Die Illusion – sie war nicht ganz perfekt. Eigentlich sahen Ruth und Arnold Zeller ganz anders aus als die Schauspieler, die die geflüchteten Brückenauer Juden bei einem fiktiven Besuch Ende der 1950er-Jahre anlässlich der 6. Stolpersteinverlegung verkörperten.
Doch die Nachfahren Joan und Eileen Zeller aus den USA störte das nicht, im Gegenteil. Das Schauspiel machte das Schicksal des Vaters und der Tante, die in jungen Jahren vor den Nazis flohen, noch erlebbarer. Und es war ein Zeichen.
Rückkehr nach Bad Brückenau kostete Überwindung
Es war nicht der erste Besuch der Zeller-Schwestern in Bad Brückenau. Eileen war 1986 erstmals da und danach (inklusive jetzt) noch zweimal. Für Joan bedeutete die Reise in die Rhön die inzwischen vierte. Das erste Mal war die U.S.-Amerikanerin mit beider Vater 1990 vor Ort.
Obwohl es Arnold Zeller (geboren am 11. Oktober 1920) schwer fiel, über die Erlebnisse in der Stadt seiner Kindheit und Jugend zu sprechen und er nie dorthin zurückwollte, überwand er sich dann doch. Seine Schwester Ruth Zeller (1. Juli 1923), später Borris, kehrte nie zurück.
Die Geschwister hatten ihre Heimatstadt wahrscheinlich 1936 verlassen müssen. Mit ihren Eltern Michael und Paula Zeller zogen sie zunächst nach Hamburg; später floh die Familie über das englische Southampton in die USA.
Wege, die die Vorfahren gingen
Die Stolpersteinverlegung fanden die Zeller-Schwester „sehr bewegend“. Die Feierlichkeit jedes Moments. Die Vielzahl der Gäste, die ihren Worten konzentriert lauschten. Die Begleitmusik, besonders die von Felix und Olaf Zieseniss, die sehr zur Atmosphäre beitrug.
Die Schauspieler Maike Jansen und Stefan Ferencz hätten die Geschichte ihrer Familienmitglieder zum Leben erweckt. „Auch wenn ich die Storys kannte, war ihre Darstellung meines Vaters und der Schwester an den Orten, wo alles passierte, anders, als wenn man nur die Worte kennt“, so Joan Zeller hinterher.
Starke Beziehung zum Klubertanz-Haus
Bei der Stolpersteinverlegung standen sie und Eileen Zeller auch vorm „Klubertanz-Haus“ am Marktplatz. Dort betrieben Großvater Michael und Großonkel Max Zeller bis 1936 ein Textilgeschäft mit angeschlossener Bank. Arnold half dort als Jugendlicher mit, fuhr auch Waren für seinen anderen Onkel Leopold aus, der Metzger war. Die Eltern der jetzigen Eigentümer Alex and Helene Klubertanz hielten weiter heimlich Kontakt zu den jüdischen Nachbarn.
An diesem Nachmittag nahmen alle Beteiligten Wege, die Ruth und Arnold als Heranwachsende gingen. Zum Beispiel den zum Alten Rathaus, wo der Gedenkort für die Brückenauer Holocaust-Opfer und das Kriegerdenkmal stehen. Vis-a-vis das Haus in der Bahnhofstraße 6, wo Michael, seine Frau Paula, Arnold und Ruth Zeller bis 1936 lebten.
Anfreunden mit Nachbesitzern des Zeller-Hauses
Originellerweise hatten sich Joan und Eileen auf früheren Besuchen mit Nachbesitzern angefreundet. Die hießen auch Zeller, Helmut und Heidi, waren aber weder mit den Vorkriegseigentümern verwandt noch jüdischen Glaubens.
Man verstand sich blendend; heute noch halten die amerikanischen Zeller-Schwestern Kontakt zu den deutschen Zeller-Kindern Barbara und Steffen, die bei der Feierstunde auch Musik spielten.
Auf ihrer Rhön-Reise besuchten Joan und Eileen Zeller zudem den Friedhof in der Leimbachstraße (wo Leopold Zeller liegt), Züntersbach (wo Vorfahren herstammen) und den Ort der früheren privaten Realschule in der Frühlingsstraße.
Verängstigt die Schule verlassen
Ruth Zeller war die letzte Schülerin der Schule mit jüdischem Hintergrund. Ihr Vater meldete sie dort am 8. September 1935 ab. Begründung: Die Zwölfjährige sei (aufgrund von Repressalien) so verängstigt, dass man ihr den Schulbesuch nicht mehr zumuten könne.
Weil die alte Realschule ein Vorgänger des Franz-Miltenberger-Gymnasiums ist, gab es am Tag vor der Verlegung ein Treffen der Zeller-Schwestern mit Schülern – noch ein bewegender Moment.
Großes Interesse bei den Gymnasiasten
Erstere freuten sich über großes Interesse und stetige Aufmerksamkeit der Schüler für ihre Geschichte. Letztere waren beeindruckt, mit Menschen zu sprechen, die Angehörige im Holocaust verloren haben (Max Zeller und seine Frau wurden deportiert und umgebracht).
Sie fragten auch nach den Drangsalierungen, denen die Zeller-Familie in Stadt, Schule und bei der Flucht aus Nazi-Deutschland 1939 ausgesetzt war. Gemeinsam überlegte man, wie sich menschenverachtendem Terror heute vorbeugen lässt.
Hönerlage: auch den Vertriebenen und Geflüchteten gedenken
In seinen Gedanken zur Stolpersteinverlegung sagte Mitinitiator Dirk Hönerlage, „dass wir nicht nur der Ermordeten zu gedenken haben, sondern auch der Vertriebenen und Geflüchteten, die seelische Verletzungen mit sich tragen“. Da passte der fiktive Besuch von Arnold und Ruth Zeller.
Und der reelle der Zeller-Schwestern. Hönerlage wertete ihn als „starkes Zeichen für ein Miteinander gegen jedweden Antisemitismus“.
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