte. Im Finale bündelten sich schließlich Dramatik, Virtuosität und emotionale Wucht zu einer Interpretation, die das Publikum spürbar in ihren Bann zog. Selten wird die außergewöhnliche Qualität dieses Werkes so überzeugend erfahrbar.
Nach der Pause folgte Schuberts Klaviertrio B-Dur D 898 – ein Werk, das in seiner Mischung aus kantabler Schönheit, formaler Meisterschaft und unerschöpflichem melodischem Einfallsreichtum zu den Gipfelpunkten der Kammermusik zählt. Die drei Musiker begegneten ihm mit einer Haltung, die jede Sentimentalität vermied und stattdessen auf Transparenz, Eleganz und Natürlichkeit setzte. Besonders im berühmten Andante entstand eine Atmosphäre von berührender Innigkeit. Die Stimmen blieben jederzeit klar konturiert, ohne dass der große Spannungsbogen verlorenging. Das Scherzo federte leicht und präzise, während das Finale mit seinem tänzerischen Schwung und seiner spielerischen Virtuosität förmlich aufblühte.
Mit großer musikalischer Präsenz
Dass dieser Nachmittag zu einem außergewöhnlichen Konzerterlebnis wurde, lag nicht zuletzt an den drei Solisten selbst. Sebastian Klinger überzeugte mit warmem, tragfähigem Celloton und großer musikalischer Präsenz. Marianna Shirinyan gestaltete ihren anspruchsvollen Klavierpart mit technischer Souveränität und feinem Gespür für Balance und Klangfarben. Den stärksten Eindruck hinterließ jedoch Lena Neudauer. Ihre technische Brillanz schien keinerlei Grenzen zu kennen, blieb aber stets Mittel zum Ausdruck.
Mit schlankem, leuchtendem Ton, stupender Präzision und großer gestalterischer Freiheit führte sie durch die Werke, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Gerade diese Verbindung aus Virtuosität und kammermusikalischer Sensibilität machte ihre Leistung so bemerkenswert. Der erste Kammermusiknachmittag des Kissinger Sommers 2026 hätte kaum eindrucksvoller ausfallen können. Ein Konzert von außergewöhnlichem Niveau, das die Messlatte für die kommenden Wochen hoch gelegt hat.









