Viele kennen ihn als „Oerm“. Oder als „den vom Kammerorchester“. Ein Vierteljahrhundert arbeitet Wolfgang Reichelt nun schon für das Ensemble, das im Staatsbad Brückenau seine zweite Heimat gefunden hat. So wie der 53-Jährige Wernecker auch.
Lange schicksalhafte Verbindung
Die schicksalhafte Verbindung mit dem Bayerischen Kammerorchester (BKO) – sie besteht einiges länger als 25 Jahre. Für Reichelt, Jahrgang 1969, war das zehn Jahre später gegründete Kammerorchester Schloss Werneck seit der Kindheit durch Auftritte im dortigen Schlosspark präsent. Als junger Mann verdiente er sich als Ordner und Einweiser bei Konzerten etwas Geld dazu.
Der erste engere Kontakt zum Klangkörper ergab sich 1997 im Vorfeld eines Auftritts des kalifornischen Kronos-Quartetts: Der damalige Geschäftsführer fragte, ob er nicht ein kaltes Buffet herrichten könne. Reichelt hat nämlich drei Berufe gelernt: Krankenpfleger, Koch und Verwaltungsfachangestellter.
Kaltes Buffet hinterlässt Eindruck
Der Wernecker konnte und hinterließ wohl Eindruck: Als wenige Monate später eine Stelle in der Orchesterverwaltung frei wurde, bekam er diese.
Ab 10. Februar 1998 kümmerte sich „der Oerm“ um die Aufgaben, die ihn heute noch beschäftigen: technische und organisatorische Vorbereitung und Betreuung von Konzerten und Tourneen, Fahr- und Transportdienste für die Musiker, Beschaffung von Material inklusive Noten, Erstellen von Statistiken, der Homepage sowie des Layouts des Programmhefts, Finanzkalkulation von Orchesterprojekten und einiges mehr.
Bindeglied zum Freundeskreis
Außerdem pflegt Reichelt den Kontakt zum fürs Kammerorchester sehr wichtigen Freundeskreis. Häufig ist der 53-Jährige für das alles mit dem Fahrrad unterwegs, seit vier Jahren auch mit dem BKO-eigenen Kleinbus.
Das Grundmodell des Ensembles hat sich in all der Zeit nicht gewandelt: Freiberufliche Musiker aus ganz Deutschland finden sich zu Konzerten, Tourneen oder musikalischen Projekten zusammen. Reichelt hat mit Ulf Klausenitzer, Johannes Moesus und seit 2019 Sebastian Tewinkel auch nur drei Chefdirigenten erlebt.
Umzug ins Staatsbad als Einschnitt
In 25 Jahren gab es sonst nur einen bedeutenden Einschnitt, am Anfang seiner Karriere: 2003 versagte der Wernecker Gemeinderat nach Bürgerentscheid 383.000 Euro an Zuschüssen für eine Freilichtbühne im Schlosspark. Das Vertrauensverhältnis war nachhaltig gestört.
Da die Staatlichen Mineralbrunnen Bad Brückenau damals Hauptsponsor waren, wurde der Kontakt in die Rhön intensiver. Mit dem Ergebnis, dass das Orchester seinen Sitz von Werneck ins Staatsbad verlegte. Und sich in Bayerisches Kammerorchester umbenannte.
Am längsten von allen im Orchesterbüro
Reichelt zog mit. „Die Bad Brückenauer haben uns gerne aufgenommen“, sagt er. „Mir hat es auch gut gefallen hier. Dies ist der Ort, an dem ich bisher am längsten lebe.“ Was auch für die Zugehörigkeit zum Orchesterbüro in der Villa „Alter Schwan“ zutrifft. Manager Pavol Tkac und Heike Kötzner fürs Sekretariat kamen erst ein paar Jahre später. Nur die Musiker Dietmar Flosdorf, Karoline Hofmann und Regina Graf gehören ähnlich lang zum BKO wie Reichelt.
Der 53-Jährige, der selbst kein Instrument spielt, hätte nichts dagegen, dort seine berufliche Laufbahn zu beenden. „So ein Orchester ist wie eine Familie, ein eingespieltes Team. Jeder kennt jeden und seine Eigenheiten.“ Inzwischen könne das BKO auf ein treues Publikum bauen, das sich zum großen Teil aus dem Freundeskreis generiere.
Musikern Wünsche von den Augen ablesen
Für Tkac zeichnen Reichelt sein hoher persönlicher Einsatz, seine Belastbarkeit und Organisationstalent bis ins kleinste Detail aus. „Die Musiker schätzen seine zuvorkommende Art sehr; er liest ihnen die Wünsche von den Lippen ab.“
Bleibt zu klären, warum Reichelt „Oerm“ genannt wird. Das ist fränkisch für „Arm“. Und den hat er sich als Kind gebrochen. Lange, bevor er zum Kammerorchester kam.
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