Zwei Dinge spielen bei Leander Nöth (11) eine große Rolle: einmal die Hühner und zum anderen die Zeitung. Ersteres Hobby hat er zur Eigenmarke stilisiert, und das Ergebnis ist das Reichenbacher Lokalblatt: die „Chicken-Zeitung“. Mit zehn Jahren bekommen viele Kinder heutzutage ein Smartphone. Das war es dann mit dem Papier. Oder doch nicht?
Genaue Vorstellungen vom Inhalt
Mit neun Jahren schrieb Leander für seinen Opa Justin zum Geburtstag im Oktober 2023 die „Nöth-Zeitung“ – mit der Hand. Er hatte genaue Vorstellungen über den Inhalt: Bericht über den Dorfflohmarkt, Interview mit einem Verantwortlichen, eine Fotostrecke, für das „Vermischte“ gibt es Witze und einen „persönlichen“ Geburtstagskalender.
Gemäß dem Vermächtnis des großen Journalisten Hanns-Joachim Friedrichs, „man solle sich nicht mit einer Sache gemein machen“, verwendet der Jungredakteur bis heute das „Sie“ in seinen Interviews, auch wenn er mit alt bis gleich jung im Heimatdorf die Du-Ansprache verwendet. Wird es mal ein Headliner, rutscht dann schon mal das Ihr und Euch in den Text.
Papa muss als Quelle herhalten
Leander Nöth hat Spaß an Formulierungen, mit großer Neugier hinterfragt er Dinge, die ihm im Dorfgeschehen auffallen. Logisch, dass Papa Fabian Nöth, der Ortsreferent und Stadtrat (Neue Wege) als Quelle herhalten muss, auch um Zusammenhänge zu verstehen. „Aber sonst halte ich mich raus. Ich wundere mich schon manchmal, woher Leander die Informationen herholt und vor allem, wie er sie formuliert, so überdeutsch.“
Der Jungverleger, Jung-Chefredakteur und Jung-Reporter beherrscht den Boulevard genauso (Fuchsproblem „Fast jede Nacht, sinkt die Zahl von Hühnern in Reichenbach!“ ) wie das Interview („Wie fanden sie den Dorfflohmarkt?“) und die präzise Sachdarstellung („Die Stimmung war gut. Bürgermeister Michael Kastl kam um 18.49 Uhr zur Bürgerversammlung“).
Übergang zur Kundenbindung
Er geht auch Dingen auf den Grund, beschreibt eine Situation ziemlich treffend und löst schon mal eine Emotion aus („Wir haben zusammengehalten und dem Baum gezeigt, wer hier das Sagen hat!“). Sehr beliebt sind im „Verlagshaus“ die Witzseite und vor allem die Serien.
Leander schafft damit den Übergang zur Kundenbindung. „Wenn sie mehr wissen wollen, lesen sie die nächste Ausgabe“. Dort ist dann zu lesen: „Herzlich willkommen zu dieser 4-monatigen Artikelserie!“ Der Igel oder die Natur im Allgemeinen steht dabei im Mittelpunkt.
Der Bildung im Dorf hilft Leander dadurch auf die Sprünge, wenn er in einer weiteren Serie „fast vergessenes“ aufbereitet. „Wer kennt Bauholzgroabe, Stehgliberer, Rölerschkatz oder Todewech?“ Jede Ausgabe der Chicken-Zeitung klärt über den Begriff auf. Bei der Recherche werden Alteingesessene interviewt oder Schriftstücke gefunden, gelesen und veröffentlicht.
Von anlog zu digital
Auf die Frage: „Wie kamst Du dazu, eine Zeitung herzustellen?“ kommt als Antwort: „Wir haben die Main-Post und die Saale-Zeitung und da habe ich immer reingeguckt.“ Papa Fabian ergänzt: „Er hat schon immer gerne gelesen und eigene Geschichten geschrieben. Plötzlich war eine Zeitung da.“
Die „geschäftliche“ Entwicklung der Reichenbacher Dorfnachrichten wandelten sich im Laufe des Jahres 2024 von der handgeschriebenen Ausgabe – „Da waren mehr Fehler als Wörter drin“ – zu PC gestützten Zeitungen im DIN-A4-Format: „Hier gibt’s Rechtschreiberkennung und besseres Layout“ bis hin zur Titeländerung.
Mehr Auflagen werden nötig
Geheftet wird mit Büroklammern, und die eine oder andere Papierspende kam auch schon mal in den „Verlag“. Aus der „Nöth-Zeitung“ wurde die „Chicken-Zeitung“ und das Ziel einer Auflagenerweiterung wurde ins Auge gefasst. Nicht nur der Opa, die Eltern und die Schwester wurden Abonnenten, sondern weitere Interessenten wollten das Dorfblatt unterstützen.
Denn wann kommt man als Dorfbewohner schon mal selbst in die Zeitung? Mit den Fotoserien des Jungtalents ist die Chance groß. Leander weiß – dank Papa – wo Projekte vor der Realisierung stehen. Da wird schon mal der Mann am Bratwurststand oder die Träger von Bänken und Tischen abgelichtet. Da gibt es den Reisebericht von den Karl-May-Festspielen in Elspe oder Bilder vom letzten Fasching. Sehr professionell ist die Kennzeichnung der Texte oder Bilder.
Wenn die Zeitung schon das „Chicken“ im Titel führt, lässt man den tierischen Gefährten auch die mediale Aufmerksamkeit zukommen: „Tierischer Terroranschlag auf Reichenbacher Hühner – Chicken Zeitung ermittelt gegen Greifvogel“. Leander Nöth ist via Zeitung im ständigen Gespräch mit seinen Abonnenten. Er macht auf die nächste Nummer aufmerksam, entschuldigt sich, wenn die Ausgabe erst später erscheint („war noch in den Ferien“) und haut auch mal einen April-Scherz raus.
23 Abonnenten
Die juristische Geschäftsfähigkeit lässt noch ein wenig auf sich warten, doch in Sachen Tüchtigkeit nimmt es Leander mit den etablierten Zeitungsmachern auf. Seit 2025 gibt es die Abo-Werbeseite: „Du willst wissen, was in Reichenbach und in Deiner Nachbarschaft los ist? Du willst jeden Monat die neusten Nachrichten?“
Klappern gehört zu jedem Handwerk und Leander verspricht „für 6,00 € jährlich bekommen Sie 12 Monate lang jeden Monat die neuste Ausgabe der Chicken-Zeitung direkt an ihre Haustür geliefert“. Boah, der Zuhörer staunt über das Zukunftsversprechen. 23 Abonnenten lesen die „Chicken-Zeitung“ derzeit, eine Lieferung geht nach Salz (dort wohnt eine Tante).
Ende Dezember wird der Multiunternehmer zwölf Jahre alt. Leander Nöth kann bisher nicht genug von seinem Hobby bekommen. Bei der Schüler-Zeitung „Die Glocke“ des Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasiums sitzt er in der Redaktion. Bereits jetzt ist aber Geschichte, wie ein einheimischer Junge die Reichenbacher Medienwelt bei den Wurzeln packt und sie gehörig aufmischt.











