An jenem schicksalhaften Samstag, dem 26. April 1986, genossen die Unterfranken ihr wohlverdientes Wochenende. Der Bad Kissinger Kulturkreis veranstaltete in der Villa Heilmann einen Abend mit Liebesliedern aus dem italienischen Frühbarock. Der Tennisclub Garitz rief seine Mitglieder für 9 Uhr zu einem Arbeitseinsatz auf und im örtlichen Kino lief um 19.45 und 22 Uhr „Police Academy 3“.
Die einzige aufregende Nachricht kam an diesem Tag aus München: Der FC Bayern München hatte am letzten Spieltag der Bundesliga Tabellenführer Werder Bremen die Meisterschaft doch noch entrissen und zum neunten Mal den Titel geholt.
Super-GAU um 1.23 Uhr
Etwa 1280 Kilometer Luftlinie von Bad Kissingen entfernt geschah das Undenkbare: Um 1.23 Uhr Ortszeit explodierte Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der heutigen Ukraine. Es war der bis heute folgenschwerste Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernkraft. Was viele Politiker bis dahin als höchst unwahrscheinlichen „größten anzunehmenden Unfall“ (GAU) verharmlost hatten, war doch passiert.
Doch davon ahnten die Menschen an diesem Wochenende noch nichts. Die sowjetischen Apparatschiks wollten die Katastrophe geheim halten. Erst die Berichte von schwedischen Behörden über erhöhte Radioaktivität machten Tage später klar, dass in der Sowjetunion etwas Furchtbares passiert sein musste.
Die Montagausgabe der Saale-Zeitung bejubelte auf der Titelseite den Triumph der Bayern und trauerte um den beliebten niederländischen Showmaster Lou van Burg („Der goldene Schuss“), der im Alter von 68 Jahren an Leukämie gestorben war.
„Atomreaktor beschädigt“
Die erste kurze Meldung erschien am Dienstag: „Schweres Unglück in sowjetischem AKW“. Die amtliche Nachrichtenagentur TASS hatte am Abend zuvor berichtet, „dass einer der Atomreaktoren der Anlage beschädigt worden sei“. Eine schamlose Untertreibung für den ersten Super-GAU der Geschichte.
Am Mittwoch, 30. April 1986, erfuhren die Menschen im Landkreis Bad Kissingen aus der Zeitung erstmals das Ausmaß der Tragödie. „Katastrophe in sowjetischem AKW“, titelte die Saale-Zeitung. Und weiter: „Reaktorkern in Tschernobyl offenbar geschmolzen. Nach wie vor Unklarheit über das Schicksal der Bevölkerung.“
„Keine akute Gesundheitsgefahr“
Für die Menschen in der Bundesrepublik sah das Innenministerium unter seinem damaligen Minister Friedrich Zimmermann (CSU) zu diesem Zeitpunkt allerdings „keine akute Gesundheitsgefahr“.
Doch der Wind trug die radioaktiven Wolken auch in Richtung Deutschland. Am 3. Mai wurde auf der Titelseite berichtet: „Sorge um die Belastung der Milch“. Kraftfahrzeuge aus Ostblockstaaten wurden an der Grenze auf radioaktive Belastung geprüft. Derweil war der Reaktorunfall für sowjetische Medien immer noch kein bedeutendes Thema und wurde nur am Rande erwähnt.
In der Region Bad Kissingen war die Reaktorkatastrophe dagegen längst ein Thema der täglichen Berichterstattung. „Frischer Salat und Spinat aus Nordbayern belastet“, hieß es am 12. Mai. Ein paar Tage später gab es wieder Entwarnung. Die Nachrichtenlage war schwierig und oft widersprüchlich, die Bevölkerung verunsichert.
Umfrage in Bad Kissingen
Das zeigt auch eine Umfrage der Saale-Zeitung in der Bad Kissinger Fußgängerzone. Margarethe Ebert (20) aus Reiterswiesen: „Die Bevölkerung wird schön dumm gehalten, damit ja keine Panik ausbricht.“ Gerhard Ströbel (23) aus Bad Kissingen bemängelt „den dünnen und widersprüchlichen Informationsfluss“. Er kritisierte auch, dass das Landratsamt keine Informationen zur Lage im Kreis veröffentlicht habe.
Die Redaktion der Saale-Zeitung ergriff die Initiative und organisierte für ihre Leser eine Telefonaktion. Am 16. Mai beantworteten vier Experten zwischen 14 und 16 Uhr die Fragen der Anrufer.
Strahlenmessgerät gefordert
Über die radioaktive Belastung wurde auch in den Stadt- und Gemeinderäten der Region heftig diskutiert. In Bad Brückenau forderte Maria Trutz-Özbe (Grüne), dass die Stadt ein Strahlenmessgerät kaufen soll (Saale-Zeitung, 17. Mai 1986).
Damit könne die radioaktive Belastung von Sandkästen, Spiel- und Sportplätzen exakt bestimmt werden. Geschätzte Kosten: 6.000 bis 7.000 Mark. Bürgermeister Ludwig Müller war von dieser Idee nicht restlos überzeugt, wollte aber zumindest einen Kostenvoranschlag für das Spezialgerät anfordern.
ABC-Zug im Landratsamt
Das Landratsamt Bad Kissingen hatte derweil fünf dieser Detektoren auf Lager und prüfte in Städten und Gemeinden regelmäßig die Belastung durch radioaktive Strahlung. Als Nebeneffekt des Kalten Krieges hatte die Behörde damals auch die notwendigen Experten im eigenen Haus. Gerhard Seufert war Leiter des ABC-Zuges (ABC für atomar, biologisch, chemisch).
Am 31. Mai konnte der ABC-Zug für den FC-Sportplatz in Bad Brückenau vermelden: „Der Zeiger schlägt beim Strahlenmessen kaum noch aus.“ Auch die Kreisgruppe Hammelburg im Bayerischen Jagdschutz- und Jägerverband ließ sich in der Ausgabe vom 3. Juni zitieren: „Wildbret ohne Bedenken genießbar.“
Vage Entwarnung
Die Kreisbehörde unter ihrem damaligen Landrat Marko Dyga (CSU) konnte am 7. Juni zumindest für die Luft schon eine „vage Entwarnung geben“. Über die Belastung der Böden könne das Amt allerdings „wegen des anhaltenden Expertenstreits“ noch keine gesicherten Aussagen treffen.
Die Auswirkungen der Katastrophe von Tschernobyl beschäftigten den Landkreis noch längere Zeit. Doch allmählich verdrängten andere Ereignisse den Super-GAU von den Titelseiten. Am 31. Mai begann in Mexiko die Fußballweltmeisterschaft. Deutschland verlor das Finale gegen Argentinien dank Maradonas legendärer „Hand Gottes“ unglücklich 2:3.
Erster „Kissinger Sommer“
Bad Kissingen bereitete sich auf ein Musikfestival der Superlative vor. Am 27. Juni 1986 wurde der erste „Kissinger Sommer“ eröffnet. In diesem Jahr feiert die international renommierte Konzertreihe ihren 40. Geburtstag.




















