0
Flüchtlingsheime
Landkreis Bad Kissingen: Wohin mit den Menschen?
Essensausgabe im Ankerzentrum Geldersheim Mitte Dezember. Die Zahl der Flüchtlinge, die auf den Landkreis Bad Kissingen verteilt werden müssen, ist stark gestiegen.
Essensausgabe im Ankerzentrum Geldersheim Mitte Dezember. Die Zahl der Flüchtlinge, die auf den Landkreis Bad Kissingen verteilt werden müssen, ist stark gestiegen. // Silvia Gralla
LKR Bad Kissingen – Das Ankerzentrum in Geldersheim ist voll. Asylsuchende müssen verteilt werden, auch in den Landkreis Bad Kissingen. Doch Unterkünfte sind dort rar.

Der Hilferuf klingt zaghaft: „Richtig ist, dass wir weiterhin in Unterfranken nach neuen Unterbringungskapazitäten als Gemeinschaftsunterkunft suchen“, schreibt Johannes Hardenacke von der Regierung von Unterfranken. Eigentlich müsste der Sprecher ergänzen: „dringend“. Die Menge an Asylbewerbern im Regierungsbezirk steigt. Ebenso der Druck, sie unterzubringen. Auch im Landkreis Bad Kissingen.

Zahl der Registrierten steigt stetig

Die Zahlen des Ankerzentrums in Geldersheim bei Schweinfurt sprechen für sich. Wurden dort 2020 insgesamt 1689 „aufgenommene Personen“ gezählt, stieg die Zahl der Flüchtlinge danach stetig. 3389 waren es im Jahr darauf. Und für 2022 meldete die Regierung in der Erstaufnahmestelle 8139 Geflüchtete. „Darunter waren 5019 Asylbewerber und 3120 Flüchtlinge aus der Ukraine.“

Der Höchststand von 2015, als 16.521 Menschen das Ankerzentrum bevölkerten, ist damit zwar lange nicht erreicht. Doch derzeit sitzen 1714 Menschen in Geldersheim fest (Stand 16. Januar). „Die Belegungsquote übersteigt damit den Bereich der Vollauslastung von 1500 Personen beziehungsweise einer regelmäßig belegbaren Bettenkapazität von 1200 Personen“, so Hardenacke.

Verteilungsdruck nimmt zu

Klar ist: Der Druck, sie in den Landkreisen zu verteilen, wächst. Nur wo?

Sieben Gemeinschaftsunterkünfte (GU) unterhält die Regierung im Landkreis Bad Kissingen. Alle sind gut belegt.

Am stärksten ausgelastet sind die Teilgemeinschaftsunterkunft (TGU) Bad Kissingen als größte Einheit mit 135 Menschen (Maximalkapazität 138) und Reiterswiesen mit 24 Bewohnern (maximal 27). Mehr Platz scheint noch in den GUs Münnerstadt, Bad Brückenau-Volkers und Ebenhausen sowie den TGUs Hammelburg und Bad Bocklet zu sein.

Allerdings ergänzt Hardenacke, dass man bei 80 Prozent Belegung von Vollauslastung spricht. „Eine Maximalbelegung wird in der Regel nicht erreicht, da Räume immer wieder renoviert werden müssen und nicht immer voll belegt werden können, weil zum Beispiel auf Familien Rücksicht zu nehmen ist.“

Sechs neue dezentrale Unterkünfte

Ähnliches gilt bei den dezentralen Unterkünften des Landkreises. Allein sechs wurden 2022 zusätzlich zur seit 2015 bestehenden in Betrieb genommen, so Sprecherin Natalie Bachmann. Insgesamt seien die Standorte in Bad Kissingen, Stangenroth, Waldfenster, Zeitlofs und Mitgenfeld zu 87 Prozent belegt.

Dass angesichts des Zustroms sowohl Regierung als auch Landratsamt dringend weitere Flüchtlingsunterkünfte suchen, liegt auf der Hand. Hardenacke schreibt aber: „Die Errichtung weiterer Anschlussunterbringungskapazitäten ist für uns und die Kreisverwaltungsbehörden eine enorme Herausforderung.“

Notunterkunft noch nicht benötigt

Natalie Bachmann gibt etwas Entwarnung: „Bisher gestalten sich die Zuweisungen in den Landkreis so, dass eine sofortige Unterbringung in den dezentralen Unterkünften möglich und somit die Belegung der Notunterkunft Bürgerspital in Hammelburg derzeit nicht erforderlich ist.“ Dementsprechend musste der Landkreis keine Turnhallen in Anspruch nehmen. „Das wird nur im Notfall in Erwägung gezogen.“

Auch für die Regierung sind Sporthallen „in der Regel keine Option“, so Hardenacke. Diese lägen meist in kommunaler Zuständigkeit und würden für den Schulsport benötigt. Für eventuelle dezentrale Unterbringungen durch Kreisbehörden böten sich notfalls Containerunterkünfte und/oder Thermohallen an.

Keine Mehrheit im Hammelburger Stadtrat für Bürgerspital

Laut Natalie Bachmann prüft das Landratsamt weiter Objekte, die eventuell zur Anmietung in Betracht kommen. Eines davon wäre sicher das Hammelburger Bürgerspital. Ab Februar wäre es zu haben. Laut Bürgermeister Armin Warmuth gab es Gespräche; der Stadtrat diskutierte, ob das frühere Seniorenheim Flüchtlingsunterkunft werden soll. „In der jetzigen Konstellation gibt es dafür keine Mehrheit“, informiert Warmuth. Man suche „Entwicklungsmöglichkeiten im Sinne der Seniorenbetreuung“.

Der schreckliche Krieg in der Ukraine – er schlägt sich in den Flüchtlingszahlen für Unterfranken und den Landkreis Bad Kissingen nieder. Auch aus anderen Krisengebieten kommen wieder verstärkt Menschen in der Region an. 

17.200 – so viele Menschen aus der Ukraine sind nach Angaben der Regierung in Würzburg inzwischen registriert worden. Besonders viele kamen kurz nach Ausbruch des Krieges, in den Monaten März und April, berichtet Pressesprecher Johannes Hardenacke in seinem Bericht für das Jahr 2022.  Ein Großteil sei in privatem Wohnraum untergekommen. 

Sonderstatus für ukrainische Kriegsopfer

Möglich war das, weil Ukrainer unter den Geflüchteten von Anfang an einen Sonderstatus genießen. Sie erhalten ein befristetes Aufenthaltsrecht, müssen kein Asylverfahren durchlaufen und können nach der Registrierung arbeiten, so die Regierung von Unterfranken. Sie haben auch Anspruch auf entsprechende Sozialleistungen. 

Dennoch mussten auch viele Ukrainer mit Gemeinschaftsunterkünften (GU, von der Regierung betrieben) und dezentralen Unterkünften (in der Verantwortung der Landkreise) Vorlieb nehmen. In Unterfranken waren das insgesamt 2.984. 

Vergleichsweise wenig ukrainische Staatsangehörige kamen in staatlichen oder kommunalen Unterkünften im Landkreis Bad Kissingen unter. Hardenacke zählt sechs in den Regierungs-GUs; 36 waren es in  dezentralen Landkreis-Unterkünften. 

Herkunftsländer von 2015 wieder vertreten

Nachdem die Flüchtlingswelle von 2015 vor allem durch Syrer und Afghanen geprägt war, schwillt auch deren Zuwandererzahl wieder an.  In Unterfranken bildeten sie nach den Ukrainern mit 1.695 (Afghanistan) und 1.156 Menschen (Syrien) die stärksten Gruppen. 

Anders als bei den Osteuropäern spiegelt sich das in der Belegung im Bäderlandkreis wider. Die meisten dieser Flüchtlinge kommen nicht privat unter.
So stellten Afghanen die am häufigsten vertretene Nationalität in den Regierungs-GUs (129), gefolgt von Syrern (103). Letztere bilden mit 18 Flüchtlingen die stärkste Gruppe in den Landkreis-Unterkünften; Afghanen gab es dort nur zwei. 

Die Erstaufnahmestelle für Unterfranken in Geldersheim (Landkreis Schweinfurt) ist in Sachen Asylbewerber für folgende Herkunftsländer zuständig: Algerien, Armenien, Elfenbeinküste und Somalia. 

Ankerzentrum für bestimmte Nationen zuständig

Da verwundert es nicht, dass sich unter den dort Registrierten besonders viele Somali (773), Nigerianer (229), Ivorer (193) und Armenier (180) befanden. Aber auch Äthiopier (370) und Iraker waren stark vertreten (338). 

Im Landkreis Bad Kissingen bestätigt sich dieses Bild. Dort lebten vergangenes Jahr 59 Somalier in Regierungs-GUs und 13 in dezentralen Unterkünften. Insgesamt 52 Äthiopier wohnten in GUs im Landkreis, keiner in dezentralen Unterkünften. 

Türken und Russen als neue Gruppen

Bemerkenswert, dass auch Menschen aus Staaten Asyl beantragten, die nicht als klassische Herkunftsländer von Flüchtlingen gelten. So fanden sich 14 Russen in den Unterkünften im Landkreis, jeweils sieben in den GUs und den dezentralen Einrichtungen. Die Türkei war mit 17 insgesamt 17 Geflüchteten vertreten. 

Insgesamt waren vergangenes Jahr 15.105 Menschen in 43 GUs der Regierung und 275 dezentralen Einrichtungen untergebracht. Das ist im Vergleich zu 2021 mehr als sechsmal so viel.

Mehr zu Geflüchteten im Landkreis lesen Sie hier:

Inhalt teilen
  • kopiert!