Im Jahr 2016 veröffentlichte die mit späteren Werken preisgekrönte argentinische Schriftstellerin Mariana Travacio (58) ihren Debütroman „Como si existiese el perdón“, der erst jetzt im September erstmals in deutscher Übersetzung von Kirsten Brandt beim Pendragon Verlag unter dem Titel „Ein Mann namens Loprete“ erschien.
In der atmosphärisch dichten Erzählung geht es um Schuld und Vergeltung, um Erlösung und Vergebung. Der Text gleicht einer Fabel, einem zeitlosen Gleichnis. Der Zeitpunkt der Handlung bleibt unbestimmt und könnte demnach zu jeder Zeit und überall stattfinden, wo Menschen zusammenleben.
Ich-Erzähler wird zum Mörder?
In einer bei ewiger Dürre staubigen Einöde einer argentinischen Siedlung betritt ein gewisser Loprete die Bar von El Tano auf der Suche nach seiner Frau Pepa. Bald liegt der Fremde erstochen am Boden, nachdem bei einem Streit unter Alkoholeinfluss plötzlich die Messer gezogen worden waren.
Wer letztlich in dieser unübersichtlichen Situation zum Mörder wurde, ist unklar. Könnte es der junge Ich-Erzähler Manoel gewesen sein, der Adoptivsohn des Barbesitzers? Der Tote wird schnell verscharrt, und Manoel hofft, damit sei es gut. Doch schon bald tauchen drei weitere Lopretes auf, um ihren Bruder zu finden.
El Tano flieht mit Manoel. Beide verstecken sich in der Stadt bei Tanos Schwester. Als Manoel hier von seinem Adoptivvater erfährt, dass es einer der Loprete-Brüder war, der vor Jahren seine Eltern ermordet hat, sinnt der junge Mann auf Rache. Nach einiger Zeit machen sich beide mit einer Gruppe kampffähiger Männer auf, um an den Lopretes Rache zu nehmen.
Wenige Worte, viel Atmosphäre
Die Autorin erzählt ihre Geschichte in kurzen, knappen Sätzen. Ihre Art zu schreiben lässt in gewisser Weise stilistisch an Ferdinand von Schirach denken. Mit wenigen Worten schafft sie viel Atmosphäre. Leerstellen und Gedankensprünge lassen dem Leser ausreichend Raum, die eigene Vorstellungskraft zu mobilisieren und sich selbst die Szenen auszumalen.
So heißt es im Nachwort von Jochen König: „Das, was nicht erzählt wird, ist ebenso relevant wie das geschriebene Wort.“ Erst beides – das Erzählte und das Ausgelassene – bildet zusammen ein Ganzes.
Bedeutende Rolle: Das Wetter
Wichtiger Bestandteil der Szenerie sind bei Travacio Natur und Wetter: Manoel und die ärmliche Dorfbevölkerung leben in einer dürren, asketischen Landschaft, die kaum etwas zum Leben hergibt, während die Großgrundbesitzer-Familie Loprete auf einem von häufigem Regen satten und fruchtbaren Boden ihre Früchte ernten darf.
Auch dramaturgisch spielt das Wetter eine bedeutende Rolle: Während der erste Mord noch unter sengender Sonne geschieht, spielt sich das mörderische Finale in fast mystischer Atmosphäre während eines höllischen Gewitters ab, bei dem die Kontrahenten nicht die Hand vor den Augen sehen und gewissermaßen blind aufeinander losgehen.
Kein Gut und Böse
Im Roman gibt es kein Gut und kein Böse. Keine Person ist völlig unschuldig. Auch die vermeintlich „guten“ Rächer tragen ihre Schuld. So ist der junge Manoel kein klassischer Held, zumal er der Mörder des ersten Loprete-Bruders sein könnte. Er ist, nachdem er vom Mord an seinen Eltern gehört hat, völlig verunsichert, schwankt zwischen Trauer und Pflichtgefühl, zwischen Wut und Ohnmacht. Was Gerechtigkeit ist, bleibt in „Ein Mann namens Loprete“ unbeantwortet.
Was bleibt nach der Vergeltung?
Der nur 120 Seiten starke Kurzroman, dessen Lektüre leicht an einem längeren Feierabend zu schaffen ist, ähnelt auf den ersten Seiten einem typischen Western, der mit einer gewaltvollen und tödlich endenden Kneipenschlägerei mitten im Nirgendwo beginnt.
Doch dieser Eindruck täuscht: Der Autorin geht es nicht um Action und Gewalt, sondern um die Frage, wohin uns Rachegelüste letztlich führen und was uns nach der Vergeltung bleibt. Am Ende steht fest, „dass der Pfad der Rache nicht von Erlösung gekrönt wird“, wie es Jochen König in seinem Nachwort formuliert: „Er bleibt ein einsamer, schattenbehafteter, der von gegenwärtigen und zukünftigen Albträumen und seltenen Augenblicken innerer Einkehr flankiert wird.“
Informationen zum Buch: Mariana Travacio: „Ein Mann namens Loprete“, Pendragon Verlag, gebunden, 128 Seiten, Preis: 22 Euro, ISBN 978-3865329103












