Deutschland wächst: Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass aktuell 84,3 Millionen Menschen in der Bundesrepublik wohnen, 1,1 Millionen mehr als vor einem Jahr und so viele wie nie zuvor.
Das zeigt auch eine Umfrage der Redaktion in den 26 Kommunen des Landkreises Bad Kissingen: Die Zahl der Haupt- und Erstwohnsitze stieg von 104.352 Anfang 2022 auf 105.509 zum Jahresende. Hauptursache: Der Zuzug von Kriegsflüchtlingen.
304 ukrainische Schülerinnen und Schüler
Nach Angaben der Kommunen sind aktuell mehr als 1300 ukrainische Staatsbürger im Landkreis gemeldet. Laut Schulamtsdirektorin Cornelia Krodel, Leiterin des Bad Kissinger Schulamts und der Steuerungsgruppe Flüchtlinge im Landratsamt, werden aktuell 304 ukrainische Schülerinnen und Schüler im Landkreis unterrichtet. Zum Vergleich: An den Grund- und Mittelschulen gibt es insgesamt rund 5170 Schülerinnen und Schüler.
„Eine große Anzahl von Kindern ist vor allem in den Grundschulen in den Klassen integriert“, berichtet Krodel. Zudem gebe es für rund 110 Schülerinnen und Schüler insgesamt sieben Brückenklassen, und zwar an den Gymnasien Bad Kissingen und Münnerstadt, an der Bad Kissinger Realschule sowie an den Mittelschulen Hammelburg, Bad Brückenau und zwei in Bad Kissingen.
„Im Großen und Ganzen läuft die Beschulung gut“, lautet Krodels Bilanz. Die Sprachförderung der ukrainischen Kinder und Jugendlichen stelle eine „große Herausforderung“ dar. Das Schulamt setze dafür 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, zum Teil ausgebildete Lehrer, zum Teil Drittkräfte.
„Die Hauptaufgabe des Schulamtes ist es mittlerweile, Personal zu suchen“, berichtet Krodel. Nicht nur der Zuzug, sondern auch krankheitsbedingte Ausfälle und Schwangerschaftsvertretungen würden „viel Flexibilität und Kreativität“ erfordern. Angestellt seien auch mehrere ukrainische Lehrkräfte mit guten Deutschkenntnissen.
Rannungen wächst am stärksten
Auch für Kommunen ist der Zuzug eine Herausforderung: Rannungen ist mit einem Plus von 2,6 Prozent anteilig am stärksten gewachsen, von 1141 auf 1171 Bürgerinnen und Bürger. Aktuell leben 28 Ukrainerinnen und Ukrainer in der Gemeinde.
„Das Zusammenleben klappt problemlos“, berichtet Bürgermeister Fridolin Zehner. Alle seien privat untergebracht, Kontakte gebe es etwa beim örtlichen Bäcker und Metzger. „Ein Problem waren die Kindergartenplätze“, sagt Zehner. Die Kita sei eigentlich auf 55 Plätze ausgelegt, es seien aber durch eine Ausnahmeregelung 65 Kinder untergebracht.
Ein Turnraum wurde zum Gruppenraum umfunktioniert, die Kinder müssten nun zum Turnen ins Pfarrheim. Für wenige Wochen musste ein ukrainisches Kind in Poppenlauer betreut werden.
Zum Glück habe der Johannisverein genügend Erzieherinnen gefunden. Wegen der größeren Nachfrage will die Gemeinde voraussichtlich im kommenden Jahr auch zwölf neue Bauplätze am Johannisberg erschließen.
Stadt Bad Kissingen wächst um 425 Einwohner
Auch in der Stadt Bad Kissingen, die seit Jahren wächst, im Jahr 2022 um 425 Einwohner, gebe es „einige Herausforderungen“, heißt es aus dem Rathaus: „Bei den Kindereinrichtungen sind die Anfragen bezüglich der Betreuungsplätze schon vorher groß gewesen und Eltern müssen sich auf Wartezeiten einstellen.“ Deshalb habe Oberbürgermeister Dirk Vogel das Thema bereits mit Amtsübernahme zur Chefsache erklärt.
Im Jahr 2021 meldeten die 26 Kommunen im Landkreis bereits ein Plus bei den Haupt-und Erstwohnsitzen, von 104.073 auf 104.352. Vor allem wegen des Ukrainekrieges ist die Einwohnerzahl 2022 nun noch viel deutlicher gestiegen: um 1157 oder 1,1 Prozent auf 105 509. In 21 Kommunen lebten zum Jahresende 1288 Einwohnerinnen und Einwohner mit ukrainischem Pass, fünf Kommunen machten hier keine Angaben.
Plus 1,9 Prozent in Bad Kissingen
In vier Kommunen ging 2022 die Einwohnerzahl zurück. Prozentual am stärksten in Riedenberg: um neun auf 958 (minus 0,9 Prozent). In Thundorf bedeuten acht Einwohner weniger ein Minus von 0,8 Prozent, den höchsten absoluten Rückgang hatte Nüdlingen mit 25 Einwohnern weniger (minus 0,6 Prozent), gefolgt von Oberthulba mit 24 Einwohnern weniger (minus 0,5 Prozent).
In der Großen Kreisstadt Bad Kissingen sind 425 Menschen neu mit Haupt- oder Erstwohnsitz gemeldet, ein Plus von 1,9 Prozent.
Laut Stadtverwaltung gab es seit Kriegsbeginn 558 Neuzuzüge direkt aus der Ukraine, die Stadt könne aber nicht nachvollziehen, ob diese Menschen alle vor dem Krieg geflohen seien. Auf alle Fälle waren zu Jahresbeginn 154 Ukrainerinnen und Ukrainer bei der Stadt gemeldet, aktuell sind es 585.
Nur eine Nationalität ist häufiger: 879 Bürgerinnen und Bürger haben laut Stadt (auch) einen russischen Pass. Auf Platz 3 sind 436 rumänische Staatsangehörige. Insgesamt gebe es in Bad Kissingen 3520 ausländische Einwohnerinnen und Einwohner und 105 Nationalitäten. Deutlich wird beim Blick in die Statistik, dass ausländische Bürger eher größere Kommunen bevorzugen: In Bad Kissingen gibt es 105 Nationalitäten, in Hammelburg 85, in Thundorf nur zehn, in Rannungen elf.
Unterschiedliche Verteilung
Ganz unterschiedlich verteilt sind auch die Ukrainierinnen und Ukrainer: In Ramsthal wohnten zur Jahresmitte elf Kriegsflüchtlinge, am Ende keiner mehr. In Bad Brückenau stieg die Zahl der Ukrainerinnen und Ukrainer von Anfang 2022 auf Ende 2022 von 14 auf 162, in Bad Bocklet von drei auf 63, im Bereich der VG Euerdorf von vier auf 28, in Münnerstadt von sechs auf 95 und in Oberthulba von einem auf 17.
In Zeitlofs gab es vor Kriegsbeginn drei ukrainische Staatsbürger, der Höchststand waren 33, jetzt sind es noch 17. Sie tragen dazu bei, dass die Bevölkerung dort um 27 oder 1,3 Prozent gestiegen ist. „Vor allem in unserer neuen Schule können wir jedes Kind gut gebrauchen“, freut sich der Zeitlofser Bürgermeister Matthias Hauke.
Das Stadtgebiet Bad Kissingen ist laut Stadt um 2,8 Prozent gewachsen, Winkels um 3,7 und Albertshausen um 4,0 Prozent. In Garitz, Reiterswiesen und Poppenroth gab es ein leichtes Plus, Arnshausen blieb unverändert, Hausen und Kleinbrach schrumpften. Mit der neuen Interimskita in der Steinstraße (Außenstelle des Kliegl-Kindergartens) entspanne sich die Situation etwas.
„Die Interimskita konnte binnen eines halben Jahres umgesetzt werden.“ Seit Juni 2022 läuft die Erweiterung der Kita Poppenroth, die im Juli 2023 fertig werden soll. Mit der Theresienspitalstiftung entstehe eine neue Kindereinrichtung an der Steinstraße mit 188 Plätzen: 53 Krippenplätze, 85 Kindergartenplätze (jeweils vier Gruppen) und 50 Plätze für die Schulkindbetreuung (zwei Gruppen).
In der Grundschule in der Regelklasse integriert
In der Grundschule würden ukrainische Kinder in den Regelklassen integriert. „Die Schülerzahlen pro Klasse sind angestiegen“, berichtet die Stadt. Laut Schulleitungen habe dies zu großem Mehraufwand geführt. Die Kliegl-Mittelschule nutze das ehemalige Telekomgebäude als Außenstelle.
Tische, Stühle und Lernmittel zu besorgen, habe Zeit gekostet und „den städtischen Haushalt mehr als stark belastet, zumal die Stadt dafür in Vorleistung gegangen ist“.
Obwohl Oberthulba 2022 ausnahmsweise leicht geschrumpft ist, geht es dort seit Jahren bergauf: Die Kommune hat heute 60 Einwohner mehr als Ende 2020. „Wir hatten in den vergangenen Jahren immer hohe Geburtenraten, das ist 2022 zurück gegangen“, sagt Bürgermeister Mario Götz.
Gleichzeitig seien mehr Menschen gestorben. Der Bevölkerungszuwachs wirke sich seit Jahren aus, etwa bei der Nachfrage nach Krippenplätzen. Im Kita-Neubau in Thulba gebe es bereits eine zweite Krippengruppe, für Oberthulba werde sie gerade vorbereitet: „Wir sind gewachsen, also müssen wir mit der Infrastruktur nachziehen.“












