Der nächste Kissinger Sommer ist schon deshalb bemerkenswert, weil er nicht viereinhalb, sondern fünfeinhalb Wochen dauert. Der Grund dafür hat sich herumgesprochen: 40 Jahre Festival müssen natürlich ausgiebig gefeiert werden. Klar, die 50 wäre spektakulärer, aber man kann durchaus jetzt schon feiern, dass der Kissinger Sommer überhaupt so alt geworden ist.
Skepsis in kultureller Wüste
Absehbar war das nicht, als im Juni 1986 im (damals noch) Großen Saal des Regentenbaus der musikalische Reigen mit der Pianistin Elisabeth Leonskaja und dem Ungarischen Staatsorchester unter Thomas Sanderling eröffnet worden war. Die Vorzeichen standen nicht günstig. Die Bevölkerung war verschreckt von diesem plötzlichen und erstmaligen „Musik-Tsunami“, der über sie hereinbrach.
Sie fragten sich, wozu der ganze Aufwand, noch dazu von außen, nötig war, und wollten lieber die Reichenbacher Musikanten hören. Man muss sie da in Schutz nehmen: Woher sollten es die Kissinger wissen, denn sie lebten in einem kulturellen Ödland. Bauernkomödien und lachende Seekisten lockten die Sozialkurgäste ins Kurtheater, aber immerhin kamen viermal im Jahr die Bamberger Symphoniker in den Großen Saal, die noch nicht ihre Philharmonie an der Regnitz hatten.
Ansonsten gab’s dort Friseurmeisterschaften und Katzenausstellungen und gelegentlich einen Ball. „Eure Kultur könnt’s nach mir machen“, war die wegweisende Ansage von Oberbürgermeister Dr. Hans Weiß, der von 1952 bis 1984 die Stadt regierte. Und der Stadtrat sah das mehrheitlich auch so.
Sicheres Programm als Türöffner
Erst bei seinem Nachfolger Georg Straus konnte die Sache ins Rollen kommen. Der sah nicht nur die künstlerischen, sondern auch die wirtschaftlichen Aspekte. Wie etabliert man nun auf einer Tabula rasa ein Festival, auf das niemand gewartet hat – und schon gar nicht in Bad Kissingen.
Denn Konkurrenz gab es bereits genug. Mit den großen Namen der internationalen Konzertszene konnte man nicht wirklich punkten, obwohl Gründungsintendantin Dr. Kari Steff-Wolfsjäger (später Kahl-Wolfsjäger) durchaus über die nötigen Kontakte verfügte. Aber diese „Stars“ konnte man überall hören, und sie waren zum Teil noch nicht erschwinglich.
Man konnte das eigentlich nur über die Programme machen, verbunden mit der Überlegung, wen man als Publikum überhaupt gewinnen kann. Da kamen für ein Klassikfestival eigentlich nur die mittleren und älteren Altersgruppen infrage, die in der Stadt stark vertreten sind – also ein recht konservatives Publikum, das am liebsten das hört, was es schon kennt.
Klassik aus dem Plattenschrank
Die Konzerte wurden, um es überspitzt auszudrücken, zu Streifzügen durch die Plattenschränke der bürgerlichen Wohnzimmer: vor allem Klassik und Romantik, ein bisschen Barock und Renaissance, also viel Beethoven, Mozart und Schubert. Da konnte es passieren, dass man in einem Jahr dreimal die 2. Sinfonie von Brahms oder das Cellokonzert von Dvořák hören konnte.
Das 20. Jahrhundert tauchte selten auf, vor allem die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Als im zweiten Kissinger Sommer im Eröffnungskonzert ein Werk von Alfred Schnittke gespielt wurde, schlugen die Wellen der Empörung hoch. Zur Beruhigung wurde im Stadtrat ein Ausschuss gegründet, der solche „Fehlgriffe“ künftig verhindern sollte. Er hat die Größe besessen, nie tätig zu werden.
Das Konzept der überraschungsarmen und konfliktfreien Programme mag aus heutiger Sicht nicht sonderlich attraktiv gewesen sein, aber es war richtig. Denn allmählich traute sich das Publikum heran. Auch die Kissinger schauten vorbei, wenn sie von Freunden von auswärts gehört hatten, was für ein tolles Festival sie da vor ihrer Haustür haben.
Mutigere Wege und Sonderformate
Das Gesamtkonzept konnte mutiger werden – bis hin zu einer Uraufführung eines Bratschenkonzerts von Franz Hummel. Allmählich tauchte die Gegenwartsmusik auf, vor allem in der Kammermusik. Und es kamen Sonderveranstaltungen und Reihen dazu, die die Festivalroutine auflockerten: etwa das berühmt gewordene spannende Deutsch-Sowjetische Komponistentreffen, bei dem – noch stand der Eiserne Vorhang – die Teilnehmer nach langen Jahren der Funkstille erst einmal eine gemeinsame Sprache finden mussten.
Es gab jedes Jahr ein anderes Gastland und in dem Zusammenhang das eine oder andere eintägige Symposium. Es gab – vorübergehend – im Rossini-Saal eine „Lange Nacht der Neuen Musik“: Die erste dauerte von 22 bis 2.45 Uhr. Es gab von erfahrenen Profis geleitete „Klang Werkstätten“ für junge Musiker. 2006 brachte Kari Kahl-Wolfsjäger die „LiederWerkstatt“ von Bad Reichenhall nach Bad Kissingen, die mittlerweile international stark zur Kenntnis genommen wird. Und jedes Jahr gab es ein Konzert für Schüler. Aber das klassisch-romantische Grundgerüst blieb.
Neue Intendanten, neue Impulse
Mit dem Kissinger Sommer 2017 trat Dr. Tilman Schlömp – er hatte zuvor den Künstlerischen Betrieb beim Bonner Beethovenfest geleitet – die Nachfolge von Kari Kahl-Wolfsjäger an. Er machte die Programmgestaltung elastischer, indem er die Gastländer durch Schwerpunktthemen ersetzte. Gleich im ersten Jahr war das beispielsweise „1830 – Romantische Revolution“, im folgenden Jahr „Aufbruch in die Moderne“.
Und es gelang ihm, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen für fünf Jahre als Festivalorchester zu verpflichten. Er war der Erste, der 2018 den Luitpoldbad-Innenhof als Spielstätte nutzen konnte. Schlömp hatte das Pech, dass in seine Amtszeit die Corona-Pandemie fiel, was die Planungssicherheit schwer beeinträchtigte. 2020 – ausgerechnet im Beethoven-Jahr – musste das Festival komplett abgesagt werden.
Offen für Jung und Pop
Zu Schlömps Nachfolger wurde für 2022 Alexander Steinbeis berufen, der zuvor Orchesterdirektor des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin war. Ihm gelang es in erstaunlichem Maße, die Fenster zu öffnen und den Kissinger Sommer zu durchlüften. Damit gewann er auch das jüngere Publikum, ohne das ältere zu verschrecken.
Denn das klassische Angebot gibt es nach wie vor. Aber es gelang ihm auch die Versöhnung von E- und U-Musik auf künstlerisch hohem Niveau und damit ein Abbau von Schwellenangst. Jetzt gibt es auch Chansonabende, Travestieshows, Rave-Nächte, die wegen der Nachfrage auch schon mal wiederholt werden mussten und vieles mehr.
Steinbeis hat den Kissinger Sommer programmatisch nach Europa geöffnet, indem er Beziehungen in Personen und Werken zwischen Bad Kissingen und der Donaumonarchie, Italien, Frankreich oder Berlin in den Blickpunkt stellt. Aber er hat ihn auch tiefer in die Stadt und an die Bürger gebracht, mit einem Symphonic Mob im Kurgarten und mit vielen kleinen Prélude-Konzerten an verschiedenen Plätzen der Stadt, die den Passanten erfolgreich Appetit auf mehr machen.




















