Dass diese „Königin der Nacht“ das hohe C selten sauber trifft, weiß Cosme McMoon. Eigentlich trifft sie kaum einen Ton. Dennoch widerspricht der junge Pianist nicht, als die Möchtegern-Sopranistin meint, selbst das hohe F - das noch über dem hohen C - geschafft zu haben. Was sonst kaum eine kann.
Doch diese reiche, aber talentfreie Frau zahlt gut. Und so lässt sich McMoon engagieren. Er erlebt mit ihr eine bespiellose Karriere - die tragisch endet.
Das wahre Schicksal der Florence Foster Jenkins
Das Stück „Glorious“, das die Laienspielgruppe Spectaculum derzeit auf der Freilichtbühne von Schloss Saaleck aufführt, beruht auf wahren Tatsachen. Im New York der späten 1930er- und 1940er-Jahre wurde die alternde Millionenerbin Florence Foster Jenkins (1868 bis 1944) zum Star. Nicht, weil sie gut singen konnte. Sondern als Gespött der High Society, ohne zu merken, warum. Der Dramatiker Peter Qilter hat ihr Schicksal für die leichte Bühne aufbereitet.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1944. Amerika steht im Krieg und Florence Foster Jenkins (Anne Rauschmann) will ihre Karriere als Opernsängerin vorantreiben. Dabei soll sie der junge Pianist McMoon (gespielt von Regisseur Markus Arneth) unterstützen. Deswegen hat sie ihn zum Kaffeekränzchen geladen.
Dame hat von Operngesang keine Ahnung
Zwischen lauter Nettig- und Belanglosigkeiten merkt der Musiker natürlich schnell, dass diese Dame sehr von sich überzeugt ist: „Ich liebe es einfach, wenn mich alle lieben." Und auch, dass sie von Operngesang keine Ahnung hat.
Wie sonst erklären sich Aussagen wie „Ich bin immer eingesungen". Immerhin bescheinigt er ihr nach einigem Gekrächze höflich ein „Talent, ohne Unterlass singen zu können" und eine „strapazierfähige Kehle". Darüber hinaus drängt er sie aber, ihre Stimme (und seine Ohren) zu schonen.
Erster Teil des Stückes zieht sich etwas
Wie gesagt: Weil die Kundin gut zahlt, lässt sich der Klavierspieler auf einen Deal mit Foster Jenkins ein. Danach kommt die Geschichte aber nicht so richtig ins Rollen; der erste Teil des Stückes zieht sich etwas.
Das Nichttalent der Hauptfigur erkennen die Zuschauer ja schnell. Weitere Peinlichkeiten werden nicht unbedingt gebraucht: So wie die Begebenheit, als die selbsterklärte Diva nach einem Unfall auf dem Weg ins Aufnahmestudio gewahr wird, dass sie (bei einem spitzen Schrei) das hohe F erreicht hat.
Überraschende Wendungen im zweiten Teil von „Glorious“
Und auch das Zweifeln McMoons, ob er diesen lukrativen, aber künstlerisch peinlichen Job überhaupt annehmen soll, dauert zu lange. Die Figur der slowenischen Haushaltshilfe Marija (Lidija Macek-Sollfrank) sorgt zwar für kleine Lacher: Sie wirkt aber teilweise wie ein Fremdkörper.
So richtig Fahrt nimmt „Glorious" erst einige Minuten nach der Pause auf. Da taucht ein Kritiker von der „Gesellschaft der Musikliebhaber von Amerika" auf und hält Foster Jenkins den Spiegel vor.
Kritiker tritt auf den Plan
Der etwas hölzern wirkende Theodore van Wellerhoff (Roger Jaruczak) hält Madame für „eine Schande", einen „Affront gegenüber dem musikalischen Erbe und den Komponisten". Er fordert, sie solle aufhören, droht mit einer Petition.
Opern und Arien seien „eine Kunstform, kein Zirkus", ihre Bewunderer nur gekommen, um sich über sie lustig zu machen, erregt sich van Wellerhoff weiter und urteilt vernichtend: „Lieber kämpfen und sterben müssen, als leben und hören müssen."
Die Diva macht weiter
Die Diva schluckt, (ver)zweifelt kurz - und macht doch weiter. Bestärkt wird sie durch ihren Lebensgefährten und Weiberhelden St. Clair Bayfield (Torsten Korff), Freundin Dorothy (Sandra Eichelbrönner-Fickert) - und natürlich McMoon.
Ein Soloauftritt in der mächtigen Carnegie Hall vor Tausenden von Menschen soll der vermeintliche Höhepunkt der Karriere sein. Ein Triumph, wenn das Haus voll ist, ein Desaster, wenn keiner kommt.
Fortan wirkt die Figur der „First Lady der gleitenden Tonleiter" nicht einfach nur lächerlich, sondern tragisch. Der Lack ist irgendwie ab, das Ende absehbar.
Steiler Aufstieg bis in die Carnegie Hall
Dennoch scheint der steile Aufstieg von Foster Jenkins weiterzugehen. Der Auftritt in der Carnegie Hall wird zum Publikums-Blockbuster (auch wenn die Besucher nur über die Sangeskünste der Diva lachen). Und bei einem Herzanfall ihres Lebensgefährten St. Clair stirbt nicht dieser, sondern nur Dorothys Pudel Ricky. Doch all diese Szenen scheinen unwirklich, vergiftet.
Der finale Absturz der Arien-Queen wirkt dann etwas verschenkt: Dass sie einen Monat und einen Tag nach dem Auftritt in der Carnegie Hall stirbt (wie in der Wirklichkeit), wird lediglich vorgetragen, nicht vorgespielt. Am Ende steht die bittersüße Erkenntnis, dass die Diva „ganz und gar zufrieden“ mit sich gewesen sei. Sie habe „die Stimme eines Engels“ gehabt, „makellos glorios“.
Auslastung von rund 60 Prozent
Das Stück „Glorious" bescherte dem Spectaculum an den ersten beiden Aufführungstagen - Fußball-EM hin oder her - eine Auslastung von jeweils rund 60 Prozent. Besonders erwähnenswert eine als schillernde Opern-Diva überzeugende Anne Rauschmann.
Übrigens: auf Youtube ist Florence Foster Jenkins als „Königin der Nacht" wirklich zu hören. Bilden Sie sich selbst ein Urteil:
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