0
Rocketeer Valley Würzburg
Maggie Messer über Scheitern und Neuanfang
BILD 2_maggie messer.JPG
Für Maggie Messer gehören Erfolg und Scheitern unweigerlich zusammen. // Birte Filmer
Signet des Fränkischen Tags von Julian Herzel
Würzburg
Würzburg – Zwischen Schulden, Druck und Klinikaufenthalt: Die Content Creatorin erzählt, wie sie lernen musste, sich selbst nicht mehr nur über Leistung zu definieren.

Der Kaffee schmeckte nach Salz. Maggie Messer erinnert sich an diesen Moment, weil er sich eingebrannt hat – nicht wegen des Kaffees, sondern wegen der beruflichen und seelischen Situation dahinter. Nur einmal pro Woche habe sie sich damals einen Kaffee vom Bäcker gegönnt, erzählt die gebürtige Münchnerin. Mehr war finanziell kaum möglich. Als sie an diesem Tag versehentlich zum Salz statt zum Zucker griff, trank sie trotzdem einen Schluck davon. „Weil ich dachte: Das ist jetzt mein einziger Kaffee diese Woche.“

Es ist eine kleine Szene, die viel von einer Zeit erzählt, in der bei ihr vieles ins Wanken geriet. Finanzielle Sorgen, psychische Belastung, ein Alltag, der kaum noch Halt bot. Heute thematisiert die 36-Jährige auf Instagram (über 24.000 Follower) und Tiktok (über 65.000 Follower), warum Scheitern im Leben dazugehört. Daneben redet sie in ihrem Podcast „Scheitern für Anfänger“ mit bekannten Persönlichkeiten, wie Frank Thelen, über Misserfolge. Beim Rocketeer Valley in Würzburg spricht sie als Speakerin über Scheitern, Druck und den Umgang mit Rückschlägen.

Der Weg in die Selbstständigkeit

„Scheitern ist für mich, wenn man sich davon definieren lässt“, sagt sie. Gleichzeitig sei Scheitern aber auch, Fehler nicht zu reflektieren. Für Messer liegt die Wahrheit irgendwo zwischen Selbstkritik und Selbstzerstörung. Wer nie Verantwortung übernehme, lerne nichts, sagt sie. Wer sich aber ausschließlich über seine Fehler definiere, verliere irgendwann sich selbst. Dass sie darüber heute so offen sprechen kann, war ein langer Prozess.

Mit Anfang 20 machte sich Messer selbstständig. Erst als Fotografin und Videografin, später als Content Creatorin. Sie probierte vieles aus, entwickelte eigene Projekte und entdeckte Social Media als kreative Spielwiese. „Früher hieß es immer: Du musst dich für eine Sache entscheiden.“ Heute sei sie sehr froh, dass sie auf diesen Ratschlag nicht gehört habe.

Zusammenbruch hinter der Kulisse

Dann kam der Kipppunkt: rund 30.000 Euro Schulden und psychischer Druck. Messer zog zurück zu ihrer Mutter. Nach außen versuchte sie, zu funktionieren. Auf Social Media liefen ihre Formate weiter, während sie innerlich kaum noch Kraft hatte. „Ich habe komplett so getan, als wäre nichts“, erzählt sie. Tatsächlich kämpfte sie mit Depressionen, Schlafproblemen und Existenzängsten. Schließlich holte sie sich professionelle Hilfe und verbrachte Zeit in einer Klinik.

Dort machte sie eine Erfahrung, die ihr Verhältnis zu Leistung nachhaltig veränderte. Selbst in der Kunsttherapie hätten viele Menschen Angst gehabt, zu malen – aus Furcht, nicht gut genug zu sein. „Die Leute sind so daran gewöhnt, leisten zu müssen“, sagt Messer.

Warum Scheitern sichtbarer werden muss

Heute spricht sie darüber, wie stark sie ihren Selbstwert früher an Erfolg gekoppelt hatte. An Reichweite. An Projekte. „Natürlich applaudieren dir mehr Leute, wenn du Lionel Messi fotografiert hast, als wenn du in der Klinik warst und dich um deine mentale Gesundheit kümmerst“, sagt sie.

Ihr Blick auf Erfolg hat sich verändert. Zahlen und Klicks seien nicht mehr alles. Erfolg bedeute für sie heute auch, von der eigenen Arbeit leben zu können oder Menschen mit den eigenen Erfahrungen Mut zu machen. Trotzdem sitze da immer noch dieser innere Kommentator, wie sie ihn nennt: „der kleine Harald im Kopf“, der ständig frage, ob sie sich nicht lieber „einen richtigen Job“ suchen sollte.

Gerade deshalb will sie beim Rocketeer Valley offen über das Scheitern sprechen. Weil sie glaubt, dass genau diese Offenheit fehlt. „Wir haben eine schlechte Fehlerkultur“, sagt Messer. Scheitern sei nichts Glamouröses. Es tue weh. Es koste Kraft. Manchmal Jahre.

Alles Wissenswerte rund um das Rocketeer Valley in Würzburg und spannende Hintergrundeinblicke finden Sie in dem interaktiven Online-Magazin.

Inhalt teilen
  • kopiert!